Hölle hinter Gittern

Für seinen Sportfilm-Plot interessiert sich Regisseur Jamaa Fanaka herzlich wenig – dafür umso mehr für die wilden Ausschweifungen des Gefängnislebens, für queere Gangs und unbestimmten Sex. Hölle hinter Gittern (Penitentiary, 1979) ist nun erstmals in Deutschland auf DVD erhältlich.

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Von einer Welt außerhalb des Gefängnisses bekommt man in Hölle hinter Gittern (Penitentiary, 1979) nur in den ersten Minuten etwas mit. Der junge Herumtreiber Too Sweet (Leon Isaac Kennedy) lässt sich in einem Niemandsland wie aus dem Western von der heftig flirtenden Hure Linda (Hazel Spears) mit dem Auto mitnehmen. Kurz und bündig erklärt sie ihm, was es in dieser Gegend gibt, nämlich nichts, außer zwei Gefängnissen – eines für Männer und eines für Frauen. Eine unerfreuliche Begegnung mit zwei rassistischen Rednecks später befinden wir uns auch schon in einer dieser beiden Strafanstalten und damit in einer Welt, in der die Triebe regieren und das Recht des Stärkeren herrscht. Von außen wird versucht, diesen bestialischen Mikrokosmos zu ordnen. Die Kriminellen werden dafür in aneinandergereihte Zellen gesteckt und ihr Bewegungsdrang, der sich auf dem Gefängnishof in wilden Choreographien oder plötzlichen Schlägereien entlädt, von den Wärtern gebändigt. Auch der Film selbst organisiert das Chaos, etwa wenn die Kamera das Geschehen kadriert oder durch den Einsatz von Linsen mit hoher Brennweite versucht, so viel Raum wie nur möglich zu erfassen. Doch im Gegensatz zur Gefängnisleitung, die hier, abgesehen von einem dicken, Zigarre rauchenden Kumpeltyp, praktisch nicht vorkommt, ist sich Regisseur Jamaa Fanaka der Unmöglichkeit bewusst, dem Chaos ein Ordnungsprinzip aufzuzwängen.

Monströse Deformation sozialer Realitäten

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Hölle hinter Gittern wird von einem typischen Sportfilm-Plot zusammengehalten, bei dem ein Underdog durch Leibesertüchtigung über sich selbst hinauswächst. Aber so richtig interessiert sich Fanaka nicht für diese Handlung. Es gibt zwar einen älteren Mitgefangenen, der sich aus Selbstschutz dem ewigen Verzicht verschrieben hat und Too Sweet für knastinterne Boxkämpfe stählt, aber das wird eher zur Nebensache – und wirklich Angst haben muss man um den von Anfang an mit einem überlegenen Checker-Lächeln ausgestatteten Burschen sowieso nicht. Nun könnte man dem streckenweise durchaus krude konstruierten Film zwar vorwerfen, er würde seine Aufgabe verfehlen, aber tatsächlich vernachlässigt er nur die Pflicht, um in der Kür umso stärker zu brillieren: Und so hält sich Fanaka weniger mit dem formelhaften Plot auf als mit den wilden Ausschweifungen des Gefängnislebens.

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Jamaa Fanaka gehörte der L.A.-Rebellion-Bewegung an, einer losen Gruppe von Filmemachern aus dem Umkreis der UCLA Film School, die es sich ab Mitte der 1960er Jahre zur Aufgabe machte, ein schwarzes Amerika zu zeigen, das im Kino damals praktisch nicht existierte. Viele Regiearbeiten gingen nicht auf Fanakas Konto – der seinerzeit durchaus erfolgreiche Hölle hinter Gittern macht mit seinen zwei Fortsetzungen schon die Hälfte seiner Filmografie aus. Aber selbst in diesem überschaubaren Werk zeichnet sich eine prägnante Position ab, die präzise Milieuschilderungen mit schrillen Genre-Exzessen vereint. Während etwa sein Film Emma Mae (1976) teilweise in fast neorealistischer Manier von einem naiven Kleinstadtmädchen erzählt, dem in der großen Stadt das Herz gebrochen wird, handelt es sich bei Fanakas Langfilmdebüt Welcome Home, Brother Charles (1975) um einen groben Blaxploitationfilm, der sich über die weiße Dämonisierung schwarzer männlicher Sexualität lustig macht. In Hölle hinter Gittern hinterlassen beide Ansätze ihre Spuren: die Darstellung unbequemer sozialer Realitäten ebenso wie ihre monströse Deformation.

