Helle Nächte

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Die Leere am eigenen Leib spüren: Thomas Arslan schickt ein voneinander entfremdetes Vater-Sohn-Gespann nach Norwegen. Es hätte ein herzerwärmendes Road Movie werden können.

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Helle Nächte beginnt mit Stadtaufnahmen, die genau so aussehen, wie man es in einem Film aus dem Berliner-Schule-Umfeld erwarten würde: etwas triste, aber durch die Linse von Reinhold Vorschneider auch ein bisschen anmutige Ansichten von Neukölln, irgendwo zwischen Baustelle und Betonwüste. Wenn der Film sich wenig später für die restliche Laufzeit nach Norwegen begibt, scheint dieser Ortswechsel zunächst auf den bewährten Gegensatz zwischen anonymer, kalter Großstadt und einer ursprünglichen Natur hinauszulaufen, in der die ausgebrannten Städter mit sich selbst ins Reine kommen. Doch der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) und sein Sohn Luis (Tristan Gölbel) finden hier weder sich selbst noch einander. Sie drohen vielmehr ständig, in der weiten Landschaft verloren zu gehen.

Immer einen blöden Spruch auf den Lippen

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Thomas Arslans neuer Film sieht in seiner Reiseprospektkulisse interessanterweise eine direkte Fortsetzung der menschenfeindlichen Großstadt. Aus der Landschaft scheint jegliches Leben gewichen zu sein. „Nein, es gibt keine Bären im Norden von Norwegen“, versichert Michael genervt seiner Exfrau, der Mutter von Luis. Und tatsächlich: Wir sehen so viel Natur in Helle Nächte, da wirkt es schon sonderbar, dass man den gesamten Film über kein einziges Tier sieht. Und wenn dann auch noch der unheilvoll dröhnende Soundtrack von Ola Fløttum einsetzt, fühlen wir uns endgültig in einer Science-Fiction-Dystopie mit zwei emotional verkümmerten Menschen gefangen.

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Michael ist nach Norwegen gekommen, weil sein Vater dort gelebt hat. Die beiden Männer hatten sich zwar nichts zu sagen, aber wenigstens zur Beerdigung möchte der Sohn anreisen. Eine gute Gelegenheit, um Luis mitzunehmen – der wiederum zu seinem Großvater ein innigeres Verhältnis hatte als zu Michael. Eigentlich ist das die perfekte Ausgangslage für ein herzerwärmendes Roadmovie. Thomas Arslan hat es ohnehin immer wieder zum Genekino hingezogen; zum Gangsterfilm in Dealer (1999), zum Film noir in Im Schatten (2010), oder zuletzt zum Western in Gold (2013). Und auch Helle Nächte versucht erst gar nicht, sich den Mechanismen des Genres zu entziehen. Ebenso schmerzhaft wie komisch lässt er eine Kontaktaufnahme nach der anderen scheitern. Immer wieder kommen den beiden die eigenen Schwächen in die Quere: Michael bevormundet seinen Sohn und heuchelt Interesse, obwohl er eigentlich nur etwas über den neuen Freund der Mutter erfahren will. Und Luis ist so trotzig doof, wie man es als verletzter pubertierender Junge eben ist – immer einen blöden Spruch auf den Lippen, kein Bock auf nix. Und wenn er dann mal einen schwachen Moment hat und sich seinem Vater mit einem Witz annähern will, lässt der ihn abblitzen. Georg Friedrich und Tristan Gölbel sind ein ausgezeichnetes Team, weil sie relativ frei von schauspielerischen Manierismen sind. Statt einer etwas angeberischen Souveränität im Spiel haben sie sich eine Brüchigkeit bewahrt, die einem für kurze Momente das Herz zerreißen kann.

Die Leere am eigenen Leib spüren

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Die zwischenmenschliche Entfremdung, der sich Arslan in seinem Film ausgiebig widmet, scheint zwar ein alter Hut zu sein. Aber Helle Nächte versucht für dieses viel beackerte Feld eine andere Form der Erzählung zu finden. Das gelingt ihm, weil sich Michael und Luis nicht ändern, weil es zwar kleine versöhnliche Momente gibt, aber keiner von ihnen einen Plot Twist lostritt. Vielmehr drehen sie sich ständig im Kreis, wechseln zwischen ewigem Small Talk, kurzen Annäherungen und dem nächsten Krach, der alles wieder auf Null setzt. Und dann macht auch die Landschaft etwas mit diesem bewährten Sujet. Einmal fährt die Kamera minutenlang eine Straße entlang, die durch eine immer stärker vom Nebel eingedeckte, endlose Bergkulisse führt. Arslan lässt uns die Leere und Abgeschiedenheit am eigenen Leib spüren. Es fühlt sich nicht so viel anders an als die Enge eines bürgerlichen Wohnzimmers. Wenn überall nur ein großes Nichts ist, werden die Figuren automatisch auf sich selbst zurückgeworfen.

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Als Luis in einem Camping-Park ein gleichaltriges Mädchen trifft und ein wenig mit ihr flirtet, tauschen die beiden nicht nur Floskeln aus, sondern auch ihre Spotify-Playlist. Dabei wird dieser Moment nicht als onkeliger Kommentar darauf inszeniert, dass die Jugend heutzutage nur noch in ihre Smartphones glotzt. Vielmehr nimmt das Handy für Luis und das Mädchen eine verbindende Funktion ein, erleichtert das Kennenlernen durch ein Metal-Video, das sich die beiden ansehen. Von wegen die Technik macht das soziale Miteinander kaputt. Vater und Sohn dagegen haben sich auch ohne jegliche Gerätschaften nichts zu sagen.

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