Henners Traum

Der Bürgermeister einer nordhessischen Kleinstadt hat Großes vor. Regisseur Klaus Stern war zweieinhalb Jahre dabei.

Henners Traum

Die Bäume stehen laublos und kahl in der Hügellandschaft, kein Mensch weit und breit. Allein ein paar Krähen kreischen heiser über die Felder, den Kirchturm, die Straßen bis zum Horizont. Der Horizont und der klare Winterhimmel – dazwischen Leere und Strommasten. Ein Banjo klimpert, dann, drohend, stimmt die Mundharmonika in das Brüllen der Vögel ein. Schnitt. Eine Allee, kerzengerade, stößt in die Mitte des Bildes und direkt in die Horizontlinie. Klein und weit entfernt trabt einsam ein Mensch in Richtung Kamera. Er joggt – wo ist das Pferd?

Zeit für Klarstellungen: Wir sind nicht in Montana, sondern in Nordhessen, nahe der Stadt Hofgeismar. Es läuft sich hier kein Westernheld warm, sondern der Protagonist eines Dokumentarfilms. Aber die Strommasten könnten ebenso gut Telegrafenkabel tragen, und der grauhaarige Mann trainiert seine Fitness für einen Coup, der  mehr Chuzpe verlangt als so mancher Eisenbahnraub. Gestatten: Henner Sattler, 62, Bürgermeister der Statt Hofgeismar und Träumer des titelgebenden Traums: vom größten Tourismusprojekt Europas, dem Ferienressort „Schloss Beberbeck“.

Henners Traum

Was weit hergeholt scheint, evoziert der Beginn nicht von ungefähr: Immer wieder wird im Film die Rede sein von Visionen, Tatkraft und Pioniergeist. Der Wilde Westen des 21. Jahrhunderts sind die Prärien des Hyperkapitalismus, seine grenzenlosen Weiten die schrankenlose Imagination der Großinvestitionen. Häufig werden unberührte Landschaften zu sehen sein, und jemand wird die Stimme erheben: „Stellen Sie sich vor: Hier ein Golfplatz, dort die Trabrennbahn, das Artist Village, der Wellnessbereich“. Wenn die Topografie zur Gänze erschlossen ist, verlagert sich die Frontier zum Unbekannten in die Vorstellung. Was kann gebaut, was verändert werden?  Minimalinvasiv oder brachial: In Henners Traum soll die Leere der zentraldeutschen Winterlandschaft gefüllt werden mit 35 Hektar künstlicher Seenlandschaft, zig Luxushotels, vier oder fünf Golfplätzen.

Henners Traum

Zweieinhalb Jahre folgte Filmemacher Klaus Stern dem umtriebigen Bürgermeister, durch viele Phasen der Projektentwicklung war die Kamera dabei und präsentiert uns einen Marathon von Besprechungen und zähen Verhandlungen. Cannes, Berlin, Köln; Botschaften, Hotellobbys, Traumresorts: Während die Projektentwickler um die Welt reisen, die Pläne konkreter werden, bleibt das Leben auf der Domäne Beberbeck rund um das Altenheim im ehemaligen Fürstenschloss fast unberührt vom fernen Ringen um die Zukunft. Stern zeigt beides, das Hetzen nach Finanzierung und Entwicklung sowie die Natur und Ruhe in der begehrten Landschaft. Umbruch und Konstanz, Veränderung und Anpassung: Viele Konflikte brodeln unter Sattlers großen Versprechungen. Der Film sucht diese Konfrontationen, lässt ruhige Aufnahmen grasender Rehe auf übervolle Bürgersitzungen folgen. Die Planer sprechen von Zukunft, Gutsverwalter Bernd Köhling von Tradition.

Henners Traum

Die Zeit vergeht, und im Jahr 2008 wachsen Sattlers Ambitionen, an sich himmelstürmerisch genug, noch weiter ins nahezu Unerreichbare: Wie soll man über 400 Millionen Euro auftreiben für ein Projekt mit extremem Risiko, und das während der größten Finanzkrise aller Zeiten?

