Homo sapiens

Das Kino als letzte Philosophie: Nikolaus Geyrhalter imaginiert eine Welt ohne Mensch und weiß, dass Menschen da sind, um sie zu sehen.

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Die Frage, was wäre, wenn der Mensch nicht mehr wäre, setzt voraus, dass ein Mensch sie stellt und entsprechend noch ist. Prognosen lassen sich eigentlich nicht aufstellen, denn um zu sehen, wie die Welt dann aussähe, muss man sehen. Ich stelle die Frage nach einer Welt ohne Du und Ich, und ich komme fragend auf dich und mich zurück – das Denken bewegt sich im Kreis. Den Homo Sapiens zeichnet aus, dass er nicht nur denkt, sondern dass er zum Beispiel diesen Zirkel des Denkens erkennt: Reflexion. Nikolaus Geyrhalters Film reflektiert nicht einfach über eine Welt ohne Mensch, sondern vielmehr über die Zirkularität des Denkens dieser Frage. Dass Homo Sapiens gegen Ende wieder an den Ort zurückkehrt, an dem er begann, hat in diesem Sinne fast zwingenden Charakter. Der cartesianische Beweis, dass ich bin, weil ich denke, hat diesen Kreisgang exemplarisch vollzogen.

Ein sinnvoller Widerspruch

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Die Frage nach einer Welt ohne Mensch ist also im Grunde nicht sinnvoll zu stellen, sie ist immer schon schief, künstlich, könnte man sagen. Nicht zuletzt deshalb kann sie vielleicht nirgendwo besser gestellt werden als im Kino, durch ein Kino, das nicht wäre, würde es niemand sehen, und das alleine deshalb schon in diesem Wiederspruch haust, sich in ihm breit macht, ohne deshalb sinnlos zu werden. Den Widerspruch im Denken hat das Kino nicht geschluckt, aber weil es künstlich ist, muss es das auch nicht, um sinnvoll sein zu können. Fragen wir also nicht danach, was die Welt wäre, wenn niemand mehr fragen könnte, sondern fragen wir danach, wie das Kino, wie Homo Sapiens, diese Frage stellt.

Homo Sapiens setzt sich zusammen aus einer Fülle starrer Einstellungen. Sie zeigen menschenlose Einkaufshäuser und Büros, Kirchen und Hallen, Dünen, Bunker, Strommasten, Achterbahnen, Kinos und – in langen Schwarzbildern – auch den Film selbst: die Vision von einem Film ohne Menschen, die ihn sehen würden, aber eben nur eine Vision – sichtbar gemachte Zukunft. Die Frage von Homo Sapiens ist also nicht, wie die Welt ohne die titelgebende Gattung aussähe, sondern wie man sie sichtbar machen und, das gehört im Kino zur Sichtbarkeit, wie man sie hörbar machen müsste – wie man also umgehen muss mit der Künstlichkeit des grundlegenden Problems.

Das Heulen des Windes

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Nach dem Menschen zerfällt die Welt in Ruinen und die Natur reemanzipiert sich. Fast alle Einstellungen von Homo Sapiens zeigen diesen Parallelismus von Wucherung und Zerfall, manchmal plätschern auch Wasserrinnsale über Mosaike und spülen langsam die Farben aus den Steinen, oder Meereswellen branden mit kriegerischem Eifer gegen Stahlgerüste, die rosten. Es wäre zu einfach, diesen Film als bloße Vision vom Feldzug der Natur zu verstehen, denn die Natur tritt zugleich als fremdbestimmte in Erscheinung. Eine der eindringlichsten Leistungen von Homo Sapiens besteht darin, die Natur an ihre Widerstände prallen zu lassen. Es gibt Bilder in diesem Film, in denen diese Widerstände unüberwindlich sind. Man hört etwa den Wind in einem Betonschacht, wie er sich die Wände entlangpeitscht, auf ewig gefangen zwischen Mauern, die er nicht bewältigen wird – nur das Kino kann das Heulen des Windes in seiner vollen tragischen Wucht zum Ausdruck bringen, denn dort gibt es ja keinen Wind außer dem heulenden, also dem gehörten. Heruntergebrochen aufs Pfeifen, oder an anderer Stelle auf den Flugtanz von Wollmäusen, ist der Wind, ist die Natur, nicht sie selbst sondern nur ihr Bild, und als Bild ist sie zugleich mehr, als sie ist.

Die gegenseitige Intervention

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Der Kampf zwischen Mensch und Natur ist also noch lange nicht ausgefochten. Der Homo Sapiens hat mit seinen Bauten dafür gesorgt, dass er sich selbst überdauert. Ohne dass auch nur ein einziger Mensch in diesem Film zu sehen wäre, ist er noch da, in den Widerständen, die er hinterlassen hat, in ihrer Unverwüstlichkeit und in ihrem Bröckeln. Als ein Gegeneinander von Widerständigkeiten ist Homo Sapiens ein Film über das Fragile und das Zähe am Menschen. Natur und Mensch, seine massiven Hervorbringungen, die Materie, die er ins Dichte zwang, bewegen sich in einem ständigen Übergriff aufeinander. Jede Einstellung macht diese Wechselseitigkeit von Neuem deutlich, und mit jeder Einstellung kommt die Welt zurück auf dieses Spiel der gegenseitigen Intervention. Dieser ständige Rückfall ins immer gleiche Geschehen, in der die Dichte der Materie, vom Plastikbecher bis zum Steinwall, unterschiedlich resistent ist gegen das, was gegen sie rebelliert, macht Homo Sapiens – trotz der Bewegungslosigkeit der Kamera – zu einer unendlich bewegten Collage über das Problem, wie eine eigentlich unstellbare Frage zu visionieren sein könnte: nämlich als eine Welt, deren Widerständigkeiten unterm Strich in ein Gleichgewicht fallen, die mit jeder Einstellung aufs Neue die Frage in den Raum wirft und vom Raum immer neu beantwortet wird – eine Art ewiger Dialog; ständiger Neuentwurf der Frage; permanenter Zirkel. In diesem Kino sind wir die letzten Überlebenden; das Kino ist die letzte Philosophie.

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