Holy Lola – Kritik

Eine dokumentarische Fiktion voller Wahrheit: Wie ein adoptionswilliges Paar in Kambodscha mit korrupten Beamten und um einander kämpft. Bertrand Tavernier gelingt es, das Warten auf ein Kind spannend und lehrreich zu gestalten.

Holy Lola

Die Kamera schwenkt aus dem Auto, folgt den sich vor Regen schützenden Fahrradfahrern, den Motorrädern, zieht an den Menschen am Straßenrand vorbei. Überwältigt von der fremden Welt sitzen Pierre und Isabelle im Taxi zum Hotel. Es ist ihr erster Tag in Phnom-Penh. Draußen schüttet es; es ist Monsun-Zeit. Mit den Augen der von Jacques Gamblin (25 Grad im Winter, 25 degrés en hiver, 2004) und Isabelle Carré (Wahnsinnig verliebt, À la folie... pas du tout, 2002) gespielten Protagonisten, entdecken wir Kambodscha. Sie sind, wie die meisten Paare im Hotel, hierher gereist um ein Kind zu adoptieren.

Eine kafkaeske Welt der Bürokratie, der ewigen Gänge zu Ämtern, Behörden, der französischen Botschaft und den Waisenhäusern prägt den Alltag des jungen Paares. Dem Zuschauer wird dabei immer wieder die Beobachterposition zuteil. Die wacklige Handkamera wechselt sich mit glatten Kamerafahrten ab, den dokumentarischen Sequenzen folgen szenische Dialogszenen. Ganz im Gegensatz zu dem aktuell im Kino laufenden Die Höhle des gelben Hundes dominiert hier aber nicht die „Exotik der Fremde“. Altmeister Bertrand Tavernier findet in seinem neuen Film Holy Lola einen Weg das Entdecken einer fremden poetischen Welt darzustellen, inklusive der entsprechenden leuchtenden Farben, und zugleich das Elend der Lebensverhältnisse zu dokumentieren, ohne daraus ein soziales Schaustück zu machen.

Holy Lola

Gemeinsam mit Kameramann Alain Choquart, der mit Tavernier zuletzt 2002 für Laissez-Passer zusammenarbeitete, findet der Filmemacher einfache aber wirksame Bilder. Ganz im Gegensatz zu eben diesem letzten Film Taverniers, gestaltet sich Holy Lola ganz und gar nicht episch – und dennoch bleibt die romanhafte Drehbuch-Konstruktion, unter Mitarbeit Taverniers von seiner Tochter Tiffany und Dominique Sampiero geschrieben, präsent. Einerseits in den Dialogen, die von den charismatischen Schauspielern zwar gekonnt wiedergegeben werden, aber deutlich als geschrieben, als kondensierte Wirklichkeit erscheinen. Andererseits in der Inszenierung der Nebenfiguren, die ganz offensichtlich am „Reißbrett“ entworfen sind, deren Handlungen logisch kohärent bleiben, sich aber nicht immer organisch aus den Charakteren ergeben, sondern primär eine Funktion zu erfüllen scheinen. Diesen Verdacht wird man auch bei der von Lara Guirao glänzend verkörperten Figur Annie nicht los, durch die unter anderem die Thematik der möglichen Krankheit der Adoptivkinder angeschnitten wird. So sucht Annie bei Pierre ärztlichen Rat, denn sie muss entscheiden ob sie ein an Hepatitis B erkranktes Kind adoptiert.

Die wartenden Hotelgäste verbindet die Sehnsucht. Die meisten sind wie Pierre und Géraldine Franzosen – die kambodschanischen Hotelbetreiber servieren auch französische Küche – und teilen mit ihnen die Schwierigkeiten des Adoptionsprozesses: Korrupte Teilzeit-Beamte, ein Arzt, der gegen „Spende“ ihre Akte schneller voranbringen kann, nicht enden wollende Wartezeiten, immer neue Wege, die sie gehen müssen, schließlich das Angebot ein Baby zu kaufen. Die Versuche weiter zu kommen und die Niederlagen folgen aufeinander. Hoffnungsschimmer weichen Enttäuschungen. Doch der Kinderwunsch von Pierre und Géraldine ist so groß, dass sie durchhalten.

Holy Lola

Mit jungenhaftem Charme trotzt Pierre den Rückschlägen, auch dann, als seine Frau mit dem Gedanken spielt, abzureisen und ihn zu verlassen. Ohne Pathos gelingt es den zwei Hauptdarstellern den unbändigen Wunsch ein Kind zu bekommen darzustellen. Jacques Gamblin trägt dazu bei, dass der Film trotz der schwierigen Thematik der Adoption und des Kinderhandels eine überraschend leichte, anekdotische Form annimmt. Die Drehbuchstruktur der sich abwechselnden Berg- und Talfahrten wird vor allem durch die Lebensfreude der Protagonisten unterstützt, aber auch durch das Ensemble der Kinder suchenden Hotelgäste, die zwar auch das Auf und Ab der Gefühle mitmachen und durch ihre Erlebnisberichte die fortschreitende Geschichte unterstützen, aber nie alle gleichzeitig in den Missmut der einzelnen einstimmen. Auf der Tonebene entspricht dem die Musik des Jazz-Musikers Henri Texier, der für Holy Lola zum ersten Mal eine Filmmusik komponierte. Ein wiederkehrendes Motiv von sogenannter Weltmusik dominiert den Film, das fröhlich die in weiten Teilen zirkuläre Struktur der Handlung widerspiegelt.

Die große Qualität von Taverniers Ansatz ist es, mit Holy Lola keine Anklage formulieren zu wollen, sondern lediglich die Zustände zu beschreiben. Und so nimmt der Film auch in gewissen Punkten, wie der Frage ob westliche Adoption im Falle eines Kinderhandels besser sei, als die Waisen der Prostitution in ihrer Heimat zu überlassen, keine definitive Position ein. Allerdings wird zumindest europäische Adoption – die Geld verteilenden US-Amerikaner und Kanadier werden schnell als Korruptionsursprung verurteilt – ganz klar als etwas Positives dargestellt.

Die differenzierte Behandlung der Problematik um die Adoption in Asien wird leider zeitweise vom etwas lehrerhaften Duktus überschattet. Die exemplarischen Situationen und Dialoge legen das konstruierte, wenn auch meisterlich umgesetzte, Drehbuch zu Tage. Es ist überraschend: So kritisch einzelne Aspekte des Filmes auch beleuchtet werden können, bleibt das Entscheidende, dass es Tavernier hier gelingt in einem sehr eigenen Stil, das Dokumentarische und Fiktionale mit einander zu verbinden. Unterhaltsam und spannend zugleich.

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