Himala

Marienerscheinungen und Zigarettentricks: Ishmael Bernal zeigt Wunder in einem verarmten Dorf und was sie mit den Bewohnern machen. Himala war 1983 der erste philippinische Berlinale-Wettbewerbsbeitrag und 2012 restauriert in Venedig zu sehen. 

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„Ich glaube nicht an Wunder.“ Ausgerechnet der katholische Priester (Joel Lamangan), in weißer Soutane und mit Kippe in der Hand, spricht diesen Satz, als Elsa (Nora Aunor) ihm von ihrer Marienerscheinung erzählt, und nimmt damit früh ihr atheistisches Schlussplädoyer, den dramatischen Höhepunkt von Himala, vorweg. Natürlich ist der skeptische Kleriker hier auch Sprecher einer Institution, der mit der jäh zur Wunderheilerin avancierten jungen Frau ernste Konkurrenz droht. Glaube interessiert diesen Film, der vom Einbruch des vermeintlich Göttlichen in eine abgelegene philippinische Dorfgemeinde handelt, weniger als individuelle existenzielle Erfahrung denn als ein soziale Flieh- und Bindekräfte entfachendes Phänomen.

Die „Elsa loves you“-Industrie

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Anders als Filme wie Carl Theodor Dreyers Ordet (1955) oder Carlos Reygadas Stellet Licht (2007) bringt Himala auf der Leinwand kein metaphysisches Wunder zur Anschauung, die Spuren des Göttlichen belaufen sich auf eine Frauenstimme aus Richtung des verdorrten Baums, die während der den Film wuchtig eröffnenden Sonnenfinsternis Elsas Namen ruft, und auf die Stigmata, die an ihren Armen erscheinen, als sie vor dem Baum in gemäldewürdiger Pose zum Gebet niederkniet – Spuren also, die einmal als interne Fokalisierung, einmal als psychogenes Phänomen interpretierbar wären. Die Wirksamkeit von Elsas Heilkräften hingegen wird nur mündlich von bereits bekehrten Zeugen überliefert.

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Dennoch erhebt sich der Film nicht über die Wahrnehmungen und Bedürfnisse seiner Figuren, auch ein Buñuel’scher Sarkasmus ist ihm fremd; die sakralen Chöre im Score stehen im unironischen Einklang mit den Empfindungen von Elsas Anhängerschaft, und der in seiner ruhigen Beiläufigkeit nachdrückliche Kamerablick auf all die erblindeten, gelähmten, teils herzzerreißend entstellten Menschen, die von überallher anreisen, ist von Mitgefühl für ihr Leid und ihre Hoffnung erfüllt.

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Keineswegs zeigt Bernal die ländliche Gesellschaft als willenlos bekehrbare Masse – ein Ringen zwischen einer gläubigen und einer skeptischen Position durchzieht Himala vom ersten Dialog an („Geht jetzt die Welt unter?“ „Nein, das ist nur eine Sonnenfinsternis“) –, vielmehr beobachtet er ihren pragmatischen Umgang mit dem Wunder in ihrer Mitte. Denn für das bitterarme, von einer Dürreperiode gebeutelte Dorf ist Elsa, wie der gerade im Wahlkampf steckende Bürgermeister erfreut erkennt, vor allem ein unschätzbar wertvoller Wirtschaftsfaktor, der denn auch fix eine ganze „Elsa loves you“-Industrie mit T-Shirts und frisch abgefülltem Heilwasser installiert und den internationalen Tourismus in Schwung bringt – inklusive Hotelbaracken für Privilegierte, in denen Filipinos nicht erwünscht sind (wie uns der Film überhaupt kaum einen Moment vergessen lässt, dass wir auf eine Klassengesellschaft schauen).

