Hotel Very Welcome

In ihrem mehrfach preisgekrönten Film erzählt die Filmemacherin Sonja Heiss vier Geschichten europäischer Backpacker, die in Asien ihr Glück suchen.

Hotel Very Welcome

In Man spricht deutsch (1988) verkörpert der Kabarettist Gerhard Polt das Klischee des deutschen Urlaubers an der Adria in seiner ganzen Hässlichkeit. Mit der Sprache und Kultur seines Urlaubsziels setzt er sich erst gar nicht auseinander: Schließlich will er sich in einer Umgebung erholen, wo zwar das Wetter besser, ansonsten aber möglichst alles wie zu Hause ist. So schafft er sich im Ausland ein deutsches Ghetto, in dem es Löwenbräu und Wiener Schnitzel ebenso geben muss wie die aktuelle Ausgabe der Bild-Zeitung.

Natürlich ist das kein spezifisch deutsches Syndrom, und die Abgründe des Tourismus können auch ganz anders aussehen. Ein ähnlich Schrecken erregendes Bild bietet etwa der Prototyp des Backpackers aus einer westlichen Industrienation, der genau das Gegenteil von dem sucht, was sich der von Polt karikierte Urlauber wünscht, und sich bewusst von dieser kleinbürgerlichen Art des Reisens abgrenzt. Anstatt die Kultur des bereisten Landes der eigenen unterzuordnen, biedert man sich bei den Einheimischen an, vereinfacht die dortige Mentalität auf einige Schlagworte und gibt sich der Illusion hin, man könne innerhalb einer Woche eine Nation in all ihren Facetten begreifen.

Hotel Very Welcome

Im Zentrum des Films Hotel Very Welcome von Sonja Heiss stehen fünf solche europäischen Individualtouristen, die in Thailand und Indien ihren Urlaub verbringen. Die Reisenden befinden sich entweder im Ausland, weil sie vor ihren Problemen zu Hause weglaufen oder suchen etwas im Urlaub, was ihnen in der Heimat verwehrt geblieben ist. In allen Fällen dient das exotische Land weniger zur Erholung, sondern eher als Projektionsfläche individueller Sehnsüchte. Dabei gestalten sich die näheren Gründe der Figuren sehr unterschiedlich: Die beiden Engländer Josh (Ricky Champ) und Adam (Gareth Llewelyn) etwa wollen auf Strandraves bis in den nächsten Tag hineinfeiern und dabei möglichst viele paarungswillige Frauen kennen lernen. Marion (Eva Löbau) lässt dagegen ihre Beziehungsprobleme in Deutschland hinter sich, um sich in einem Meditationszentrum für Westler selbst zu verwirklichen. Der Ire Liam (Chris O’Dowd) hingegen flüchtet in die Wüste, um sich vor seiner Verantwortung als werdender Vater zu drücken. Nur Svenjas (Svenja Steinfelder) Gründe für ihre Reise nach Thailand bleiben im Verborgenen. Im Gegensatz zu den anderen versucht sie von ihrem Urlaubsort wegzukommen und macht bei der Suche nach einem geeigneten Anschlussflug eine Flirtbekanntschaft am Telefon.

Obwohl die Protagonisten durchaus für die negativen Seiten des Individualtourismus stehen, wirkt es an keiner Stelle so, als wollte Heiss sie deshalb denunzieren. Ihr Blick auf die Figuren bleibt zwar distanziert und lässt keine direkte Identifikation zu, hat aber immer etwas Liebevolles. Heiss bedient sich sowohl bei Elementen der Dokumentation wie auch des Spielfilms. Zum einen wird auf eine wirkliche Handlung verzichtet und mit Improvisation gearbeitet, gleichzeitig agieren die jungen Schauspieler aber nach den Vorgaben eines Drehbuchs und ihre Figuren machen eine in konventioneller Spielfilmdramaturgie gebräuchliche Wandlung durch. Dabei gelingt es Heiss jedoch nicht, etwas wirklich Bemerkenswertes aus den beiden gegensätzlichen Ansätzen herauszuholen, sie verliert sich zu oft in oberflächlichen und beliebigen Betrachtungen.

Hotel Very Welcome

Hotel Very Welcome bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen einigen treffenden Beobachtungen über westliche Backpacker und einer Anhäufung von trivialem Geschwätz, weshalb die einzelnen Erzählstrange und Szenen qualitativ auch sehr unterschiedlich ausfallen. Die Episode um Josh und Adam zeigt etwa auf eindringliche Weise, wie eine Freundschaft durch die Isolation in einem fremden Land zu einer belastenden, von Abhängigkeit und Machtspielen geprägten Beziehung wird, die in extreme Abneigung umschlagen kann. An keiner Stelle des Films werden die enttäuschten Erwartungen, die so ein Urlaub in einer eigentlich paradiesischen Gegend mit sich bringen kann, so überzeugend dargestellt wie hier. Die Geschichte von Svenja verdeutlicht dagegen mit ihrer Ansammlung von auf Lacher angelegten Plattitüden über interkulturelle Missverständnisse, dass sich der Film selten über Klischees des Rucksacktourismus hinaus bewegt. So scheitert Hotel Very Welcome vor allem daran, dass er nicht genügend selektiert und die wenigen intensiven Augenblicke von einem Übermaß an Belanglosem erdrückt werden.

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