Hotel Ruanda

Über die persönliche Odyssee des Hotelmanagers Paul vermittelt der Film einen beklemmenden Eindruck der Massaker im Ruanda des Jahres 1994.

Hotel Ruanda

Bei den kürzlich ausgestrahlten Oscarverleihungen wurde eine uralte Hollywoodtendenz noch einmal überdeutlich: was sich die amerikanische Filmindustrie und offensichtlich auch ihr Publikum wünscht, ist Emotionskino. Was sie lieben, sind „wahre Geschichten“ mit strauchelnden, aber siegreichen Helden. Insofern waren auch die Nominierungen für Sophie Okonedo als beste Nebendarstellerin und ihren Kollegen Don Cheadle als besten Hauptdarsteller in Terry Georges Hotel Ruanda nachvollziehbar. Beide verkörpern, äußerst intensiv, historische Charaktere in emotionalen Extremsituationen. Doch so ganz lässt sich der mit britischen, kanadischen, italienischen und südafrikanischen Geldern finanzierte Film nicht in die sonstigen Oscar-Beiträge einordnen. In der Sparte bester ausländischer Film wurde Das Meer in mir (Mar Adentro), der Beitrag des Hollywood-erfahrenen Alejandro Amenabár, mit dem ebenfalls bereits in Hollywood tätigen Javier Bardem geehrt.

Im Gegensatz zum durchweg amerikanisch inszenierten und mit einem gleichsam persönlichen wie globalen Thema aufwartenden spanischen Film steckt Hotel Ruanda offensichtlich in einem Dilemma: er wandelt buchstäblich zwischen den Kontinenten, zwischen Zielgruppen und zwischen Anspruch und Erwartung. Die Produktion wird es schwer haben, sich ein großes Publikum zu erschließen, obwohl sie ständig Konzessionen an eine vermeintlich breite Zuschauermasse tätigt.

Hotel Ruanda

Der Film konzentriert sich auf einen heldenhaften Charakter und lässt ihn eine uramerikanische Geschichte durchlaufen, die sich gleichzeitig zu einer europäisch-episch geprägten Odyssee ausweitet: Hotelmanager Paul Rusesabagina gehört der unter belgischem Protektorat unterdrückten Volksmehrheit der Hutu an, seine Frau Tatiana hingegen ist eine Tutsi. Ein radikaler propagandistischer Radiosender hetzt die Massen gegen jene Tutsi auf, ein militärischer Putsch wird vorbereitet und der Präsident ermordet. Die instabile Lage eskaliert und es kommt zu einem 100 Tage währenden Massaker. Dieser Zeitraum wird nicht nur zu einer unaussprechlichen Belastungsprobe für die gesamte Bevölkerung eines Landes, er stellt auch Paul vor immer größere Herausforderungen. Der wortgewandte Manager spielt sein Organisationstalent zur Gänze aus und übernimmt Verantwortung. Zunächst schützt er nur seine Familie, schließlich geht er weit darüber hinaus, rettet die Nachbarn und scheinbar Großteile einer ganzen Stadt. Seine persönlichen Anstrengungen und Qualen vor dem Hintergrund des grauenvollen Genozids lassen den Zuschauer kauernd, mitleidend, erschöpft zurück. Am Ende steht der Triumph. Dieser publikumswirksamen und erfolgsversprechenden Synopsis steht der Handlungsort entgegen: Ruanda im Jahr 1994.

Während Filme wie Schindlers Liste (1993) und Der Pianist (2003) mit dem Holocaust ein globales Publikum zu erreichen vermögen, weil dessen Bilder bereits millionenfach medial verarbeitet sind, besitzt der Genozid in Ruanda für die westliche Hemisphäre noch keine eigenständige Ikonographie. Einerseits sind Motive wie die tausendfach importierten Macheten daher noch unverbraucht, andererseits ist das Grauen hier noch nicht in bestimmten inszenatorischen Versatzstücken vorgeprägt, wirkt also fremd und kann weniger im Bewusstsein des Historischen rational distanziert werden.

Hotel Ruanda

Um also vermeintlich vorprogrammierten Berührungsängsten mit diesem sperrigen Thema vorzubeugen, bemühte sich die Produktion offensichtlich, eine Vielzahl klangvoller Namen an das Projekt zu binden, was auch gelang. So verkörpert etwa Nick Nolte mit gewohnter Präsenz und Körperanspannung einen aus verschiedenen realen Figuren zusammengesetzten Befehlshaber der UN-Truppen. Wichtigstes Vorbild hierfür ist Roméo Dallaire, über den Steven Silver die Dokumentation Zur Schuld verdammt - General Dallaire, die Blauhelme und das Massaker von Ruanda (2001) gedreht hat. Joaquin Phoenix hingegen taucht nur in wenigen Szenen in der Rolle eines amerikanischen Journalisten auf und kann entgegen seines immensen Talentes keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dafür prägt Jean Reno in seiner Nebenrolle als belgischer Konzernchef einige der herausragenden Sequenzen in Hotel Ruanda. Unter anderem gelingt es Regisseur George mit einer Parallelmontage, die Telefonkommunikation zwischen dem in Todesgefahr schwebenden Paul und seinem obersten Vorgesetzten, sowie deren Folgen als nervenzehrenden Wettlauf gegen die Zeit zu inszenieren.

Überhaupt bezieht der Film seine Sogwirkung größtenteils aus der Konzentration auf die Ausdrucksfähigkeit seiner Protagonisten. In den Gesichtern Cheadles und Okonedes spielt sich das Grauen ab, das zunächst in der Angst um den Verlust des Nächsten und dann in der Ohnmacht ob dieses barbarischen Schlachtens liegt. Durch die vielen lebensbedrohlichen Situationen, in die Paul gerät, schafft es Hotel Ruanda beinahe nebenbei, jedenfalls unprätentiös und zum Teil elliptisch, das Leiden der Gesamtbevölkerung zu verdeutlichen. Es ist, als sehe man mit Pauls Blick hinter dessen eigenen Problemen die Gesamtausmaße der furchtbaren Ereignisse. Manchmal liegt das Grauen auch hinter einer dichten Nebelwand, wie Terry George in einer eindringlichen Szene beispielhaft verdeutlicht.

Hotel Ruanda

Wie einst dem historischen Schindler in Spielbergs Film ein Denkmal gesetzt wurde, ehrt der Ire George mit seinem Projekt die Zivilcourage des Paul Rusesabagina. Obwohl der Plot beizeiten wie eine schlichte Saulus-Paulus Geschichte erscheint, gelingt ihm eine intensive und an die Nieren gehende Auseinandersetzung mit diesem Kapitel afrikanischer Geschichte. Ähnlich wie Spielberg erweist sich George als perfekter Arrangeur von Spannungsbögen, eindringlichen emotionalen Szenen und wirkungsvollen metaphorischen Bildern. Den Vergleich mit dem oscarprämierten Schindlers Liste braucht sein Film nicht zu scheuen.

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