Hinter der Tür

Ein Schweinchen namens Babe auf dem Weg nach Auschwitz – Hinter der Tür ist eine völlig verkorkste Mischung aus Vergangenheitsüberwältigung und niedlichen Tierfilmchen.

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Ein Glück, dass wir die Tiere haben. Beim Kommunizieren mit den Mitmenschen gibt es ja so viele Unwägbarkeiten, dunkle Andeutungen und überhaupt Heimlichtuerei. Tiere aber, Tiere sind immer geradeheraus und ehrlich.

Wer sollte denn auch schlau werden aus der hochnäsigen, wortkargen, unangebracht stolzen Haushaltsgehilfin Emerenc (Helen Mirren), mit ihrer kleinen Wohnung Hinter der Tür, immer und für jeden abgeschlossen? Faszinierend ist sie natürlich schon, als zu knackendes Menschenrätsel. Deshalb wohl unternimmt ihre Chefin Magda (Martina Gedeck), aufstrebende Romanautorin, allerlei Versuche, in Emerencs „Privatgemächer“, in ihre Vergangenheit, in ihre Vertrautheit vorzustoßen. Magda wäre zum Scheitern verurteilt, hätte sie nicht ihren vierbeinigen Gefährten. Denn wo das ratlose Menschenauge nur eine störrische alte Jungfer erblickt, die jeden Tag, ob bei Regen, Hagel, Schnee, die Straße fegt, da springt der brave Hund noch um den x-ten Blätterhaufen freudig kläffend herum und freut sich, draußen zu sein bei dieser im Herzen guten Person. Wenn das wiederum die Hundehalterin sieht, dann weiß sie, dass der Hund spürt, worüber sie gerne Gewissheit hätte. Ob Emerenc eine gute oder eine böse Frau ist, zum Beispiel, und was ihr Geheimnis ist.

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István Szabós Hinter der Tür ist ein zum Haareraufen schmalziges, nach Fernsehen schmeckendes Melo. Er ist angesiedelt inmitten eines Post-56-Ungarns, in dem es sich in großbürgerlicher Gediegenheit noch ganz gut leben lässt, in herrschaftlicher Wohnung, mit Hausangestellten. Alle Aufnahmen, ob in der Abendsonne trocknende Bettlaken oder vom Herbstlaub durchwehte Alleen, scheinen nach Lavendel zu riechen, nach einer rein der Nostalgie ergebenen Vergangenheitsauffassung, in die man sich flüchten möchte, in der alles noch besser war. Was eigenartig ist, denn eigentlich wurden die Schriftstellerin Magda (ein Alter Ego der großen ungarischen Autorin Magda Szabó, deren gleichnamiger Roman die Grundlage des Films bildet) und ihr Ehemann (Károly Eperjes) ja vom kommunistischen Staat verstoßen. Doch in der Filmadaption ist die Stimmung versöhnlich. Die Probleme der Menschen waren noch verständlich, jeder kannte noch jeden, und man genoss gemeinsam das Schöne und ertrug das Schwere im Leben. Ein Jammer, so großartige Schauspielerinnen wie Mirren und Gedeck in einer derart konturlosen paneuropäischen Filmförderungssuppe untergehen zu sehen. Aber die menschlichen Schauspieler sind hier nur zeitgemäß eingekleidete Puppen, um die herum die Tiere hüpfen. Und die Tiere sollen alles, was von heute aus betrachtet noch immer unerklärbar scheint, empfindbar machen.

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In Hinter der Tür gibt es viele knuddelige Aufnahmen, von kleinen Hundewelpen, die tapsig über den Perserteppich watscheln, von Katzen, die zwischen brokatbestickten Sofakissen Verstecken spielen. Irgendwie steht die Tierobsession der Menschen dabei mit der Vergangenheit, speziell mit der Vernichtung der ungarischen Juden, in Zusammenhang. Seit der Shoah ist das Vertrauen zwischen den Menschen erodiert, die Abgründe haben sich aufgetan, und man wendet sich an die tierischen Gefährten für ein wenig emotionale Wärme.

