Holy Motors

Sprechende Autos, eine singende Kylie Minogue und der wandelbare Körper von Denis Lavant. Leos Carax is back.

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Denkt man an die Filme von Leos Carax, kommt einem als erstes der Schauspieler Denis Lavant in den Sinn. Bis auf den grandios gescheiterten Pola X (1999) war er in jedem Film des französischen Regisseurs zu sehen. Seine Besonderheit ist es, mit dem ganzen Körper zu spielen, irgendwo zwischen Akrobatik, Slapstick und Straßentheater. Nach beachtlichen 13 Jahren hat Carax nun einen neuen, spektakulären Langfilm gedreht, der eine Ode an den Körper seines Lieblingsdarstellers ist.

Holy Motors erzählt von einem Mann (Lavant), der für ein mysteriöses Unternehmen arbeitet und dessen Aufgabe darin besteht, für kurze Zeit das Leben Anderer zu leben. Auf der Rückbank einer weißen Stretchlimousine – gelenkt von einer attraktiven älteren Dame (Édith Scob), die gleichzeitig Chauffeuse, Motivatorin und Kumpel ist – sitzt er vor einem Schminktisch mit Unmengen an Requisiten und beginnt, sich zu verwandeln.

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Die Identität des Protagonisten ist im ständigen Fluss, ohne dass sich feste Konstanten ausmachen ließen. Alter, Geschlecht oder Gesellschaftsschicht sind hier keine verbindlichen sozialen Kategorien mehr. Lavants Körper, der ein einziger Muskel zu sein scheint, passt sich wie ein Chamäleon an die verschiedenen Gegebenheiten an, mit immer neuen Verkleidungen, aber auch mimisch und gestisch. Der artistische, agile Leib ist vom alten, gekrümmten nur einen Auftrag entfernt. Lavant spielt einen Mann, der viele Identitäten annimmt, selbst aber keine besitzt. Melancholisch blickt er über einen Bildschirm auf die Straßen von Paris, ausgebrannt vom Leben der Anderen.

Wirklich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen sich die elf Rollen von Lavant nicht. Einerseits werden Gesellschaftsgruppen wie eine alte Bettlerin oder ein Familienvater, der seine Tochter von einer Party abholt, imitiert, ohne jedoch klar zu machen, ob es diese Personen wirklich gibt. Dann schweift Carax aber auch immer wieder ins Fantastische und Abstrakte ab. Einmal betritt Lavant etwa in schwarzem Latexanzug und mit leuchtenden Sensoren besetzt eine Fabrik. Was er hier darstellen soll, erschließt sich nicht, vielleicht ein Atom? Was folgt, ist eine Szene mit Licht, Bewegung, Krieg und Sex. Die Assoziationsmaschine läuft immer weiter, während Carax mit sanfter Hand lenkt und seinen Zuschauern Freiheiten lässt, ihnen keine Anleitung gibt, wie sie mit dieser eigenwilligen Form von Science-Fiction umzugehen haben.

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Im Grunde genommen ist Holy Motors aus Frustration entstanden. Carax wollte seit Jahren verschiedene Projekte realisieren, die jedoch immer an Finanzierung und Besetzung scheiterten. Die Reaktion darauf ist dieser im positivsten Sinne verrückte Film, gedreht mit einer Digitalkamera, die der Regisseur, laut eigener Aussage, eigentlich verachtet und nur aus Kostengründen benutzt hat. Carax’ Filme wie Die Nacht ist jung (Mauvais sang, 1986) oder Die Liebenden von Pont-Neuf (Les amants du Pont-Neuf, 1991) waren schon immer exzessiv, genreübergreifend und radikal stilisiert. Diesmal ist er jedoch noch einen Schritt weiter gegangen, denn während sich frühere Arbeiten noch auf eine klar erkennbare Handlung stützten, bleibt in Holy Motors so vieles ungreifbar und rätselhaft, auch grundlegende Dinge wie die wahre Identität des Protagonisten oder die Beweggründe des Unternehmens.

In regelmäßigen Abständen beißt sich der Film an einem kleinen Stück Realismus fest, um sich gleich darauf wieder im surrealen Nirgendwo der ganz eigenen Mythologie des Regisseurs zu verlieren. Holy Motors ist alles zugleich: Thriller, Melodram, Science-Fiction-Film, Experiment und sogar Musical mit einer kaum wieder zu erkennenden Kylie Minogue. Auch Carax’ großes Thema, die unglückliche Liebe, kommt noch zum Einsatz, wenn auch in stark abstrahierter Form.

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Was Carax’ Filme so besonders macht, ist ihre Maßlosigkeit, ihre Verarbeitung verschiedenster Einflüsse, die in Holy Motors von der Künstlichkeit hollywood’scher Studiofilme bis zu den Anfängen des Kinos – in Form kurzer, an die Bewegungsfotografien von Eadweard Muybridge angelehnter Clips – reicht. Sogar Referenzen auf das eigene Werk bezieht Carax mit ein. Das kettenrauchende und blumenfressende Kanalisationsungeheuer Merde aus seinem Beitrag zum Episodenfilm Tokyo! (2008) ist eine von Lavants Verkörperungen. Auf dem berühmten Pariser Prominenten-Friedhof Père Lachaise entführt es ein roboterartiges Topmodel (Eva Mendes) in sein Reich.

