Helden der Nacht

Wie vor kurzem David Cronenberg in Tödliche Versprechen – Eastern Promises widmet sich der US-amerikanische Regisseur James Gray ebenfalls der russischen Mafia – allerdings hinterfragt er Klischees, anstatt sie zu befriedigen.

Helden der Nacht

Als Manager einer edlen Großraumdiskothek in Brooklyn geht es Bobby Green, ehemals Robert Grusinsky (Joaquin Phoenix), augenscheinlich prächtig: Hier ein bisschen Rumfummeln mit Freundin Amada (Eva Mendes), dort ein wenig Plaudern, Koksen und Karten zocken, den Seidenschal zum Anzug lässig um den Hals geschwungen. Kurzum, die Party ist im Jahr 1988 für Bobby in vollem Gange, an deren Höhepunkt sein Chef, ein russischer Pelzhändler, ihm die Leitung eines neuen, noch edleren Clubs in Manhattan verspricht. Auf den Flirt mit seinen Stammgästen aus der Unterwelt, den Drogenbossen und ihren Handlangern, lässt sich Bobby berufsbedingt bereitwillig ein, trotz eindringlicher Warnungen seiner Familie. Wie Vater Bert Grusinsky (Robert Duvall) ist auch Bruder Joseph (Mark Wahlberg) ein strammer Vorzeigepolizist. Unter dem Motto der New York City Police in den achtziger Jahren „We Own the Night“ – so der Originaltitel des Films – kämpfen beide beherzt gegen das expansive Drogengeschäft.

Nach einer Razzia in Bobbys Club wird Joseph niedergeschossen und Bobby beginnt, tief getroffen von diesem Ereignis, Partei für die Polizei zu ergreifen. Unverhofft findet er sich an vorderster Front des Drogenkrieges gegen die russische Mafia wieder – eine missliche Lage, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Denn das Ringen um Recht und Ordnung fordert seinen Tribut: zunächst nur den Alltag, später einige Menschenleben. Einzig die Ausbildung zum Polizisten scheint ihm einen Ausweg aus seinem zerstörten Leben zu bieten. Bobby legalisiert seinen Feldzug gegen die Russen-Mafia fortan mit einem Dienstausweis.

Helden der Nacht

Protagonist Bobby folgt damit Regisseur James Gray: Dieser verschiebt in seinem dritten Spielfilm den Fokus von den Kriminellen und Korrupten auf die Polizei und betrachtet sein zentrales Sujet, das Gangstermilieu von New York, aus dieser neuen Perspektive. In seinem Spielfilmdebüt Little Odessa (1994) organisierte er die Handlung um die Figur des russisch-jüdischen Auftragskillers Joshua, der seine Familie unbeabsichtigt und auf fatale Weise in Gefahr bringt. Auch in The Yards – Im Hinterhof der Macht (2000) stellte Gray den frisch entlassenen Sträfling Leo in den Mittelpunkt, der sich versehentlich an der Seite seines besten Freundes in fragwürdige Geschäfte verwickelt. Spielten Polizisten in diesen ersten beiden Filmen keine oder eine nebengeordnete Rolle, wirkt Helden der Nacht dennoch wie der logische Abschluss einer Trilogie. Nicht nur Verbrecher, auch Polizisten und Unbeteiligte bluten, sterben und töten.

Entgegen der Banalität dieser Einsicht überzeugen Grays Filme gerade wegen ihrer gleichsam schlichten wie deprimierenden Ausweglosigkeit. Im Gegensatz zur makellosen Coolness von Aktion und Dialog, etwa von Scorseses stets polierten Gangster- und Detective-Figuren in The Departed – Unter Feinden (2006) oder Cronenbergs folkloristisch-russischer Mafiosi-Fantasie in Tödliche Versprechen (2007), sind Joshua, Leo und nun auch Bobby in jeder Hinsicht defizitär und verwundbar. Ihre Stilisierung zum knallharten Polizisten beziehungsweise Verbrecher bleibt aus. Vielmehr merkt man ihnen ihre Abstammung aus unprätentiösen Arbeiterfamilien, die zu dicken Worten und Taten weder fähig sind noch sein wollen, deutlich an. Allem voran sind es auch eben diese unzertrennlichen Familienbande, die für das Scheitern mitverantwortlich zeichnen: das blinde Vertrauen in den Kindheitsfreund in The Yards führt wie die Solidarität mit dem Bruder in Little Odessa und Helden der Nacht zum totalen Kontrollverlust über das eigene Leben.

Helden der Nacht

So gestalten sich konventionelle Actionelemente des Gangster- und Polizeifilms, wie die Verfolgungsjagd in Helden der Nacht, entsprechend als Desaster für das klassische Heldentum. In einer brilliant inszenierten, schnell montierten Schlitterpartie auf dem nassen Highway, entsteht durch dichten Regenfall und ausschnitthafte Nahaufnahmen der Eindruck fehlender (Über-)Sicht und klaustrophobischer Beklemmung. Der vermeintliche Held offenbart sich als verzweifelt-hysterisches Nervenbündel. Ausgestellt wird hier vor allem die Angst, nicht die Gewalt.

Dass in den Flammen des Showdowns teils doch noch mit stahlhartem Nervenkostüm gekämpft wird, erscheint deshalb inkonsequent. Obwohl Gray sich offensichtlich bemüht, klischeehaften Überhöhungen realistische Figuren entgegen zu setzen, greift er auf ein paar ausgeleierte Bilder zurück, um die Geschichte zum Abschluss zu führen. Grays Schauspieler-Duo Joaquin Phoenix und Mark Wahlberg, dem damals als ungleiches Freundesgespann in The Yards der künstlerische Durchbruch gelang, vermag es jedoch mit seinem vorzüglichen Spiel über solch inszenatorische Schwachstellen hinweg zu helfen. Bobbys wie Josephs offene Wunden, Narben und Traumata schwelen unter angespannten Gesichtszügen und brechen immer wieder in unkontrollierten emotionalen Schüben hervor, die sie in ihrer ratlosen Angst und wütenden Entschlossenheit als glaubwürdige Kämpferfiguren erden. Ob Polizei oder Mafia, wer die Helden der Nacht sind, bleibt indes unklar. Vielleicht weil es keine Helden gibt.

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