Herbst
Zum Sterben schön. Kurze Momente des Glücks in einem Leben voller Leid.
Die Sehnsucht ist ein seltsames Gefühl. Sie überkommt uns in mancher Stunde wie ein warmer Sommerregen und dann wieder wie ein kalter Wintersturm. Sie ist gleichzeitig schöpferische Kraft und schmerzvolles Verlangen nach dem Unerreichbaren. „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide”, schreibt Johann Wolfgang von Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96).
Yusuf kennt sie, diese Sehnsucht. Ein gebrochener Held, in dessen Gesicht sich Verzweiflung und zugleich aufkeimende Hoffnung widerspiegeln. Im Herbst seines Lebens kehrt dieser Einzelgänger in sein Heimatdorf an der türkisch-georgischen Grenze zurück, auf der Suche nach Erfüllung und Geborgenheit.
Dem türkischen Regisseur Özcan Alper gelingt in seinem Spielfilmdebut Herbst (Sonbahar, 2008) ein eindrucksvoller Einblick in die Seele eines Menschen, der trotz des ihm zugefügten Leids seine Würde nicht verliert. Ein ernüchterndes Bild wird hier von der Türkei der 1990er Jahre gezeichnet, in der das Engagement linksgerichteter Studenten im Zuge der Demokratiebewegung von der türkischen Regierung mit langen Haftstrafen geahndet wurde.

Wegen einer schweren Tuberkuloseerkrankung wird der ehemalige Student Yusuf nach zehn Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und kehrt in seine Heimat zurück. Während die Natur sich dort im Herbst in ihrer schönsten Blüte entfaltet, erscheint das Leben im Çamlıhemşin-FırtınaTal in diesem Film wie erstarrt im ewigen Winter. Durchbrochen wird der Kreislauf aus Ausweglosigkeit und Resignation, in dem sich die Dorfbewohner bewegen, lediglich vom Wechsel der Jahreszeiten, der symbolisch die Hoffnung auf Veränderung nährt.
Die Entlassung aus der Enge seiner Gefängniszelle hat für Yusuf aber nicht die befreiende Wirkung, die den Wendepunkt in seinem Leben herbeiführen könnte. Während sein Vater bereits verstorben ist, findet Yusuf seine Mutter als kranke, gebrochene Frau wieder, die trotz ihrer Fürsorge keine liebevolle Beziehung mehr zu ihrem Sohn entwickeln kann. Außer seinem Jugendfreund Mikhail zeigen die meisten Dorfbewohner wenig Interesse an diesem Mann, der sich beinahe unsichtbar durch das Leben bewegt und den die Jahre in Gefangenschaft anscheinend verrückt gemacht haben.
Einzig durch die wechselvollen Stimmungen in der Natur werden die Gefühle Yusufs nach außen transportiert. In langen Einstellungen gelingt es Özcan Alper, die Emotionen seines Protagonisten in eine symbolträchtige Bildsprache zu übersetzen. In den tosenden Wellen der wilden See und in der täglich aufgehenden Sonne, die mit ihrer Strahlkraft nicht nur die Blätter der Bäume in ein freundliches Licht taucht, sondern auch Yusufs Gemüt aufhellt, spiegeln sich seine Stimmungen zwischen Verzweiflung und Aufbruch wider. Der morgendliche Blick Yusufs aus seinem Schlafzimmer im Haus seiner Mutter fungiert als retardierendes Moment und steht für die Sehnsucht auf ein neues und erfülltes Leben. Die präzise Kameraführung von Feza Çaldiran ermöglicht eine höchst unterschiedliche Wahrnehmung der pittoresken Landschaft durch die unterschiedlichen Charaktere während einer Jahreszeit, die dem Film aus gutem Grund seinen Titel gegeben hat. Durch ihre trostlose Situation haben die Dorfbewohner längst den Sinn für die Schönheit der sie umgebenden Natur verloren. Einzig durch Yusufs Augen öffnen sich dem Zuschauer die Türen zu einer Welt, in der Traum und Realität zu verschmelzen scheinen. Besonders in den Szenen voller Stille und Tragik zeigt sich die herausragende schauspielerische Leistung von Onur Saylak in der Rolle des Yusuf. Saylak gelingt es, eine Melancholie zu erzeugen, die den gesamten Film bestimmt. Nur ein einziges Mal verwandeln sich die stummen Schreie des Protagonisten am Ende des Films in einen größeren Gefühlsausbruch. Nun wäre die Zeit für einen Neubeginn gekommen …
Doch so unerbittlich, wie das Ticken der Uhr im Haus von Yusufs Mutter auf das Verrinnen der Zeit hinweist, deutet der einsetzende Winter auf das Ende von Yusufs Lebenszeit hin. Schon mehrmals zuvor hat das wiederholte Erscheinen einer Krähe den nahenden Tod des einsamen Helden angekündigt. Denn nicht erst seit Hitchcock gelten Vögel als Unheilsbringer. Auch in seiner gewohnten Umgebung bleibt der Protagonist bis zum Schluss ein Gefangener seiner selbst, der sich der quälenden Auseinandersetzung mit seinem vergangenen Leben nicht stellen kann. Selbst die aufkeimende Liebe zu der Prostituierten Eka mündet nicht in einen Akt der Befreiung für den vom Leben gezeichneten Yusuf. Özcan Alper ist ein eindrucksvolles Spielfilmdebüt über die Unabwendbarkeit des eigenen Schicksals und das menschliche Verlangen nach Akzeptanz, Wärme und Geborgenheit geglückt. Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz, ob in der Türkei oder in anderen Ländern, in denen Menschen unterdrückt werden. Man hätte Yusuf von Herzen einen ersten Frühling in Freiheit gewünscht.
Filmkritik von Lena Kettner
Veröffentlicht am 01.03.2010
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Film-Angaben
Titel: Herbst
Originaltitel: Sonbahar
Deutschland, Türkei 2008
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Özcan Alper
Drehbuch: Özcan Alper
Produktion: F. Serkan Acar, Kadir Sözen
Bildgestaltung: Feza Çaldiran
Montage: Thomas Balkenhol
Musik: Yuri Rydahencko, Aysenur Kolivar, Sumru Agiryürüyen, Onok Bozkurt
Darsteller: Onur Saylak, Raife Yenigül, Megi Kobalazde, Serkan Keskin, Nino Lejava, Sibel Öz, Cihan Çamkerten, Serhan Pirpir, Yaşar Güven
Kinostart: 13.05.2010
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