Ein Zaubertrick aus Manila

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Einen leicht didaktischen Zug bekommt Himala mit zwei auf ihre Weise ungläubigen Gegenfiguren. Nimia (Gigi Dueñas), Elsas beste Freundin aus Kindertagen, hat im fernen Sündenbabel Manila als Prostituierte gearbeitet und kehrt nun ins Dorf zurück, um in einem Schuppen eine Nachtbar namens „Heaven“ zu eröffnen. Wenig später sagt sie der empörten Elsa, dass sie, wie diese doch wohl zugeben müsse, „beides Huren“ seien. Ironischerweise ist Nimia diejenige, die ein auf der Leinwand sichtbares Wunder vollbringt – ein aus Manila mitgebrachtes Kabinettstückchen, bei dem sie erst das Publikum ablenkt – zum Beispiel mit einem in erotisch-rauchiger Stimme vorgetragenen Vers – und dann wie aus dem Nichts – zum Beispiel aus ihrer Unterwäsche – eine Zigarette hervorzaubert. Damit sorgt sie für ein paar der schönsten Szenen des Films. Etwa wenn sie einer Horde vorpubertärer Jungs, die durch ein Guckloch ihres Vergnügungsschuppens spannen, erst einen kurzen Blick auf ihren nackten Körper schenkt und dann, als Schattenspiel vor malerischer Abenddämmerung, ihren Trick aufführt.

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Die zweite Gegenfigur ist der Filmregisseur Orly (Spanky Manikan), der zwar von ehrlicher Anteilnahme erfüllt scheint, aber freimütig zugibt, aus Karrieregründen vor allem dankbar für den sensationellen Stoff zu sein, der ihm hier vor die Linse kommt. Bald beichtet er dem Priester, dass er lieber heimlich gefilmt als geholfen hat, als Elsa und ihre Schwester Chayong (Laura Centeno) von zwei Männern vergewaltigt wurden – die verwackelten Aufnahmen sind kurz darauf zu sehen. Spätestens hier wird Orlys Stellvertreter-Rolle in einem selbstreflexiven Diskurs über die Verantwortung des Filmemachers deutlich – immerhin in einem Film, der bei allem besonnenen und umsichtigen Blick auf soziales Elend seine Figuren doch auch immer wieder gerne in kunstvoll ausgeleuchteten, bildbandreifen Tableaus gruppiert. Wobei man aber ethischen und ästhetischen Anspruch kaum je so gewissenhaft austariert und vereint sieht wie in Himala; die Orly-Figur bezeugt gleichsam den Skrupel eines Regisseurs, der diesen kaum nötig hat.

Eine große Schauspielerin“

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Weniger die Dialoge als die Blickwechsel zwischen der Prophetin und dem Filmemacher geben dieser Begegnung von Kino und Religion eine starke Spannung. Der bekennende Atheist Orly glaubt an die, in seinen Worten, große Schauspielerin Elsa, diese ist sich ihrerseits ihrer Wirkung bewusst und beginnt zu posieren, sobald sie Orlys Kamera sieht. Nora Aunor, die ihren Superstar-Status im philippinischen Kino unter anderem dieser Rolle zu verdanken hat, gibt ihrer Figur eine so feinsinnig-vieldeutige Mimik, dass stets offen bleibt, ob und wie lange Elsa je selbst an ein Wunder glaubt oder ob sie nicht schon ganz frühzeitig eine Rolle zu spielen beginnt. Sachte Arroganz umspielt ihre Lippen, als sie wie eine Diva von ihrem Hofstaat backstage für den Auftritt bereit gemacht und dann auf die Bühne geleitet wird; Orlys Kamera schenkt sie ein fotogenes Lächeln, um nur wenige Augenblicke später in scheinbar echter Ergriffenheit zu knien, zu beten und zu beben.

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Zweifellos echt ist dann ihre Verzweiflung, wenn sie nach der Serie von Katastrophen, die der verheimlichten Vergewaltigung folgen und gegen die sie machtlos ist, die Geister, die sie rief, nur noch loswerden will. Doch unbeirrt wollen Menschen ihre Schwangerschaft als göttliches Zeichen sehen, den endlich einsetzenden erlösenden Regen als ihr Werk. Und mitten in diesem Regenwunder, umgeben von ergriffenen Menschen und erhabenem Score, steht Nimia und macht ihren Zigarettentrick, um sich mit ihrem Vater darüber vor Lachen auszuschütten: Dass das nicht als Bruch oder Verspottung einer sakralen Stimmung rüberkommt, sondern dem ganzen Szenario einen Moment luftiger Fröhlichkeit schenkt, gehört zu den vielen kleinen Wundern, die Himala vollbringt.

Trailer zu „Himala“


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