Schweißtreibende Setpieces

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Besonders im Zügellosen und Vulgären findet der Film zu einer überwältigenden Kraft. Er versammelt eine Reihe eigenwilliger Typen, die er zwar teilweise ins Groteske verzerrt, dabei aber nie den Menschen dahinter verrät. Besonders einprägsam ist der brutale Half Dead (Badja Djola), der die Leinwand mit einer aggressiven Körperlichkeit beherrscht. Wenn er seine irre flackernden Augen und seine Zahnlücken in die Kamera hebt, um den Zuschauer anzubrüllen, fühlt man sich wie von einer Naturgewalt niedergemäht. Wer ihm im Ring gegenübersteht oder sich seinen sexuellen Avancen entzieht, hat dementsprechend wenig zu lachen. Ein Gegenentwurf zu Half Dead ist die Transsexuelle Sweet Pea (gespielt von dem Musiker Wilbur 'Hi-Fi' White), die an einem solchen Ort zwar theoretisch ein leichtes Opfer wäre, sich aber mit ihrer queeren Gang rein gar nichts sagen lässt. Dass auch eine Figur wie sie im Film ihren Platz hat, zeigt, dass Fanaka das Gefängnis nicht nur als Bühne für eine potenzierte heterosexuelle Männlichkeit sieht, sondern eher als Querschnitt durch die Gesellschaft – oder zumindest durch ein sozial unterprivilegiertes, überwiegend schwarzes Milieu. Besonders während den Boxkämpfen inszeniert Fanaka schweißtreibende Setpieces, in denen das infernalische Treiben außerhalb des Rings zur eigentlichen Attraktion wird.

„You gotta bring ass to get ass“

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Abseits seiner sportlichen Selbstermächtigungsgeschichte widmet sich Fanaka noch ganz anderen Facetten des Gefängnislebens, zum Beispiel der Sexualität. Ohne die Natur des Begehrens genau bestimmen zu wollen (und damit festzulegen, ob es sich um ein schwules Verlangen oder eine Zwangsbefriedigung handelt), zeigt Fanaka sehr unverblümt, dass es sie überhaupt gibt – und auch wie sie ausgelebt wird: nämlich meist als eine Form des Missbrauchs, die besonders der Frischling Eugene (Thommy Pollard) zu spüren bekommt. Dieser ist schon deshalb eine erwähnenswerte Figur, weil Fanaka ihr streckenweise mehr Aufmerksamkeit schenkt als seinem eigentlichen Protagonisten. Eugene ist gewissermaßen die Spiegelung von Too Sweet. Während an der Souveränität des einen kein Zweifel aufkommt, ist der andere eigentlich zu gutmütig und friedfertig, um im Gefängnis überleben zu können.

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Doch gerade was die Homosexualität im Knast angeht, ist Eugene sehr viel mutiger und ehrlicher als all die Kraftprotze, die ihn umgeben. Seinem Zellengenossen muss er regelmäßig sexuelle Dienste erweisen und wenn er nicht spurt, wird er brutal zusammengeschlagen. Erst durch das Boxen bekommt er ein neues Selbstvertrauen und lehnt sich schließlich gegen seinen Peiniger auf – allerdings mit einem überraschenden Clou. Denn sein wütender Monolog klingt weniger wie der Aufstand eines Vergewaltigungsopfers als nach einem Plädoyer für eine Beziehung auf Augenhöhe. Es ist eine sehr emotionale Szene, in der er nicht hinnehmen will, dass schwuler Sex im Gefängnis nur als Unterdrückungsmechanismus existieren kann und gipfelt in dem wunderbaren Slogan: „You gotta bring ass to get ass!“ Es ist letztlich nur einer von vielen Aspekten des Films, aber dass so ein Moment gerade an einem Schauplatz möglich ist, der im Kino meist mit Witzen über auf den Boden fallende Seifen verknüpft ist, zeigt schon, wie viel soziale Relevanz in diesem Reißer steckt.

Trailer zu „Hölle hinter Gittern“


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