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Emerencs von allerlei schwer verkraftbaren Schicksalsschlägen (in tiefe Brunnen gestürzte Mütter, von Blitzen erschlagene Zwillingsschwestern, nach Auschwitz deportierte Nachbarsfamilien) dramatisierte Lebensgeschichte kennt auch eine Episode, in der ihr als kleinem Mädchen ein Kälblein entrissen und, jämmerlich muhend, in einen Güterzug gepfercht wird. Doch das Kälblein will zu seiner Besitzerin zurück, versucht zu fliehen, wird ergriffen und daraufhin, vor den Augen des heulenden Mädchens, geschlachtet. PETA wäre stolz, das Drama der Viehzucht und das Drama der Judenvernichtung, sie sind sich ja auch zum Verwechseln ähnlich. Speziell in einem Spielfilm ist diese Parallelisierung verabscheuungswürdig. Seine Zuschauer erst mit viel sanft ausgeleuchteter Vergangenheitsverklärung und menschelnder Melodramatik weichzuklopfen, um dann einige historisch ungeformte, rein über den Modus „tierische Niedlichkeit“ funktionierende Sequenzen in der rechten Gehirnhälfte zu deponieren, das erweist der Geschichtswahrnehmung einen Bärendienst.

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Hinter der Tür tritt damit in eine alte Falle: Aus schwer erklärbaren Gründen rührt den menschlichen Zuschauer Gewalt gegen Tiere im Film stärker als Gewalt gegen Menschen. Das unmittelbare Mitgefühl mit dem Tier verdrängt das Reflektieren über die weiter reichenden Bedeutungsebenen, die Repräsentation verdrängt den Sachverhalt. Man setzt sich nicht länger mit dem Unfassbaren auseinander, sondern denkt allein: „Das arme Kälblein!“ Und so schlimm war es damals ja gar nicht, die Menschen waren so nett zueinander, die Häuser waren so schön, keine Computer und kein Stress, die gesunde Luft, das gute Essen, die hübschen Straßen ...

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Kommentare


Martin Zopick

Die schauspielerische Qualität der beiden Kontrahentinnen Martina Gedeck (Magda) und Helen Mirren (Emerenc) ist unbestritten hoch. Sie liefern sich ein Psychoduell auf höchstem Niveau, und auf Augenhöhe. Dabei könnten die beiden Frauen unterschiedlicher nicht sein. Magda, eine intellektuelle Schriftstellerin, noch relativ jung und liberal, Emerenc ihre alte Zugehfrau von Enttäuschungen verbittert, von Gram gebeugt bockig, mürrisch und verschlossen. Sie nennt Magda “Herrin“, ihren Ehemann Tibor “ Gebieter“.
Andererseits sind sie sich in mancher Hinsicht sogar irgendwie ähnlich. Magda ist feminin, eher weich und offen. Ihr Intellekt ist die scharfe Kante, mit der sie sich gegen ihre Umwelt durchsetzt. Emerenc scheint nur äußerlich zu Stein erstarrt, feuert ihre kurzen Antworten wie Gewehrsalven ab. Ihr Weltbild ist klar sozialistisch geprägt, ihre Weiblichkeit hat sie tief vergraben. Nur ganz selten lässt sie sie durchschimmern. Und sie hütet ein Geheimnis ‘hinter ihrer Tür. Das ist wichtig für die Spannung. Erst eine körperliche Schwäche zwingt Emerenc es zu lüften.
Soweit kann man Szabo folgen. Doch dann geht es unter dem Aspekt Atheismus und Christentum in philosophisch abseitsgelegene Gefilde: ‘Ich töte meine Freunde, weil ich sie liebe bzw. ich helfe meinen Freunden nicht, wenn ich sie rette.‘ Am Ende überschattet ein theatralischer Symbolismus die Szene: ein orkanartiger Regenguss ebbt ab, nachdem Magda die tote Emerenc um Verzeihung gebeten hat. Bis auf diesen kleinen finalen Schlenker ein grandioses Kammerspiel, hervorragend in Szene gesetzt.






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