Hobo with a Shotgun

Ein (Alb-)Traum in übersättigtem Technicolor. Hobo With A Shotgun ist in jeglicher Hinsicht „over the top“ – und ein Fest für Fans des wahnwitzigen Exploitationkinos.

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Ein gealterter Wanderarbeiter (nach Blade Runner (1982) die vielleicht markanteste Rolle seiner Karriere: Rutger Hauer) gelangt per Güterzug in eine neue Stadt. Der ursprüngliche Name auf dem Ortsschild lässt sich noch als „Hope Town“ identifizieren, doch über das erste Wort wurde in schwarzen Graffitibuchstaben „Scum“ gekritzelt. Was den Protagonisten wie uns Zuschauer an diesem Fleck des (filmischen) Universums erwartet, das macht der Film dann auch relativ schnell klar: Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt. Ein tyrannischer Drogenboss namens Drake (Brian Downey) kontrolliert die ganze Stadt und statuiert regelmäßig Exempel seiner grausamen Willkür, indem er Menschen auf offener Straße hinrichten lässt.

Tatsächlich spritzen innerhalb der folgenden knapp 90 Minuten derartige Unmengen an Kunstblut über den Bildschirm – die große Kinoleinwand hat Hobo With A Shotgun, selbst beim Fantasy Filmfest, bisher nicht gefunden –, dass im direkten Vergleich sogar der durchaus saftige Planet Terror (2007) noch verhalten wirkt. Zahllose Körperteile fliegen herum, Menschen werden gevierteilt, zerstampft oder mit an Motorrädern befestigtem Stacheldraht enthauptet. Entscheidend bleibt bei diesem Film vor allem eines: seine übertriebene, comichafte Inszenierung.

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Die Übersättigung, zu der Hobo With A Shotgun von Beginn an neigt – neben der hochkontrastierten Gesichtsfarbe des Protagonisten erscheint ein auffälliges Technicolor-Logo in Retro-Design –, zieht sich durch den gesamten Film, wenn etwa nächtliche Straßenschluchten in einem Meer aus tiefem Blau baden, rotes Ketchup-Blut direkt in die Kamera spritzt und Tageslicht und offenes Feuer offenbar nur dazu dienen, surreales Sonnenblumen-Gelb aufleuchten zu lassen. Bei Hobo With A Shotgun ist die exzessive Form der Inhalt, und diese Tatsache steht natürlich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Genreherkunft aus dem neueren Exploitationfilm.

Wie bereits Machete (2010) ist auch Hobo With A Shotgun die Spielfilmerweiterung eines Fake-Trailers aus Quentin Tarantinos und Robert Rodriguez’ Grindhouse-Paket, das vor und zwischen den Hauptfilmen in Amerika insgesamt fünf eigens gedrehte Programmvorschauen zelebrierte. Just der hier besprochene Beitrag von Regisseur/Autor/Cutter/Produzent Jason Eisener wurde damals als einziger nicht in die europäische Verleihversion mit aufgenommen.

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Anders als Machete verzichtet Hobo With A Shotgun ausnahmslos auf mainstreamtaugliche Elemente, und im Gegensatz zu Rodriguez ist Eisener kein erfolgreicher Geschäftsmann, der Stars wie Jessica Alba oder Robert De Niro vor die Kamera bringt, um vom bierdeckelgroßen Drehbuch abzulenken. Künstlerisch ist er ihm aber durchaus überlegen. Ihm reichen eine Handvoll denkwürdiger Ideen (das Kauen auf Glasscherben oder ein brennender Schulbus, untermalt vom Tramps-Hit „Disco Inferno“) und ein abgehalfterter Rutger Hauer als Galionsfigur, der nur selten in Hauptrollen internationaler Produktionen (Die Mühle und das Kreuz, 2011) zu sehen ist und, um den Kreis zu Rodriguez zu schließen, erst 2005 mit den Kurzauftritten in Sin City und in Christopher Nolans Batman Begins so etwas wie ein kleines Comeback feiern konnte.

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Hauer ist die personifizierte Essenz dieses makabren Lichtspiels, sein zerfurchtes Gesicht, das in vielen Nahaufnahmen als Antlitz einer bewusst inszenierten Karikatur gelten darf, begegnet der völlig überdrehten Stimmung des Films mit sturer und gleichzeitig wahnhaft-witziger Mimik. Weit aufgerissene Augen und fletschende Zähne symbolisieren die aufsteigende Tollwut eines alten Mannes, der sein tapfer erbetteltes Geld letztlich doch nicht mehr in den lang gehegten Lebenstraum – den selbstständigen Beruf als Rasenpfleger – investieren möchte.  Und so ist es die gute, alte Schrotflinte, die ihm fortan auf seinem selbstgewählten Rachefeldzug gegen die Kriminellen der Stadt Gesellschaft leistet. An den Western gemahnen daneben auch die Einfahrt des Helden via Zug, das balladenhaft orchestrierte Anfangsthema und die lebensverlängernde Freundschaft mit der jungen, gutherzigen Prostituierten Abby (Molly Dunsworth).

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Neben der laufzeitfüllenden Verortung im urbanen Gewaltkosmos wagt der Film gegen Ende noch einen überraschenden Ausflug ins Fantasy-Genre und lässt in Anlehnung an klassische Videospiel-Strukturen zwei Endgegner mit dem biblischen Namen „Die Plage“ anscheinend direkt aus der Hölle emporsteigen, die schwer bewaffnet gegen den robusten Wanderarbeiter antreten. Das Kostümdesign dieser beiden letzten Figuren (in einer Mischung aus Gladiatorenrüstung und Bikeroutfit, untermalt von treibend-aggressivem Synthie-Sound) und die Actionchoreografie des Finales zeugen einmal mehr von dem kreativen Einsatz genretypischer Verweise bei dieser Produktion („They’re gonna make comics out of my hate-crimes!“).

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Nach Betrachten dieser kakophonischen Tour de Force ist man nicht nur Zeuge des stilistisch wohl konsequentesten Exploitation-Beitrags der letzten Jahre, sondern auch des am programmatischsten zu verstehenden High-Concept-Films seit Snakes On A Plane (2006), denn der Titel ist letztlich das Drehbuch, die gesamte Handlung, ausgedrückt in nur wenigen Wörtern.

Trailer zu „Hobo with a Shotgun“


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