Herrenkinder
Sie waren Teil des großen Nazi-Erziehungsprojekts. Aus 10- bis 13-Jährigen sollte „arische“ Elite werden. Was für ein Leben führen die Napola-Schüler heute? Ein Dokumentarfilm zeigt die Spuren des einstigen Drills in den Körpern, Seelen und Familien.
Glauben, gehorchen, kämpfen – das war so eine Parole. Gelobt sei, was hart macht. „Den Körper stählen und die Seele brechen“, so bringt Hellmuth Karasek das pädagogische Programm auf den Punkt. Der Literaturkritiker war eines von rund 15.000 Kindern, die zwischen 1933 und Kriegsende eine der etwa 40 „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ in Deutschland und den besetzen Gebieten besucht haben. Sie sollten zur späteren Führungsschicht des „Herrenmenschen“-Volkes herangezogen werden, sie wurden körperlich „geschliffen“ und geistig indoktriniert. Und das in einem Alter, in dem Jungen, wie ein anderer ehemaliger Schüler bemerkt, „fügsam wie Plastilin“ seien. Was für Männer sind aus den gedrillten Kindern geworden? Was für Familienväter? Was für Deutsche?
Mit Herrenkinder sind der Regisseur und Fernsehjournalist Eduard Erne und der Psychologe Christian Schneider diesen Fragen nachgegangen. Schneider leitete bereits in den 1990er Jahren ein Forschungsprojekt über das geistige Erbe der Napolas in der postnazistischen Gesellschaft. 2004 kritisierte er mit gutem Grund Dennis Gansels undistanzierten NS-Erlebnisfilm Napola – Elite für den Führer. Während letzterer in der Faszination stecken blieb, blickt Herrenkinder auf die dauerhaften Spuren des schulischen Zwangsapparates. Durch eine kluge Auswahl von Protagonisten bietet der Dokumentarfilm verschiedene Perspektiven an. Da sind zum einen prominente ehemalige NS-Zöglinge wie Hellmuth Karasek oder der Publizist Theo Sommer. Sommer spricht von den Idealen, die ihm auf einer Adolf-Hitler-Schule vermittelt worden seien: „Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Rechtschaffenheit“.
Karasek, dem in Gesicht und Gestik diese gewisse Härte fehlt, die einige der Mitwirkenden ausstrahlen, besucht mit dem Filmteam seine frühere Napola und erinnert sich beim Blumenpflücken plötzlich an ein Kinderspiel namens „Juden köpfen“. Bei manchen Protagonisten kommen hässliche Erinnerungen hoch, bei anderen meint man ein Gefühl der Erhabenheit zu spüren, wenn sie an ihre militarisierte Ausbildung zurückdenken. Als Refrain setzt der Film immer wieder den Kampfsong der Hitlerjugend ein, gesungen von hellen Kinderstimmen, die man bald selbst nicht mehr aus dem Kopf bekommt: „Uns’re Fahne flattert uns voran / Uns’re Fahne ist die neue Zeit / Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit! / Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!“
Vor allem zwei Generationenporträts machen Herrenkinder so bemerkenswert. Erwin Schuppe hat als Vater und Großvater seine Erziehung zur Strenge weitergegeben. Ihm schien sie als Ideal, seine Nachkommen erlebten sie als Mangel – an Empathie und an der Fähigkeit, andere Menschen als autonome Wesen zu begreifen. Ein gemeinsames Gespräch findet vor der Kamera nicht statt, die Familienmitglieder begegnen sich über Videobilder. Gero Karrer hat sich ganz entzogen, durch Suizid. Seine Frau hat er mit in den akribisch geplanten Tod genommen. Nichts Persönliches wollte das Ehepaar zurücklassen. Die letzten Passbilder der beiden zieht Tochter Marva aus dem Mülleimer. Der wiederholte Blick auf diese lebendigen Totenmasken der Eltern ist vielleicht der stärkste Ausdruck des Films. Zwischen der NS-Generation und ihren Kindern bleibt ein Graben aus Unverständnis, Strenge und Angst.
