Heli

Irgendwo zwischen Schönheit und Gewalt kommt Amat Escalante die ersehnte Wirkung abhanden.

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Ein toter Mann baumelt an einem Seil unter einem Fußgängerübergang. Ein Körper, wie gekreuzigt, über ihm nur der Himmel des mexikanischen Bundesstaats Guanajuato, eine jener Regionen des Landes, in denen die Gewalt zum Lebensprinzip geworden ist, zugleich privilegiertes Mittel der Kommunikation wie notwendige Form männlicher Subjektivierung. Wenn das mexikanische Kino zunehmend den undurchschaubaren Drogenkrieg in den Blick nimmt, und wie dieser den Alltag in Beschlag nimmt, dann ist das nicht filmische Ausbeutung eines spektakulären Themas, sondern die Suche nach einem Kino, das die aktuelle Zeit in Bilder zu fassen vermag. Das Bild herabbaumelnder Körper ist hier nicht Mittel eines Kinos der Extreme, sondern das tägliche Brot der Boulevardzeitungen, mittlerweile so banal wie der Wetterbericht.

Heli 02

Amat Escalantes neuer Film Heli ist anders, ganz anders als Gerardo Naranjos actiongeladener Thriller Miss Bala (2011) oder Luis Estradas Groteske El Infierno (2010), doch sie alle sind womöglich nur die Pioniere eines neuen Narco-Kinos, das den Drogenkrieg nicht mehr als Phänomen, sondern als Status quo einer Gesellschaft behandelt. Escalante bewegt sich dabei weiterhin an den Schnittstellen von Politik und Ästhetik. Stilistisch ist sein Kino jenem radikalen Formalismus verschrieben, für das vor allem sein Landsmann und Freund Carlos Reygadas in den letzten Jahren bekannt geworden ist. Im Gegensatz zu dessen ständiger Suche nach dem Erhabenen scheint Escalantes Ansatz aber stärker dem Gesellschaftlichen verpflichtet. Auch seine Funny Games-Variation Los Bastardos (2008) hat er in die grenznahe USA verlegt, mit dem dortigen Arbeitsalltag illegaler Einwanderer verknüpft und Haneke damit gewissermaßen vom Kopf auf die Füße gestellt.

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Diese Spannung zwischen der durch konkrete politische Bezüge erstrebten Unmittelbarkeit der Handlung und einer eigenwilligen, auch mal ins Surreale kippenden Stilisierung macht auch Heli aus. Im ersten Teil des Films bekommen wir in wunderbar poetischen Sequenzen den Alltag einer ländlichen Familie mit. Heli (Armando Espitia) lebt mit seinem Vater, seiner Schwester, seiner Frau und ihrem kleinem Baby in einem recht kargen Heim. Escalante interessiert sich besonders für Helis zwölfjährige Schwester Estela (Andrea Vergara), die sich von ihrem fünf Jahre älteren Freund Beto dazu überreden lässt, abzuhauen und zu heiraten. Im Vergleich zu Escalantes ersten beiden Filmen ist vor allem dieser Teil deutlich freier inszeniert. Der Himmel Guanajuatos ist ewig bewölkt, aber immerhin ist er zu sehen, und darunter lässt Escalante seine Figuren auch mal atmen und stellt sie nicht bloß als Elemente seiner Einstellungen aus. So ist Heli weniger dicht als seine Vorgänger, aber auch weniger streng, und besticht dabei vor allem durch Lorenzo Hagermans atemberaubende und großartig komponierte Außenaufnahmen.

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Der Bruch kommt einmal mehr mit der Gewalt. Wie so viele Jugendliche in bestimmten Teilen Mexikos hat sich Beto bei der Suche nach der Kohle für ein neues Leben auf einen Narco-Job eingelassen. Doch Heli entdeckt die zwei Koks-Pakete im Wassertank seines Hauses und lässt sie verschwinden. Wenig später bricht eine bis zum Anschlag bewaffnete Spezialeinheit in das Haus ein, schießt wild um sich, entführt Heli und seine Schwester und bringt sie zusammen mit dem bereits einkassierten Beto in einen privatisierten Verhörkeller, in dem selbst die kleinen Geschwister ihr Konsolenspiel unterbrechen, um ein wenig mitzufoltern. Doch diese Szene und die mit ihr verbundene Diskussion um die Darstellung von Gewalt einmal ausgeblendet: Auf narrativer Ebene gelingt Escalante ähnlich wie Naranjo in Miss Bala eine angemessene filmische Übersetzung der längst nicht mehr überschaubaren Lage an den Fronten des Drogenkrieges. Während die Bundesregierung in einer grotesken Szene zu Anfang des Films medienwirksam mehrere Tonnen Marihuana verbrennt, sind diese Drogen längst die einfachste, lukrativste und mit dem größten Prestige verbundene Ressource im Kampf um sozialen Aufstieg.

Die Verknüpfung von filmischer Formstrenge und mit Authentizitätseffekt ausgestellter Gewalt wirkt oft eher irritierend als provozierend, manchmal im Einsatz fast beliebig. Am stärksten ist Heli immer dann, wenn Escalante eine Möglichkeit findet, mit seinem Stil die alltägliche Gewaltökonomie erfahrbar zu machen. Als Helis junge Ehefrau nach dem Gewaltakt zurück nach Hause kommt, da durchbricht der Film endlich einmal seine distanzierte Haltung. Wenn sie die Küche betritt, wie in Trance der Blutspur folgt, schließlich innehält und rückwärts wieder zurückweicht, folgt ihr die Kamera Schritt für Schritt, zugleich dem Ort des Schreckens entfliehend und die Zeit zurückdrehend. Keine Nahaufnahme eines traumatisierten Gesichts, und doch verstehen wir ihren Wunsch nach Flucht ganz genau. Die Kamera führt den Rückzug noch weiter, vom Haus weg und in die Lüfte, dorthin, wo keine der Figuren entfliehen kann.

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Solche Momente weisen über die Frage der Gewaltrepräsentation hinaus und verbinden Escalantes filmische Vision mit seinem politischen Anspruch. Doch gelingen ihm diese Momente zu selten. Meist ist auch in Heli noch spürbar, wie gern sich Escalante als radikaler Filmemacher sehen würde – ohne die angestrebte Stilisierung des Konkreten und Brutalen dabei wirklich zu beherrschen. Seine scharfsinnigen Beobachtungen des Narco-Alltags werden durch die Ausstellung seines Stils und eine zunehmende Effekthascherei eher geschwächt als verstärkt. Auch die diffusen Bezüge zu unschuldiger, frustrierter oder dysfunktionaler Sexualität und der manchmal sehr gezwungene Rückgriff auf surreale Elemente sind Ausdruck einer filmischen Ambition, die Heli nicht unbedingt guttut. Escalante sucht nach dem Schock der Unmittelbarkeit, gefällt sich aber doch zu sehr in deren eigenwilliger Ästhetisierung und bringt beides zu selten wirkungsvoll zusammen.

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