Einen Freund zum Geburtstag

The Spirit and the Flesh – Über Religion im US-Kino und den Chicagoer Regisseur Stephen Cone, dessen neuesten Film es nun auf DVD gibt.

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„In Love with God“ heißt das Buch, das auf dem Nachttisch liegt. Um Jesus geht es im feierlichen Geburtstagslied, das ein Sonnyboy mit Gitarre für seinen Kumpel anstimmt. „Hate the sin, love the sinner“ lautet ein abschließender Kommentar zur mal eben angerissenen Homosexualitäts-Debatte. Gags wären das in vielen anderen Filmen. Das Religiöse fristet im US-Independentkino sein Dasein vor allem als Reservoir für schaurige Sektenfantasien, satirische Spitzen oder dystopische Warnungen. Noch häufiger ist es gänzlich abwesend, was bereits mit den lebensweltlichen Unterschieden zwischen evangelikalen Suburbs und den solchen Territorien ja meist gerade entflohenen kreativen Städtern der Indie-Filmszene zu tun haben dürfte. Eine derartige Bewegung darf man auch in der Biografie des Chicagoer Filmemachers und Baptistensohns Stephen Cone vermuten, dessen neuesten Film Einen Freund zum Geburtstag (Henry Gamble’s Birthday Party) es nun auf DVD gibt.

Evangelikales Coming of Age

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Nur hat Cone die Religion eben mit in sein Kino genommen, und darin spielt sie nun eine schön selbstverständliche Rolle. Er macht weniger Filme „über“ den Evangelikalismus als solche, die in dem Maße von evangelikalen Kräften durchzogen sind, wie seine Figuren und deren Milieu eben von diesen Kräften geformt sind. Und er weiß, dass auch diese Kräfte nicht allmächtig sind, dass sie stets im Wandel begriffen, mit Herausforderungen konfrontiert und mit Rückzugsgefechten beschäftigt sind. In seinem wohl schönsten Film The Wise Kids (2011) hat Cone das Religiöse innerhalb einer Coming-of-Age/Coming-out-Erzählung verfolgt. Seine jugendlichen Protagonisten reiben sich dort mit ihren ersten eigenen Entscheidungsversuchen eben nicht nur an Eltern, peer group und erwachendem Begehren, sondern auch am Wort Gottes. Dabei gelingt es Cone auch, das schwule Begehren der ein oder anderen Figur, ob nun gerade entdeckt oder bereits länger unterdrückt, ganz unplump mit ins Gefecht zu werfen – nicht bloß als bemitleidenswertes Opfer religiöser Eindämmung, sondern als eigene Kraft, die im Zuge des Erwachsenwerdens nun plötzlich auch mitentscheiden will.

Pool der Verführung

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Einen Freund zum Geburtstag, seit dem Langfilmdebüt The Christians von 2008 bereits Cones siebter Film, wiederholt die Bewegung von The Wise Kids in einem deutlich engeren Rahmen. Auf den weist schon der Titel hin: die Geburtstagsfeier des 17-jährigen Henry (nur einer von vielen in diesem fast Altman’schen ensemble piece: Cole Doman). Der Swimmingpool auf dem elterlichen Grundstück spricht dabei nicht bloß von Wohlstand und Privilegien der hier Porträtierten, er wird schnell selbst zum Akteur des Films, der die eintrudelnden Jugendlichen dazu verführt, sich die Klamotten vom Leib zu reißen, und somit erste Ahnungen von Sünde ins noch geradewegs göttlich-gleißende Sonnenlicht hineinträgt (es werden Wolken am Himmel folgen, und natürlich wird es auch irgendwann Nacht).

