High-Rise – Kritik

Schimmel im Champagnerglas: Ben Wheatleys Dystopie bringt einer Gesellschaft den tausendfachen Zeitlupentod.

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Eine wohlgeformte Seifenblase hebt sich aus der Spielzeugpfeife. Sie zieht Richtung Himmel, schwillt weiter an. Aus dem Radio dröhnt Maggie Thatchers Stimme. Als sie den Neoliberalismus zur Grundvoraussetzung der politischen Freiheit erklärt, erscheint die Reflexion des Hochhauses auf der Außenhaut. Was passieren wird, bedarf keiner Erwähnung. High-Rise zeigt es trotzdem.

Symbiont der Leere

Tatsächlich ist das Platzen der Blase der figurative Untergang des sozialen Gefüges und gleichzeitig Anfang und Ende von Ben Wheatleys J.G.-Ballard-Adaption High-Rise. Drei Monate dauert es, bis Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) in die oberste Etage des Hochhauses aufsteigt. Drei Monate, in denen der Luxuswolkenkratzer, samt Supermarkt, Schwimmhalle und Grundschule im Wahnsinn untergeht. Drei Monate, in denen die anfänglichen Probleme dieses Gebäudes, zusammen mit seiner Zivilisation, ihr Ende finden: Der verstopfte Müllschlucker im 25. Stock, die Stromausfälle unterm 30. Stock und praktisch alle Mitbewohner werden ausgemerzt.

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Laing findet sogar den perfekten Farbton für sein Apartment: grau. Wie Kriegsbemalung schmiert er die Farbe, die das gesamte Gebäude ziert, auf seinen Körper. Er ist der moderne Mensch der Ballard’schen Konsumgesellschaft: ein schöner, erfolgreicher und doch leerer Körper im maßgeschneiderten Anzug. Die abgekrümmte Zigarette als einziger Ausdruck seiner Gemütslage. Die Verweigerung jeglicher menschlichen Reaktion ermöglicht es Laing, so perfekt in die Welt des Hochhauses einzutauchen. Wie ein Symbiont bewegt er sich durch den sterilen Glamour der Stockwerke, die wie die Bewohner deutlich die Spuren der 1970er in Großbritannien tragen. Auf den Partys rauchen und trinken die Etagennachbarn mit sorgfältig kultivierten Koteletten und Babybauch. Charakterisiert werden sie durch ihre sozialen Funktionen: Wilder (Luke Evans), dem Namen nach schon ein Gegenentwurf zur Zivilisation, ist Dokumentarfilmer. Seine hochschwangere Frau Helen (Elisabeth Moss) ist das Abbild der proletarischen Hausfrau. Und die Gastgeberin Charlotte (Sienna Miller) ist die promiskuitive Singlemutter, die Beziehungen zu den oberen Etagen pflegt.

Katalog des Verfalls

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Die Obszönität der buchstäblichen Oberschicht, deren Partys so dekadent sind, dass Anzüge durch barocke Gewänder ersetzt werden, stellt Wheatley als Gegenbild auf. Der Blick auf das Dach zeigt das Schimmelpferd im Englischen Garten, der Blick über dessen Rand den endlosen Asphalt des Parkplatzes. Hier wohnt der Architekt Royal (Jeremy Irons), dessen Entwurf vom Hochhaus das Szenenbild des Films als perfekte Spielwiese für den Niedergang nutzt. Die Produktverpackungen reihen sich neben die exotischen Früchte in den Regalen des Supermarktes. Doch von der Rückseite der Pfirsiche frisst sich der pelzige Schimmel an die Oberfläche. Der Modus der Warenausstellung setzt sich auch im unabdingbaren Niedergang der Etagengesellschaft fort.

Abwärts

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High-Rise zelebriert den Sturz der neoliberalen Dekadenz und Sittenlosigkeit der Etagengesellschaft in den Abgrund der Häuserschlucht. Dabei zeigt sich die Schwierigkeit, eine Metapher in einen zweistündigen Spielfilm zu adaptieren. David Cronenbergs Crash (1996) gelang dies mit J.G. Ballards Leitmotiven von Begehren und Verstümmelung, die er in eine Ikonografie von Fleisch und Stahl verwandelte, die mit unheimlicher Beschleunigung direkt in den Körper einzudringen schien. Wheatley bringt diese Bewegung zum Stillstand. Er bricht Körper in Zeitlupe. Wirbel für Wirbel zerschellt der Körper am Metall des Autos, auf das er aufschlägt. Ein Sturz aus dem Hochhaus ist nur einer der vielen Momente, die Wheatley genüsslich im Beinahe-Stillstand inszeniert. Andächtig langsame Kamerafahrten stellen die menschlichen und materiellen Reste der Apokalypse aus, die in Form einer schier endlosen Abrissparty daherkommt. Zum Rotwein gibt es bald Hundefutter, und selbst in den oberen Etagen setzt sich der Schimmel im Champagnerglas ab. Das vermag die natürlich in Zeitlupe präsentierte Orgie nicht aufzuhalten. Zu barocker Untermalung frisst die Oberschicht die Reste. Wheatley schaut durch das Kaleidoskop eines Jungen zu, das den Niedergang in verschiedensten Bildvariationen auffächert. High-Rise katalogisiert das Spektakel in zahllosen Momentaufnahmen, die ein beachtliches Spektrum von Formen annehmen. Ein wirklicher Sog entwickelt sich daraus nicht. Eine Portishead-Version von Abbas „SOS“ und Clint Mansells Klänge schaffen dabei mehr Atmosphäre als die Abbilder der Entmenschlichung, in die der Film schließlich implodiert.

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Wie Wilders Dokumentation des Hochhauses, die von einem Super-8-Streifen zu einer Tonaufnahme seiner eigenen gurgelnden Schreie verkommt, bleibt High-Rise der aus einer platzenden Seifenblase austretende Schrei eines Sterbenden: Nicht artikuliert, aber laut und gewaltig.

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