Horse Money

Die kolonialen Geister sind lebendiger denn je: In einem Streifzug durch Lissabons Unterwelt erinnert Pedro Costa an die Sklaven der Moderne und deren Dasein in beständiger Nacht.

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Wie Statuen ziehen die Bilder von Horse Money an jenen, die sie betrachten, vorbei: Reglos, verwittert, voller Vergangenheit. Pedro Costa hat erneut einen Film über das Lissaboner Armenviertel Fontainhas gemacht, es ist bereits der vierte. Vielleicht ist Horse Money nun so etwas wie eine Bilanz, ein zittriger, aber resoluter Strich unter all die Jahre der Arbeit und der Suche nach wahrhaftigen filmischen Bildern in dem Bezirk unter der großen, roten Brücke, die den Tejo überspannt. In Ventura, Costas schwarzem Protagonisten, wird die Geschichte all dieser Jahre sichtbar, in ihm scheint sich im Verlauf von Horse Money ein ganzes Universum zu bündeln: die gewalttätige Geschichte Portugals, gleichzeitig die Geschichte Europas und der gesamten Welt, kristallisiert in dieser Figur. Jede Regung, jedes Haar, jeden Blick Venturas registriert Costa minutiös, sodass von Beginn an eine ungeheure Präsenz entsteht. Und doch scheint Ventura stets ein Platzhalter, ein Stellvertreter für eben jenes Andere zu sein: die brutale Kraft der Geschichte, die Gegenwart zu determinieren.

Schwarzsein als genealogische Krankheit

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Mit Horse Money hat Costa einen explizit politischen Film gedreht, und das mit einer Dringlichlichkeit wie selten zuvor. Der aufgrund einer Nervenkrankheit ständig zitternde Ventura streift durch die Unterwelt Lissabons und begegnet einer Reihe ehemaliger Weggefährten. Diese flüstern ihm Ereignisse aus fernster Vergangenheit zu, stets so brüchig, als wären diese Stimmen nicht wirklich da. Als wären diese Leben, diese Biographien schwarzer Einwanderer von den Kapverden etwas, was man sich nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Die Abwesenden, Ermordeten und Verhafteten werden beweint, werden in den Erzählungen wieder existent gemacht, und das verbindende Stigma wird nach und nach offensichtlich. Es ist die Hautfarbe, klar und deutlich. Das Schwarzsein wird in Horse Money zu einer genealogischen Krankheit, zu etwas, das man nicht los wird, etwas, mit dem man bestenfalls in Fontainhas landet – ein Geisterleben. Die vielstimmige Erzählstruktur erzeugt dabei einen Zeit-Raum, in dem sich feste Koordinaten zugunsten einer kollektiven Erinnerung auflösen, die politische Geschichte Portugals wird ewig und augenblicklich zugleich, ein auswegloser black struggle. Dessen Milieu sind jene Krankenhäuser, Slums und Gefängnisse, zwischen denen Ventura immer wieder hin und her wandelt – er ist eine Ausgeburt jener disziplinarischen, kolonialen Hegemonie, die nur wenige, aber dafür machtvolle Codes kennt: einschließen, begradigen, in Form bringen.

Erzählen, was sonst nicht erzählt würde

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Doch der feste Grund des Films, das, was, wenn man so will, wirklich da ist, sind die Bewohner von Fontainhas, die Costa in ihrem Umfeld filmisch inszeniert. Wie in anderen von Costas Filmen hören die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation in diesen Momenten auf zu existieren. Die Bilder bekommen etwas vollends Prekäres, und es entsteht eine fast unwirkliche, weil völlig unsentimentale Empathie, eine Bindung an das Gesehene, die im gegenwärtigen Kino ihresgleichen sucht. Die Figuren brennen sich regelrecht ein, nicht als Individuen, sondern als unsichtbare Masse der Ausgestoßenen, die durch eine Art filmischen Vertrag zu einer Gemeinschaft wird und auf einmal sichtbar, greifbar und vor allem fühlbar ist. Das ist die politische Geste Costas. Black lives matter, dieser jüngst in den USA bekannt gewordene Slogan wäre ein Sinnbild für seine Filmarbeit: Es wird erzählt, was sonst nicht erzählt wird.

Das Ende revolutionärer Versprechen

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Im Gegensatz zur rauen Ästhetik früherer Fontainhas-Filme zeigt Horse Money Lissabon als ein dunkles und abgehalftertes, aber auf verwitterten Hochglanz poliertes Moloch. Bei Tageslicht ist die Stadt ausschließlich durch die getönten Fensterscheiben einer Kantine zu sehen und die verwinkelten Gassen Fontainhas wirken in ihrer nächtlich glänzenden Plastizität fast wie in einem Computerspiel. Das unrettbar Obskure dieser Welt erinnert beizeiten an Lars Von Triers Debütfilm Element of Crime (1984). Es gibt kein Zurück, kein Entkommen aus dieser verrosteten Welt, das Leben ist nur noch ein unaufhaltsamer Kreisel. Portugal wird dabei zu einem Land, dessen revolutionäre Versprechen aus dem Jahr 1974 nicht mehr sichtbar sind. Und dennoch: Die Revolution, sie bleibt auch Costas Lebensthema. Was bleibt von Ereignissen, die mehr als 30 Jahre zurückliegen und in denen sich so viel Hoffnung, so viel Willen verbraucht hat? Costas Antwort ist ernüchternd: Es gibt Dinge – oder präziser: Machtverhältnisse –, die den Einzelnen übersteigen, und jeder Körper hat nur eine begrenzte Halbwertszeit, jeder Körper kann letzten Endes gebrochen werden. Und so winkt Ventura am Ende des Films folgerichtig ab, ihm bleibt nur noch ein Satz zu sagen: „I’m retired.“

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