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Jede Familie braucht ein Zuhause: Ursula Meiers Kinodebüt entwirft das humoristisch-nachdenkliche Porträt einer Familie und findet für sie eine der treffendsten Metaphern seit langem.

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Ein kleiner, blonder Junge springt aufgeregt vom Frühstückstisch auf: „Hört mal, die reden über uns im Radio!“ In der Tat haben die Verkehrsmeldungen einiges mit der Familie zu tun, von der die französisch-schweizerische Filmemacherin Ursula Meier erzählen will. Denn Marthe (Isabelle Huppert) und Michel (Olivier Gourmet) leben mit ihren drei Kindern in einem Haus direkt an der Autobahn E57. Vor vielen Jahren sind sie hier hergezogen, weil die Autobahn nie zu Ende gebaut wurde. Jetzt soll sie in Betrieb genommen werden.

Und so warten die Eltern und ihre Kinder gespannt auf Georges Schwed und seinen roten Volkswagen, der laut Traffic FM der erste Fahrer auf der E57 sein soll und jeden Augenblick von rechts kommen müsste. Kurz nach der Meldung fährt ein blauer PKW von links nach rechts durch den Bildausschnitt, den das Küchenfenster auf die Autobahn formiert. Ein kurzes Innehalten. Gelächter.

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Mit dieser Leichtigkeit ihrer Figuren und mal feinem, mal tiefschwarzem Humor zeichnet Ursula Meier das 97-minütige Porträt einer proletarisch-kafkaesken Familie. Ganz bewusst konzentriert sie sich dabei auf den Schauplatz des Hauses und bemüht sich immer wieder darum, die Familie auf wenigen Quadratmetern zu zeigen – im Badezimmer, in der Küche, im Schlafzimmer, das während der Schulferien zu einem gemeinsamen Schlaflager mit Matratzen und Decken auf dem Boden umfunktioniert wird. Mit der sensiblen Kamera von Agnès Godard kommt die Filmemacherin ihren Figuren dabei so nah wie möglich, ohne die familiäre Intimität zu durchbrechen. Die Familie bleibt unter sich, der Zuschauer, auch wenn er sie zu verstehen beginnt, Beobachter eines geschlossenen Systems.

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Dessen Funktionsweisen werden dabei vor allem im Umgang der Figuren mit der vom einen auf den anderen Tag befahrenen Autobahn erkennbar, die wie ein bedrohlicher Fremdkörper die familiäre Harmonie zu zerstören droht. Während Michel zunehmend die Nerven verliert und das Haus verlassen will, hält Marthe an ihrer Vorstellung fest, dass eine Familie ein Haus braucht, um ein Zuhause zu haben. Damit ihr Sohn wie früher Rollschuh fahren kann, weckt sie ihn mitten in der Nacht. Damit ihre ältere Tochter wie früher im Garten sonnenbaden und Musik hören kann, hat sie ihr große Kopfhörer gekauft. Sie will unter keinen Umständen noch einmal von vorne beginnen. Eines Abends sagt ihre jüngere Tochter zu ihr: „Ich könnte das nicht, so eingesperrt sein, den ganzen Tag.“ Die zerbrechliche Marthe aber hat genau in dieser familiären Kapsel ihre Sicherheit und ihren modus vivendi gefunden. Und hierin liegt die Tragik dieser Mutterfigur, die für die zunehmende Isolation ihrer Familie verantwortlich ist: Es beginnt alles ganz harmlos mit dem Vergleichen unterschiedlicher Ohropax beim Abendessen. Dann wird Isolierwolle angeschafft, um zumindest die Schlafzimmer vor dem Autobahnlärm zu schützen. Und schließlich werden die Fenster zugemauert. Die Luft wird dünn.

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Sehr souverän und eigenwillig löst sich die Regisseurin in der Beschreibung jenes Szenarios vom Maßstab der Wahrscheinlichkeit und vertraut auf die innere Logik ihrer Geschichte. Ihr Mut zahlt sich aus: Das zugemauerte Haus, mit dem sie den Zuschauer in der zweiten, zunehmend beklemmenden Hälfte des Films konfrontiert, ist wohl eines der stärksten Bilder, das das Kino seit langem für die Familie gefunden hat. Und die Innenräume, die Ursula Meier gemeinsam mit ihrem Szenenbildner Ivan Niclass mit deutlichen Verweisen auf die apokalyptischen Arbeiten von Jeff Wall komponiert hat, werden zum Spiegel der inneren Verwahrlosung ihrer Bewohner.

Ob die größte Gefahr für die Familie von außen oder von innen kommt, darauf will die Regisseurin keine eindeutige Antwort geben. Dafür hofft sie, dass jede Familie sich selbst genügend Luft zum Atmen lässt.

Trailer zu „Home“


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