His & Hers

Wie leben Frauen mit ihren Männern in den irischen Midlands? Eine experimentelle ethnografische Studie mit Unterhaltungsanspruch.

His and Hers 01

Siebzig Talking Heads in achtzig Filmminuten sind eine Herausforderung. Ken Wardrop feiert in seinem ersten langen Dokumentarfilm ein rigides Konzept ab: In statischen Einstellungen erzählen Mädchen, Teenagerinnen und Frauen – chronologisch präsentiert, vom Kleinkind bis zur Greisin – von der Interaktion mit dem anderen Geschlecht. Etwa davon, wie es ist, das erste Mal mit Jungs in die Disco zu gehen. Davon, was Papa erlaubt oder was ihn sauer macht. Vom Heiratsantrag, von der Ehe, vom gemeinsamen Altwerden. Ein ganzer Lebenszyklus huscht da in Spielfilmzeit vorbei, so schnell, dass einem schwindlig wird.

Es ist ein Film übers Altern, und wie der Titel etwas einfallslos ankündigt, ist es auch ein Film über das Verhältnis von Frauen und Männern. Vor allem aber entpuppt sich His & Hers als experimentelle ethnografische Studie mit Unterhaltungsanspruch. Wardrop hat in den irischen Midlands gedreht, die Befragten wohnen dort in einem Radius von gerade mal fünfzehn Meilen. Mit ihrem sympathischen irischen Dialekt berichten sie von ihren Beziehungen, und mit jeder Minute wird deutlicher: Die Gemeinsamkeiten sind frappierend. In diesen Familien werden patriarchalische Klischees und Gender-Rollen reproduziert, die jedem fortschrittlich denkenden Zuschauer kalte Schauer über den Rücken laufen lassen dürften.

Mädchen tragen Prinzessinnen-Kostüme und Blumen im Haar, Frauen dekorieren, waschen, bügeln, schälen Kartoffeln und tragen Lippenstift auf. Alternative Lebenskonzepte scheinen in dieser Gesellschaft keinen Platz zu finden, zumindest nicht im Film. Allein schon die Idee von His & Hers geht mit katholisch-konservativen Vorstellungen konform: Frauen werden in Abhängigkeit von ihren Beziehungen zu Männern porträtiert. Die sich ähnelnden Geschichten und der schiere Umfang der filmischen Erhebung drängen die Persönlichkeiten in den Hintergrund, Identifikationspotenzial bietet sich kaum. Der sentimentale Musikteppich, mit dem His & Hers untermalt ist, eignet sich allenfalls als Widerspruch zum Gezeigten.

His and Hers 02

Vordergründig tastet sich der Film liebevoll an die Mädchen und Frauen heran, gerecht wird er ihnen dabei aber kaum. Ihre Porträts sind entschieden unvollständig: Vieles, was diese Persönlichkeiten außerhalb ihrer Beziehungen zu Männern ausmachen könnte, bleibt im Verborgenen, genauso wie alles, was sich nicht in antiquierte Normen einreihen lässt. Singles, queere Identitäten oder homosexuelle Partnerschaften etwa werden ganz ausgeklammert. Vielleicht ist das eben so, in der ländlichen irischen Gesellschaft. Auf jeden Fall aber ist das ein zweifelhafter Ansatz des Films, der Fragen danach aufkommen und sie unbeantwortet lässt.

Gedreht hat Wardrop in den Häusern und Wohnungen der Befragten, herausgekommen sind zum Teil regelrecht absurd anmutende Tableaus. Die kleinbürgerlichen Kulissen mit ihren rosafarbenen Tagesdecken, Gehäkeltem und aufgeräumten Küchen wirken bieder, friedlich und doch unterschwellig bedrohlich: Es stellt sich das Gefühl ein, dass es zwischen den anachronistischen Mustertapeten ordentlich kriselt, dass hier überdurchschnittlich viel sublimiert werden muss. Schon Woody Allen hatte in Innenleben (Interiors, 1978) einen Zusammenhang zwischen Psyche, Wohndekor und Beziehungen hergestellt – ihm gelang dabei aber eine komplexere Analyse als Wardrop, für den das häusliche Ambiente nur mehr der Bereich ist, dem die Frau zugeordnet ist.

Machart und Sujet führen dennoch dazu, dass His & Hers Beziehungen als schematische gesellschaftliche Konstrukte entlarvt. Und das kann durchaus als Qualität des Films gelten, auch wenn das Zusammenspiel von psychologischen und ethnografischen Beobachtungen bei Wardrop eher zufällig wirkt. In diesem Zwischenraum entstehen Motive, die letztlich das Werk dominieren, gewollt oder nicht. Der unkommentierte Blick auf innerfamiliäre Prozesse und die streng formalistische Erzählweise zwingen regelrecht dazu, Vergleiche zu ziehen und Bezüge herzustellen, diese Menschen und ihre Beziehungsgeflechte zu analysieren. Einen Reim darauf machen muss sich jeder Zuschauer letztlich selbst.

His and Hers 03

Wie Perlen an einer Schnur sind die hübsch fotografierten Einstellungen aufgezogen. Höhepunkte gibt es keine, Überraschungen bleiben aus. Was als nächstes kommt, kann man sich denken: Auf das erste Date folgt die Verlobung, dann wird geheiratet und irgendwann gestorben. Dazwischen kommen natürlich Kinder auf die Welt. Heitere Anekdoten sorgen hin und wieder für unterhaltende Intermezzi. Am Ende bleibt der Film belanglos, inhaltlich wie formal, trotz des an sich interessanten experimentellen Ansatzes. Siebzig Talking Heads später ist man höchstens froh, nicht in den irischen Midlands zu leben – zumindest in denen, die Wardrop porträtiert.

Trailer zu „His & Hers“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.