Honeygiver Among the Dogs

Berlinale 2017 – Panorama: Wo man Jagd auf eine Frau macht, dann aber doch herausfinden muss, dass Männer die Bösewichte sind: In Dechen Roders Langfilmdebüt wird ein bhutanischer Film Noir sukzessive zu einem ökofeministischen Lehrstück.

Honeygiver among the Dogs 3

Ehe wir Choden (Sonam Tashi Choden) zu Gesicht bekommen, hat sich schon ein halbes Dutzend Dorfbewohner über die rätselhafte junge Frau ausgelassen und der Film uns mit Nachdruck zu verstehen gegeben, dass wir uns nur gedulden sollen, ehe all diese beflissenen Hetzer Lüge gestraft werden. Keiner weiß, woher Choden kommt und warum sie sich hier in den Bergen niedergelassen hat, aber man ist sich einig, dass diese Schönheit nur dämonisch sein kann; in einer Mischung aus Faszination und Abscheu werden die Augen aufgerissen, sobald ihr Name fällt. Honeygiver Among the Dogs ist nicht die Geschichte einer femme fatale und auch nicht der Versuch, uns eine femme fatale vorzutäuschen, sondern die Geschichte der Konstruktion einer femme fatale. Die Frau als Verkörperung einer sexuellen Begierde, die in Tod und Zerstörung führt, wenn man ihr erliegt; das altbekannte Muster ist hier nun in nebelverhängten bhutanischen Bergen am Werk, der vermeintlichen femme fatale sehr zum Verhängnis.

Vom dog zum honeygiver

Honeygiver among the Dogs 2

Am Anfang von Honeygiver Among the Dogs treten Polizeistiefel unsachte den Rasen platt –retrospektiv ist das eine passende Einleitung, denn in diesem Film ist Umweltzerstörung Männerdomäne. Ein kleiner Polizeitrupp, angeführt von Kinley (Jamyang Jamtsho Wangchuk), macht Jagd auf Choden. Eine Äbtissin ist verschwunden und Choden wird verdächtigt, daran beteiligt zu sein; die Indizien beschränken sich natürlich auf die ihr zugeschriebene Dämonie. Honeygiver Among the Dogs wälzt sich aber nicht im Unrecht, sondern setzt in dieser Welt der Hunde, in der schöne Frauen nur Hässliches im Sinn haben können, seine größte Hoffnung auf Kinley. Der schneidige Polizist pfeift auf Dämonen, nicht aber auf die ordnungsgemäße Erfüllung von Pflichten; in ihm findet der Film den Handlanger, den er zum honeygiver machen kann. Bevor Kinley aber in der Ehrwürdigkeit des Gleichberechtigungskonvertiten glänzen kann, muss er ein bisschen auf die Fresse fallen. Von dem Punkt an, an dem er seine Uniform ablegt, um sich undercover Choden anzunähern, untergräbt der Film mit sichtlichem Vergnügen das zuvor in wenigen Einstellungen vermittelte Gefühl von Souveränität, lässt ihn zappeln wie einen kleinen Jungen.

Geister und Smartphones teilen sich den Wald

Honeygiver among the Dogs 1

Man mag Choden zwar für unschuldig halten, das Gefühl, dass hier etwas nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, lässt sich aber nicht abschütteln; es ist erst ein zaghafter Einbruch der Fantastik, den man nur schwer an bestimmten Punkten ausmachen könnte. Regisseurin Dechen Roder erschafft eine unheilvolle Welt, macht sich die Aura zunutze, die das Dorf in den Bergen ausströmt. In einer der zahlreichen Szenen, die treffsicher das Spannungsverhältnis zwischen altem Glauben und Moderne ausinszenieren, rät Kinleys Chef eindringlich, sich nicht von der Verdächtigen verzaubern zu lassen; das Gespräch findet natürlich am Smartphone statt. Honeygiver Among the Dogs spielt mit dem Verfremdungseffekt moderner Gerätschaften im gewählten Dekor, weiß, dass wir mitzucken, wenn mitten im Wald Kinleys Smartphone in der Tasche seines traditionellen Gewands vibriert. Das Ganze wird auf die Spitze getrieben, als Kinley an Ort und Stelle einer Buhlerin lakonisch klarzumachen versucht, dass er „nichts Verbindliches“ will. Dämonen, Trachten, Smartphones und die Non-Relationship teilen sich lässig den Raum.

Honig für die Seele

Honeygiver Among the Dogs ist als Krimi kaum ernst zu nehmen; haarsträubend unplausibel, geradezu schlampig, wird der Knoten schließlich gelöst. Dass der Film darin so halbherzig ist, liegt wahrscheinlich daran, dass ihm die Ermittlungen und die anschließende Auflösung nur Mittel zum Zweck sind; über den zu Unrecht auf Choden lastenden Verdacht kann er auf das ungleiche Geschlechterverhältnis aufmerksam machen, über den schließlich aufgedeckten Tathergang auf die Ausbeutung der Natur. Honeygiver Among the Dogs führt beide Stränge zusammen und hält der Umweltzerstörung die Frau entgegen, das schützende, das bewahrende, das aufrechterhaltende Element der Schöpfung, so zumindest die exaltierte These. Und so löst der Film das im Titel enthaltene Versprechen fast auf überraschende Weise ein: Hier wird einem Geschlecht verdammt viel Honig ums Maul geschmiert.

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