Hell or High Water – Kritik

Einsame Cowboys, weit weg von zu Hause: In Hell or High Water bäumt sich der alte Wilde Westen noch einmal auf. Man hört es im Lachen von Jeff Bridges, bevor es in ein Schluchzen umschlägt.

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West Texas ist alt geworden. Ein angegrauter Teil des großen Bundesstaates, der sich selbst gerne noch als Wilden Westen betrachtet und nur mit Widerwillen von seinem archaischen Erbe trennt. Doch die gute alte Zeit ist auch hier längst vorbei. In Hell or High Water fällt das zunächst in harmlosen Details auf: Eine E-Zigarette ersetzt die Marlboro, ein in Neonfarben lackierter Ford tritt an die Stelle des Pferds, das noch kurz vorher vor dem Drugstore angebunden war. Auch die Steppe trägt kaum noch die Spuren eines wilden Westens. Bis zur Horizontlinie zieht sich die scheinbar unbewohnte Graslandschaft. Dort, wo sie das Land zu großen Canyons auffaltet, brennt ein gewaltiges Steppenfeuer. Die letzten Cowboys der Region treiben ihre Rinder vor dem Feuer her, das das Land in dichten Nebel taucht. Nur die Windräder und Ölpumpen zeichnen sich als Silhouetten vor dem Rauch ab. Sie scheinen die wirklich letzten Bewohner des Wilden Westens zu sein. Ihr monotoner Schlagrhythmus ist der Puls von West Texas, den der Film mit den Streichern von Nick Caves und Warren Ellis’ Score unterlegt. Wie die Pumpjacks die Steppe übernehmen, so scheinen die „Fast-Cash“-Anzeigen die Landstraßen fest im Griff zu haben. Sie sind die Marksteine des neuen Amerikas, das die Relikte der Pionierzeit längst verdrängt hat.

Brüder ohne Ausweg

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Toby Howard (Chris Pine) ist ein solches Relikt. Geboren in Armut und kaum in der Mitte seines Lebens angekommen, steht er nach einer gescheiterten Ehe und dem Tod seiner Mutter vor einem Schuldenberg. Sein letzter Ausweg ist das allseits beworbene „Fast-Cash“. Zusammen mit seinem großen Bruder Tanner (Ben Foster), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, überfällt er eine Reihe von Banken in den Kleinstädten von West Texas. Das Unternehmen ist dem Gemüt der Brüder entsprechend geradlinig: Eine Bank nach der anderen wird in den frühen Morgenstunden ausgeraubt, die Beute, das unmarkierte Wechselgeld, anschließend in einem Kasino eingetauscht und somit gewaschen.

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Mehr als für die Überfälle selbst, die fast ausschließlich in einem knappen Prolog abhandelt werden, interessiert sich David Mackenzie für die Liebe zwischen den Howard-Brüdern. Es ist eine Bruderliebe, der nicht viel Zeit bleibt. Umso intensiver fallen die Momente aus, in denen die Howards nicht mit der Vorbereitung des nächsten Bankraubs beschäftigt sind. In kindlichen Blödeleien, Country-Songs, die sie zusammen singen, und kleinen Beleidigungen, mit denen die Vergangenheit schnell aufgeholt und zurechtgerückt wird, drückt sich die Zuneigung aus, die den Film trägt. Die kurzen Momente zwischen den Howards wirken wie Rückblenden aus einer (unbeschwerten) Zeit, die nicht mehr möglich ist.

Milieu ohne Stereotype

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Taylor Sheridan, der bereits für das Drehbuch von Sicario (2015) verantwortlich zeichnete, entwirft mit Hell or High Water erneut eine Geschichte von Kriminellen und Gesetzeshütern in einem Kampf, dessen Verlauf bereits durch das System, das ihn hervorgebracht hat, vorbestimmt scheint. Anders als in Sicario geht es dabei nicht um ein Rechtssystem, sondern um jene gesellschaftliche Entwicklung, die die amerikanische Arbeiterklasse zum Auslaufmodell werden lässt. In Hollywood wird die „Working Class“ gerne zweckdienlich dahin verfrachtet, wo sie als Milieu-Stereotyp komischer oder tragischer Art aushelfen kann. Doch David Mackenzie benutzt seine Protagonisten nicht als Platzhalter. Vielmehr blickt der Film emphatisch auf die Howards und ihre Verfolger, die er als Spiegelbild auf der anderen Seite des Gesetzes inszeniert. Die Texas Ranger verfolgen die Howards quer durch die Kleinstädte des Bundesstaates. Jeff Bridges spielt Marcus Hamilton, einen ergrauten Ranger kurz vor dem Ruhestand. Gut gelaunt brabbelt er durch seine vorgeschobene Unterlippe, wie es eben nur Jeff Bridges kann. Auch er ist ein Auslaufmodell, Archetyp des alten texanischen Gesetzeshüters, dessen Methoden ebenso aus der Zeit gefallen scheinen wie der rassistische Humor, mit dem er seinem indianischen Deputy Alberto (Gil Birmingham) zusetzt.

Schließlich bringt der Film Jäger und Gejagte in der texanischen Steppe zusammen. Hier bäumt sich der alte Westen noch ein letztes Mal auf. Man sieht es in den blau glühenden Augen, mit denen Ben Foster über seine Sonnenbrille blickt, bevor er die Naturgewalt entfesselt, die in seiner Figur schlummert. Und man hört es im Lachen des Rangers, das Jeff Bridges nach einem Schusswechsel entgleitet, bevor es in ein Schluchzen umschlägt. Die Zeit hat den alten Ranger und den Cowboy-Heißsporn bereits überholt, doch das macht Hell or High Water als ihren Abgesang umso schöner.

Trailer zu „Hell or High Water“


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