Holy Motors ist ein ungebändigtes Monster, reich an Eindrücken, Erzähltönen und Bedeutungsebenen. Viele davon lassen sich gar nicht angemessen beschreiben, sondern müssen erfahren werden. Und das ist für einen Film schließlich eines der schönsten Komplimente, die man ihm machen kann: dass ihm Bilder gelingen, die sich mit den Mitteln der Sprache nicht mehr greifen lassen.

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Kommentare


R.

"Werde ich bestraft?" fragt die Filmtochter von Denis Lavant, als sie von einer Party kommt, bei der sie sich die ganze Zeit im Bad eingeschlossen hatte, weil sie sich selbst nicht mag. "Ja", antwortet dieser, "deine Strafe ist, du musst du selbst sein und damit leben." Kurz nach diesem Satz schminkt sich der Schauspieler und kämpft mit seinem Doppelgänger.

In dem neuen Meisterwerk von Leos Carax öffnet uns der Regisseur höchstpersönlich die Pforten zum Kino, und damit beginnt es schon: der Film im Film im Film...

Alles ist gespielt, das ist klar, denn wir befinden uns ja im Kino. Doch dann wird im Film auch noch gespielt das gespielt wird, das ist auch noch klar. Doch dann gibt es noch eine "Filmrealität", die scheinbar neben dem Spiel stattfindet, doch im Laufe der Zeit wird auch diese immer fragwürdiger.

"Heute sind die Kameras nicht mehr größer als ein Kopf" sagt Denis Lavant im Film und tatsächlich sehen wir im gesamten Film keine einzige Kamera, aber man spürt sie, diese Handysierung im Hintergrund. Alles wird gefilmt, alles aufgezeichnet. Von wem weiß niemand, und wozu auch nicht. Und ist man jetzt, sobald man rausgeht, Mensch oder Schauspieler?

Neben dieser existenzphilosophischen Richtung, wird der Film aber immer mehr zu einer Satire über das Filmgeschäft und ihre Produzenten. Diese Reise beginnt mit den allerersten Schritten des Kinos und endet mit der Übernahme der Maschinen. Dazwischen spielen sich der Schauspieler Monsieur Oscar und der Schauspieler Denis Lavant durch alle Genres, die gebucht werden: Liebesfilm in Virtual Reality, Fantasyfilm mit Eva Mendes, Drama im eigenen Totenbett, Musical mit Kylie Minogue etc. etc.

Doch so, wie sich Monsieur Oscar allen Rollen anpasst, so passt sich auch Leos Carax an, so z.B. als Kylie Minogue ihren herzzerreißenden Musicalsong über die eigene Existenz singt und dabei auf einer Empore den Melodiehöhepunkt schmettert, da zoomt die Kamera schnell heran, wie es jedem Hollywood-Musicalregisseur zur Ehre gereichen würde. Voller Humor ist dieser Carax also auch noch (man denke nur an die wunderbare Szene auf dem Sterbebett und den danach aufkommenden Termindruck der Schauspieler).

"Wondrous, wondrous, wondrous machine" zitiert Robert Bresson Purcell in seinen "Notizen zum Kinematographen" und meint damit Kamera und Tonbandgerät. "Holy Motors" kann somit auch als eine Warnung an Produzenten, Filmemacher und Schauspieler verstanden werden, legt man die Betonung auf "Holy".


S.

Hmmm...interessanter Film, aber nicht Jedermanns Sache. Das Publikum hat öfters mal gelacht, dabei hatte er häufig auch eine sehr beklemmende Wirkung. Der Hauptfigur schien es bei all den verschiedenen Rollen nicht wirklich gut zu gehen, ganz im Gegenteil, hatte die Atmosphäre des Films etwas sehr Trauriges. Ich war sehr hin- und her gerissen zwischen Kino verlassen und gebannt die nächste Absurdität zu abzuwarten. Im Grossen und Ganzen, hätte dem Film von Allem etwas weniger besser getan. Er wirkte sehr überladen durch all die Metaphern, Symbole, Zitate und bedeutungsschwangeren Sätzen. Ein Film der mir als Zuschauer nicht wirklich etwas geben konnte. Man fühlt sich seltsam leer wenn man aus dem Kino kommt.


Maik

Ein Film als mutige, groteske aber ganz wunderbare 'Interpretation' über...Film, Leben, eine zunehmend virtualisierte Realität, den Zwang der Rollen die wir im Leben zu spielen haben? Etwas von allem nach meiner Ansicht. Kein Meisterwerk vielleicht, und nicht ganz leicht verdaulich, aber ganz klar einer der besten Filme dieses Jahres und essentiell für alle die Film als Kunst verstehen welche den eigenen Horizont erweitert.


Visitor Q

"Dann schweift Carax aber auch immer wieder ins Fantastische und Abstrakte ab. Einmal betritt Lavant etwa in schwarzem Latexanzug und mit leuchtenden Sensoren besetzt eine Fabrik. Was er hier darstellen soll, erschließt sich nicht, vielleicht ein Atom? Was folgt, ist eine Szene mit Licht, Bewegung, Krieg und Sex."

der latexanzug mit den leuchtenden sensoren ist ein motion-capture-anzug. die bewegungen des darstellers werden dabei auf eine computeranimation übertragen. wie im film auch gezeigt wird, handelt es sich bei der animation um zwei kopulierende schlangenartige alienkreaturen.






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