Here & There

Einen deprimierten New Yorker verschlägt es ins vermeintlich noch deprimiertere Belgrad. Aber Belgrad ist nicht deprimiert.

Here & There

Ein nicht schlechter Titelsong von Cyndi Lauper, ein nicht unsympathischer serbischer Hauptdarsteller und nicht uninteressante Drehorte, dennoch ist dieser Film so maschengetreu gestrickt, die kleinen charismatischen Pointen so doppelt und dreifach mit trötender Balkankappellenmusik unterstrichen, dass man über einige Etappen nicht anders kann, als an anderes zu denken, während der Film im Schneckentempo genau die Straßen entlang fährt, deren Ziele man schon am Anfang kannte.
Der Hauptfigur Robert (David Thornton), einem in der Midlife-Crisis angekommenen Musiker-Slacker aus New York, kauft man weder ihre vor sich hergetragene Depression noch die kokett gespielte Lebensmüdigkeit ab. Zu beflissen gefönte Tolle in der Frisur, um wirklich suizidal zu sein, zu posiert-gelangweilt, um wirklich verzweifelt zu sein, latscht er durch den Film, wobei man ihm nicht immer besonders gerne zusieht. Er spielt. Das ist ersichtlich. Hier geht es aber nicht um Brecht’sche Verfremdungseffekte, sondern bloß um unfreiwillig sichtbare Rollenattribute, die sich nicht figurieren ließen.

Here & There

Die zweite Hauptfigur, der junge serbische Möbelpacker Branko (Branislav Trifunovic), ist zwar wesentlich sympathischer, aber seine Rolle lässt kaum Raum für Charakterisierungen, die über gewöhnliche Drehbuchfigurenvorurteile hinausgehen.
Sollte Regisseur Darko Lungulov eine Stichwortliste zu den Eigenschaften seiner beiden Protagonisten gehabt haben, war dort wahrscheinlich Folgendes vermerkt:
Robert: dekadenter, hedonistischer, gescheiterter, Saxophon spielender, New Yorker Snob. Mitte 50, säuft, rasiert sich nicht mehr, sieht keinen Sinn mehr im Leben, zu bürgerlich selbstgefällig für körperliche Arbeit. In Selbstmitleid versunkener, restlos desillusionierter, kapitalistisch ausgeschlachteter Misanthrop.
Branko: Serbischer Immigrant, hart arbeitender Selfmade-Man. Glaubt an den amerikanischen Traum, liebt seine Freundin, will heiraten, ist loyal, treu und ehrlich. Verehrt die USA, obwohl sie ihn mit Füßen tritt. Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Assoziationsraum.

Here & There

Robert hängt also nur noch ab, bis ihm das Geld ausgeht und er sich wegen seiner Geldsorgen auf einen Deal mit seinem serbischen Möbelpacker Branko einlässt. Er soll Brankos Freundin in Belgrad heiraten, um ihr dadurch ein Visum für die USA zu verschaffen. Im Verlauf seines Aufenthalts dort wird er von den Einheimischen, besonders von Brankos Mutter Olga (Mirjana Karanovic), offenherzig und wohlwollend empfangen, und er kann eben das wiedererkennen, was ihm durch seinen arroganten New Yorker Überdruss abhanden gekommen war: Liebe, Musik und Freundschaft. Eigentlich ist der Plot nicht schlecht und hätte genug Kraft für eine große Geschichte, nur wird er über eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen konstruiert, die der Geschichte jegliche Eigenheiten und Komplexitäten nehmen, die sie bräuchte, um „wahrhaftig“ zu sein. Der Depressive und der Immigrant, zwei Archetypen des New Yorker Großstadtfilms, werden so facettenlos gezeichnet, dass schon die Einführung des Films, die uns gefühlte 20 Minuten versucht, Robert und seine Depression nahezubringen, erschöpfend wirkt.
Die Inszenierung des Serbienhandlungsstrangs ist beachtlich besser und lebendiger als sein amerikanischer Gegenpart: Die Schauspielleistung der serbischen Darsteller, die Ausstattung der Drehorte und der allgemeine Fluss der Geschichte sind farbiger und authentischer, die Menschen menschlicher und der Film spannender. Selbst die Robert-Figur wird besser, sobald sie in Serbien ist und das Aufeinanderprallen seiner Rollenstereotypie mit den gewitzten, patriotischen, leidenschaftlichen Serben, denen er in Belgrad begegnet, Komik erzeugt.

Here & There

Als Roberts Koffer am Flughafen verloren geht und Olga seinen einzigen Anzug in die Reinigung gibt, ist er gezwungen, in Brankos altem Turnanzug auf die Straße zu gehen, was zum ersten Mal das Eis seiner Figur bricht. Robert wird unfreiwillig assimiliert – zumindest äußerlich – und taut auf: Er rasiert sich wieder, nimmt die Menschen seiner Umwelt wahr und wird sensibel für die offenherzige, mütterliche Schönheit Olgas (Mirjana Karanovic). Es folgt das einzig Erwartbare: Olga und Robert verlieben sich beim Candle-Light-Dinner zu schwülstigem Saxophonjazz. So  dramaturgisch zwangsläufig diese Wendung auch sein mag, beschert sie uns dennoch eine der subtileren und wirklich interessanten Szenen des Films: Wenn Robert und Olga sich im Fahrstuhl gegenüberstehen und nicht wissen, ob oder wie sie gleich im Bett landen wollen, während der Fahrstuhl in Realzeit hochfährt und ansonsten nichts passiert. Endlich traut sich der Film eine längere Einstellung, in der Handlung und Charakter nicht über fotokopierte Formeln vermittelt wird, sondern über das Innehalten der Beobachtung von Körpern in der Zeit und das Vertrauen in die Tiefe und den Reichtum vermeintlich unnützer, nicht-narrativer Dauer.
Leider löst sich auch dieser Moment wieder mit der schon vorher redundant eingesetzten Kitschjazzmusik auf und wird beliebig.
Am Ende bleibt das Gefühl, dass eigentlich nicht viel gefehlt hätte, um diesen Film besser zu machen: Mehr Geduld und Vertrauen in den Möglichkeitsraum des Bildes und der Figuren, und mehr Vertrauen in den Zuschauer, diesen selbstständig zu interpretieren.

Kommentare


Peter

Stimme Klaus zu. Ein Muss für jeden Kino Fan!


Frédéric

Klaus und Peter haben im Abstand von zwei Minuten vom selben Computer/Netz aus geschrieben ... wenn es der Film nötig hat.


Natasa

Ein gelungener Film, der sich eben über genau die oben erwähnten Mittel definiert. Was der Author der Kritik als negativ dargestellt hat ist in meinen Augen das großartige an dem Film. Die Veränderung des Hauptcharakters mit der Umgebung. Seine Selbstfindung im fremden Serbien ggü. der Trostlosigkeit des bekannten New Yorks. Ein anderer FIlm, der nicht dem typischen Hollywoodklischee folgt ohne sich von diesem aber vollkommen zu lösen. Ich finde den Film durchaus gelungen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.