Überhaupt: Projekte und Risiko. Um diese Begriffe dreht sich der mythische Kern des Riesenvorhabens. Man spricht nicht von „Träumen“; Projekt ist der pragmatischere Begriff, er heftet Träume auf die Achse der Realisierbarkeit. Ein Projekt ist aufteilbar in Phasen und Arbeitsschritte, Arbeit ist delegierbar, viele Schultern tragen die Last der Verwirklichung. 1000 Arbeitsplätze soll das Vorhaben „Domäne Beberbeck“ schaffen, bei der konstant depressiven Stimmung auf dem deutschen Arbeitsmarkt klingt das schon traumhaft genug – Projekte als profitable Träume, sozusagen. Doch wie steht es mit dem Risiko? Am Projekt beteiligt sind Entwickler und Architekten, Stadtplaner und PR-Profis, doch Henner Sattler muss für das Zustandekommen allein geradestehen. Oder eben für das Scheitern.

Henners Traum

Und während der weltgewandte Architekt Tom Krause von Abu Dhabi zum nächsten deutschen Ferientraum in Eschweiler, Nordrhein-Westfalen, jettet und allmählich das Interesse an Schloss Beberbeck, zu verlieren scheint, geht Henner Sattler weiter von einem desinteressierten Investor zum anderen. In der Hand hält er eine Tasche voller Promo-DVDs und schicker 3D-Ansichten noch nicht gebauter Hotelanlagen, doch kein Geld.

Dass er dabei zum tragischen Helden und nicht zur realitätsfernen Witzfigur wird, ist Klaus Sterns präziser, unaufdringlicher Regie zu verdanken. Immer dabei, aber nie zu nahe oder entblößend verfolgt er seinen Protagonisten mit großem Respekt, ja fast Sympathie. Man mag den Kopf schütteln, wenn Sattler in schlechtem Englisch einem skeptischen Investorenvertreter versichert, dass er „alles auf einmal, ganz oder gar nicht“ wolle. Dennoch kommt man nicht umhin, seinen Willen zu bewundern. Und so ist er zwar irgendwie fern der harten Wirklichkeit des Großfinanzkalküls, aber auf eine anachronistische, liebenswürdige Weise. Denn während alle anderen nur an ein Projekt und dessen Realisierbarkeit denken, träumt er und trägt das Risiko ganz alleine. Also doch der einsame Held, der späte Cowboy. 

Kommentare


Scout

Eine ebenso wache wie witzige Kritik mit geistreichen sprachlichen Wendungen! Wie schade, dass der besprochene Film nur allzu mittelmäßig ist und derartige Attention wahrlich nicht verdient hat!


Frédéric

Was finden Sie an dem Film denn mittelmäßig? Die konventionelle Machart?


heinrich

ich fand ihn auch nicht mittelmäßig, sondern aufschlussreich, einfühlsam und tiefgründig.

klar, vieles kennt man zu genüge, aber viele milieus und verhaltensweisen oder auch charaktere sind nicht so wie die eigenen.

wo ich allerdings mit nino vielleicht nicht ganz übereinstimme, ist in der interpretation der rolle des architekten. ich halte ihn nämlich für nicht weltgewandt und gelangweilt, sondern für provinziell, latent größenwahnsinnig und kitschig. dazu ein paar scheichs und gleich und gleich kann sich auf die schultern klopfen...

verglichen damit wirkt der bürgermeister auf einmal wie ein weiser erfahrener mann.


kathie

waer hier entscheidet für das ferienressort, sollte mal dort spazieren gehen und anschauen was da zerstört wird !!!! ich bin hier unweit geboren, bin keine grüne aber es ist trotzdem eine schande und kommt außerdem ottonormalo nicht zu gute,arbeitskräfte/angestellte werden wahrscheinlich sowieso von den firmen ect. mitgebracht und wir dürfen bezw. können dann evtl. höchstens mal übern zaun sehen,da wir uns das eh nicht leisten können und dann auch wahrscheinlich nicht mal dort erwünscht sein werden es sei denn man hat eine dicke geldbörse,wie unser henner ;-(((((((((( und wie er mit den alten menschen umgeht die genau dort im altersheim leben ist eine schande,aber wie hieß es inetwa,die peilen ja eh nix mehr !!! und die anderen politischen mitentscheider sollten mal vor ort spazieren gehen bevor sie hier alles kaputt machen !!!!!!!






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