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Zugleich steht dieser Pool – das zeigt sich spätestens in den Unterwasser-Interludes, bei denen sich Cone mitunter auch für Zeitlupen-Penetranz nicht zu schade ist – und die sich darin strampelnd über Wasser haltenden Figuren für den alles andere als stabilen Grund, auf dem wir unsere Identitäten bauen müssen. Je später der Abend und je besser die Party, auch das weiß man, desto mehr sackt der Boden weg. Henrys Geburtstagsfest ist nicht nur reduziertes Setting, sondern entwickelt sich zum Chemielabor des Zwischenmenschlichen, das von schlichten Prämissen weitgehend befreit ist. Da ist kein smarter Blick hinter die Fassade, kein genüssliches Zertreten des religiösen Über-Ich, keine wütende Anklage der Doppelmoral. Nur ganz normal zerrissene, mit sich selbst kämpfende Leute, denen Cone nicht blind, aber solidarisch in einen Abend mit gesteigertem Konfliktpotenzial folgt – das für ihn immer zugleich Potenzial für Veränderung ist. Man könnte also sagen, dass hier nun hervorbricht, was unter der evangelikalen Oberfläche sonst höchstens brodelt, man könnte aber auch schlicht sagen: Da geht noch einiges.

Ein Kanister mit Wein

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Schon die Gästeliste von Einen Freund zum Geburtstag kann sich jedenfalls sehen lassen: Als der Pool längst mit ordentlich Teenager-Begehren gefüllt ist – vom erwähnten Jesus-Sonnyboy bis zur lesbischen Atheistin –, macht es sich eine erzkonservative Pfarrersfrau auf der Veranda gemütlich und lässt sich über akute Menschenhandels- und Prostitutionsskandale aus; beim erstbesten Einspruch heißt es: „Don’t go democrat on me.“ Unten bei den Jugendlichen bemühen sich auch die Bibeltreuen, so gut es geht, den unsicheren Logan zu integrieren – der nicht nur der einzige Schwarze unter den Gästen ist, sondern, so erfährt Henry bald mit so ungläubigen wie leuchtenden Augen aus seinem säkularen Freundeskreis, auch noch schwul sein soll. Und schließlich kommt eine direkt mal äußerst sympathische alte Dame namens Rose vorbei, führt nicht nur einen Kanister Rotwein – der fortan als geheimes Versprechen in der Wäschekammer steht – in den eigentlich alkoholfreien Haushalt ein, sondern hat auch ihren psychisch angeknacksten Sohn Ricky mitgebracht.

Kein Urteil über die Verurteiler

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Der Film denkt diese Versuchsanordnung nun nicht von einem möglichst spektakulären Ende her, es geht, auch wenn’s einen Schocker-Moment gibt, nicht um die eine große Eskalation, sondern um möglichst viele kleine Entladungen. Wie schon in The Wise Kids treffen Begehren und Religion dabei nicht als statische Größen in extra dafür auserkorenen Situationen aufeinander, sondern berühren sich immer wieder in einem dynamischen Gefüge, dessen Bewegung sich mit jedem neuen Gast – und schließlich auch mit jeder Kaffeetasse Wein – intensiviert. Einen Freund zum Geburtstag beobachtet die unterschiedlichsten Verzahnungen in diesem Gefüge, lässt die verschiedensten Figuren einander begegnen, folgt dem Treiben bald in die Situationskomik, bald in ein aufrichtiges Gespräch zwischen Mutter und Tochter, zwischendurch in einen heißen Kuss für das Geburtstagskind im Kinderzimmer, und immer wieder in alle möglichen awkward moments.

Vor allem Letztere sind dabei aber nie zum Fremdschämen, klagen viel eher das Schamhafte der jeweiligen Situation an, indem sie den in ihr enthaltenen Wunsch anerkennen und ernstnehmen. Kein Ausliefern, kein Urteil, selbst über solche Figuren nicht, die einen ganzen Nachmittag auf der Veranda damit verbringen, über die Jugend im Pool und die sexuelle Situation der amerikanischen Gesellschaft zu urteilen. Da ist dann ein wenig der Gnade, von der die Figuren oft sprechen, im Film selbst aufgehoben. „Hate evangelicalism, love the evangelical“, gewissermaßen. Und schenke man ihm gleich auch noch ein wenig Wein nach.

Trailer zu „Einen Freund zum Geburtstag“


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