Hesher

Jesus Christ Superstar: Mit Hesher feiert Spencer Susser den Anarchisten als Erlöser.

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Ein depressiver Vater, der vor dem Fernseher den halben Tag verschläft, eine überforderte Großmutter und die unermüdlichen Schikanen des Schulrowdys. Von den Erwachsenen allein gelassen, ist der einzige Lichtblick die Bekanntschaft mit der Supermarktkassiererin Nicole (Natalie Portman): So sieht TJs (Devin Brochu) Alltag aus, nachdem seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Bis Hesher (Joseph Gordon-Levitt) die Familie aus ihrer Lethargie aufrüttelt. Der exzentrische Eindringling lässt in der bis dahin in ihren Grundzügen recht vertrauten Konstellation auf Abwechslung hoffen.

Der macht es sich auf dem heimischen Sofa bequem: breitbeinig, lange, ungepflegte Haare, nur mit einer nicht mehr ganz so weißen Unterhose bekleidet. Er raucht, trinkt und flucht. Ein riesiges Tattoo eines ausgestreckten Mittelfingers auf seinem Rücken unterstreicht seine „Fuck the world“-Attitüde. Niemand wirft ihn aus dem Haus, bald sitzt er wie selbstverständlich mit der Familie beim Abendessen. In seinem schwarzen Van folgt er TJ wie ein Schatten.

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Spencer Susser inszeniert seinen Helden als wandelndes Klischee. Hesher, der Metalhead, mit Vorlieben für Gewalt und Chaos. Mit jedem Wort und jeder Geste bedient er dieses Stereotyp. Als Sinnbild des Outlaws verkörpert er mehr eine anarchische Lebenseinstellung als ein Individuum mit eigenen Charaktereigenschaften. Einzig in der Sorge um die Großmutter gewinnt seine menschliche Seite etwas an Profil. Der Rest setzt sich zusammen aus übersteigerter Lässigkeit und Coolness, pausenlosen Kraft- und Fäkalausdrücken, Lebensweisheiten verpackt in Metaphern, die seine Genitalien mit einschließen. Hesher, der MacGyver, der nur mit einem Metalllöffel bewaffnet die Pornokanäle der Nachbarn an Strommasten anzapfen kann. Solche Situationen wirken hin und wieder komisch, doch der Regisseur reizt sie bis zur Erschöpfung aus.

Das einzige T-Shirt von Hesher ziert ein Motörhead-Schriftzug. Der Filmtitel ist im Design des Metallica-Logos konzipiert. Immerhin fünf Lieder der Band, die sich ansonsten sehr geizig im Umgang mit ihren Songrechten zeigt, akzentuieren Heshers eigenen Fanstatus zu wildem Lenkradgetrommel. Der Film ist auch eine Ode an die Heavy-Metal-Kultur. Heshers Aussehen scheint, neben der optischen Ähnlichkeit zu Jesus, auf den zweiten Blick auch inspiriert von Cliff Burton, dem 1986 tödlich verunglückten Bassisten von Metallica. Nicht nur ein Tattoo des Misfits-Konterfeis auf dem rechten Oberarm haben beide gemeinsam.

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Trotz des Raums, den Heshers Auftreten einnimmt, ist der Mittelpunkt des Films eigentlich TJ. Das zeigen die Kamerapositionen, die den Zuschauer oft das Geschehen aus seiner Augenhöhe betrachten lassen. Kontinuierlich wird TJs emotionale Trauer über den Verlust seiner Mutter in willkürlich zugefügten körperlichen Schmerzen visualisiert. In voller Fahrt fliegt er in hohem Bogen über sein Fahrrad, sein Mitschüler drückt ihn gegen Schließfächer und wirft ihn auf den Boden, Hesher hält ihn im Würgegriff gegen die Wand und bedroht ihn mit einer Gartenschere. Die dazugehörigen Verfolgungsjagden und häufigen Schauplatzwechsel verleihen dem Film Dynamik und machen ihn motivisch abwechslungsreich.

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Seinen Schmerz selbst zu verbalisieren oder sich anderweitig physisch abzureagieren gelingt TJ nicht. Hier kommt Hesher ins Spiel. Er fungiert als personifizierter Katalysator für dessen Wut über den Verlust. Autos brennen, Möbel fliegen in den Pool. Seine Gewaltaktionen sind natürlicher Reflex, überraschen uns durch ihre Spontanität, entstehen aus Launen heraus und gipfeln jedes Mal in extremer Zerstörung. Im Versuch, dabei Komik durch Slapstick zu etablieren, enden jedoch einige dieser Ausbrüche als einfallslos umgesetzte Imitationen von Jackass oder Rockstar-Allüren. Trotzdem locken sie TJ aus der Reserve, bringen ihn schließlich dazu, sich offensiv mit seinem Vater wegen dessen Apathie anzulegen und sich mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen.

Genauso plötzlich, wie Hesher aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder. Er kam, sah und siegte. Mission Erlösung beendet. Der Film ist wie ein Heavy-Metal-Song. Wilde Riffs und wütende Texte, gespickt mit Heshers Soloeinlagen. Diese zeigen ihn in seinen besten Momenten als Hedonisten, in anderen als bemitleidenswerten Mittzwanziger, der es versäumt hat, erwachsen zu werden. 

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