Das Unheimliche – das Schreckliche im eigentlich Heimeligen – versucht auch Kameramann Harald Schmuck in seine Bilder zu übertragen. Langsame Fahrten und weitwinkelige Schwenks geben den Landschaften und Bauwerken ein leicht verfremdetes Aussehen. Der Betrachter erfährt immer wieder ein untergründiges Gefühl der Distanzierung. Im Gegensatz dazu sind die Gesichter der Protagonisten sehr nah aufgenommen. Die Kamera scheint auf den Körpern nach den Spuren des Erlebten zu suchen. In den menschenleeren ehemaligen Napolas filmt sie die kahlen Gänge und Klassenzimmer. Propagandafilme der Nazis werden an Mauern projiziert. Blonde Buben in Uniform lachen aus dem Schwarzweiß. „Kein schön’rer Tod ist auf der Welt, als wer vom Feind erschlagen“, singt der Knabensopran.
Herrenkinder untersucht das Erbe des „Dritten Reichs“ auf der rein persönlichen Ebene. Weitergehende Zusammenhänge drängen sich von selbst auf. Etwa die Frage, inwieweit die individuellen Prägungen die deutsche Gesellschaft als Ganze mit beeinflusst haben könnten. Klaus Theweleits Gewaltstudie Männerphantasien (1977/78) kommt in den Sinn, wenn die brutale Zurichtung soldatischer Männerkörper geschildert wird. Auch das angst- und machtbesetzte Geschlechterverhältnis der Härte-Ideologie schreibt sich in den Familien fort. Die beiden im Film porträtierten Ehemänner behandelten ihre Frauen wie Erweiterungen des eigenen Leibes. Doch das destruktive Menschenbild lässt sich auch überwinden. Wie sich die unterschiedlichen Generationen heute mit den Folgen der Gewaltgeschichte auseinandersetzen, ist unbedingt sehenswert.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 17.11.2009
Kommentare zu Herrenkinder
Peter H. 12.07.2010 11:48
Ebenfalls unbedingt sehenswert ist die Fuelle bisher nicht gesehenen dokumentarischen Materials, das die immense, zeitraubende Arbeit des Sichtens durch die Autoren nur erahnen laesst.
Arnold Kirchner 29.03.2011 22:10
Den Film habe ich noch nicht gesehen (wie kommt man da ran?). Was ich hier heute darüber gelesen habe, verführt mich zu folgender Anmerkung:
Ich war von 1934 (Sexta) bis zum Kriegs-Abitur Napola-Schüler. Erst in Potsdam, dann in Berlin-Spandau. Rüdiger v.Wechmar war in meiner Klasse und wir hatten bis zu seinem Tode enge Kontakte.
Es muss wohl erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Napolas gegeben haben. Karaseks Ein-Paar-Wochen-Erfahrungen in einer erst gegen Kriegsende gegründeten Napola kann ich jedenfalls nicht bestätigen.
Falls Interesse daran besteht, stelle ich Ihnen gern meine 12-seitige "Abi-Zeitung" zum Goldenen Abitur meiner Klasse, die sich "Die Meute" nannte, per eMail zur Verfügung.
Als Leseprobe hier der Anfangsvers von "Kritische Betrachtungen eines alten Rüden über Theorie, Praxis und Ergebnisse seiner Welpenzeit im Spandauer Zwinger"
1. Ideologisches :
In der obersten Etage
war das Zuchtziel klipp und klar:
Tapferkeit anstatt Courage,
blaue Augen, blondes Haar,
hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder
und ein Windhund obendrein,
muss der deutsche Welpe (JEDER !)
treuDipl-Ing am Fuß des Jagdherrn sein.
Solches hie0 man "Preußentugend"
und verschwieg dabei diskret.....
usw.usw.
Mit freundlichen Grüßen
A.K.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Herrenkinder
Deutschland 2009
Laufzeit: 95 Minuten
Regie: Eduard Erne, Christian Schneider
Drehbuch: Eduard Erne, Christian Schneider
Produktion: Ernst Szebedits, Elena Trifonova
Bildgestaltung: Harald Schmuck
Montage: Eduard Erne
Musik: Peter Kaizar
Kinostart: 03.12.2009
DVD-Angaben
Titel: Herrenkinder
Vertrieb: Salzgeber & Co Medien GmbH
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS)
Untertitel: Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 29.06.2010
Copyright Herrenkinder
Foto: © Salzgeber
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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