Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss
Der einflussreichste Film über Nationalsozialismus und organisierten Massenmord war eine amerikanische TV-Serie. Der Vierteiler ersetzte 1979 die NS-Vokabel „Endlösung“ durch das bis heute gebräuchliche Wort „Holocaust“. Marvin Chomskys Meilenstein erscheint nun auf DVD.
„Die Geschichte, die dieser Film erzählen will, ist grauenhaft. Der Film ist ästhetisch grauenhaft. Und grauenhaft ist auch die Vorstellung, dass viele Mitmenschen nur durch eine ästhetische Grauenhaftigkeit von der Grauenhaftigkeit der Geschichte zu überzeugen sein dürften.“ So klagte 1979 ein Filmkritiker der Zeit über Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss. Die NBC-Produktion galt damals als Tabubruch, verhandelte sie doch die Judenvernichtung im Trivialgenre der Serie. Besonders in deutschen Feuilletons wurde eine Banalisierung der NS-Zeit befürchtet. Filmemacher und Intellektuelle fühlten sich von einem amerikanischen Produkt bevormundet und warnten vor einer Kommerzialisierung des Erinnerns. 1984 konterte Edgar Reitz mit seinem Mammutwerk Heimat als deutschem Gegenentwurf zum amerikanischen Holocaust. Heimat erzählt mit viel Lokalkolorit das einfache Leben der „kleinen Leute“ auf dem Land. Holocaust zeigt die vielen Stationen zum Genozid.
Marvin Chomskys Serie trug die Vergangenheit in die deutschen Wohnzimmer. 15-20 Millionen Zuschauer verfolgten die Ausstrahlung in den Dritten Programmen der ARD, Tausende Anrufe und Briefe erreichten den WDR als verantwortlichen Sender. Alle Medien beschäftigten sich aus Anlass von Holocaust mit den NS-Verbrechen. Dem Vierteiler war gelungen, was in diesem Ausmaß weder Historiker, Dokumentaristen, noch die Organisatoren von Gedenkfeierlichkeiten erreicht hatten: die mediatisierten Massen in Deutschland und Österreich für den Holocaust zu interessieren und Empathie für seine Opfer zu wecken. Einige Jahre und zahlreiche filmwissenschaftliche wie soziopolitische Studien später wurde die Mini-Serie allgemein als wichtige Wegmarke für die filmische Darstellung der NS-Zeit gewürdigt. Ein Werk des Mainstreams bewirkte das kollektive Hinschauen.
Holocaust zeigt in sieben Stunden Erzählzeit, die zehn Jahre erzählte Zeit umfassen, die gegensätzlichen Lebenswege der jüdischen Familie Weiss und der „arischen“ Familie Dorf bis ins Jahr 1945. Die Gesamtgeschichte des „Dritten Reichs“ wird exemplarisch an einigen wenigen Figuren verhandelt. Sie erleben möglichst viele historische Stationen und Situationen: die „Reichskristallnacht“, Selbstmord und Vergewaltigung, die Tötung Geisteskranker, Deportation, Flucht und Widerstand. Sie werden Zeugen des Massakers von Babij Jar, erleben das Warschauer Ghetto wie die Lager Buchenwald, Theresienstadt, dazu den Gefangenen-Ausbruch in Sobibor und Auschwitz mit dem Tod in der Gaskammer. SS-Mann Erik Dorf nimmt an der Wannsee-Konferenz teil und wird später durch US-Soldaten gefangengenommen. Der letzte Überlebende der Familie Weiss bricht nach Palästina auf. Dokumentarszenen und Fotografien aus der NS-Zeit, die in die Handlung integriert werden, sollen Brücken zur Authentizität schlagen.
Den Machern der Serie ging es um keine trockene Systemanalyse des Nationalsozialismus, sondern um die individuelle Schuld und die Leiderfahrung ihrer Charaktere und die emotionale Vermittlung an die Zuschauer. Sie schreckten auch nicht davor zurück, Meryl Streep mit der Handkamera beim selbstbeherrschten Gang in die Gaskammer zu begleiten, ohne allerdings den anschließenden Tod zu zeigen. Bis dahin gültige Zeigetabus wurden gebrochen, die Details der industrialisierten Tötung nachinszeniert. Von Exploitation kann jedoch keine Rede sein. Bei aller möglichen Kritik an der Form von Holocaust als (zumindest in den USA) mit Werbeunterbrechungen präsentiertes TV-Stück war die Überführung der „Endlösung“ in den Mainstream der Fernsehproduktion ebenso unausweichlich wie radikal.
Gemessen an heutigen Sehgewohnheiten fällt auf, wie die Serie ihre gewaltigen dramaturgischen Bögen stets mit dem Anliegen der Informationsvermittlung verknüpft und nie auf Kitsch aus ist. Verglichen mit jüngeren NS-Melodramen wie Der letzte Zug (2006) oder dem Genre-Klassiker Schindlers Liste (Schindler’s List, 1993), der eine Neuauflage der alten Kontroversen um die Darstellbarkeit auslöste, erscheint Holocaust bemerkenswert zurückhaltend beim Einsatz suggestiver Erzählmittel: keine Musik, keine ständigen Ranfahrten an tränennasse Gesichter, kein untergründig sexualisiertes Spiel mit NS-Emblemen und Täter/Opfer-Rollen. Die Serie hat sich viel vorgenommen, und sie nimmt sich die nötige Zeit dafür. Trotz der unter Gesichtspunkten der Glaubwürdigkeit geradezu absurden Fülle an Handlungsorten und historischen Geschehnissen bleibt der Erzählrhythmus ruhig. Auch die Leistungen der Schauspieler sind bis in die Nebenrollen beeindruckend.
Höchste Zeit also, dass Holocaust auf DVD zugänglich ist. Nur ein Booklet oder digitale Extras fehlen bei der von polyband Medien herausgegebenen Box. So bleibt die Bedeutung des Mehrteilers als Medienereignis und späterer soziologischer Forschungsgegenstand unerwähnt.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 22.04.2009
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Film-Angaben
Titel: Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss
Originaltitel: Holocaust
USA, Deutschland 1978
Laufzeit: 415 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Marvin J. Chomsky
Drehbuch: Gerald Green
Produktion: Robert Berger, Herbert Brodkin
Bildgestaltung: Brian West
Montage: Alan Heim, Craig McKay, Robert M. Reitano, Stephen A. Rotter, Brian Smedley-Aston
Musik: Morton Gould
Darsteller: Fritz Weaver, Rosemary Harris, James Woods, Joseph Bottoms, Meryl Streep, Sam Wanamaker, Blanche Baker, Michael Moriarty, David Warner, Ian Holm
DVD-Angaben
Titel: Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss
Vertrieb: polyband Medien
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 415 Minuten
Extras: keine
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 24.04.2009
Copyright Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss
Fotos: © Polyband Medien
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