Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star – Kritik

Trotz Garbos Überbiss und Dietrichs robusten Gesichtszügen stand Hedy Lamarr mit ihrem filigranen Konterfei perfekter Symmetrie stets im Schatten der beiden großen Filmdiven. Ein Dokumentarfilm versucht nun, den Blick hinter die Fassade des einstigen Sinnbilds weiblicher Schönheit zu werfen.

Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star

Die dreißiger Jahre gelten als die goldene Ära Hollywoods, die für ihre glamourösen Stars bekannt ist. Greta Garbo, Marlene Dietrich, Vivien Leigh und Clark Gable gehören zu den Vertretern dieser Gattung, die von der damaligen Traumfabrik geschaffen wurde. Zu den größten Entdeckungen des MGM-Studiobosses Louis B. Mayer zählte neben Garbo die Wienerin Hedy Kiesler, die als Hedy Lamarr zur Ikone wurde. Wie bei so vielen Stars jener Ära ranken sich Mythen, Gerüchte und Halbwahrheiten um Lamarr, die 2000 in völliger Zurückgezogenheit verstarb. Der Dokumentarfilm Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star begibt sich auf einen schwierigen Pfad und sucht nach Anknüpfungspunkten für ein filmisches Porträt einer der größten Filmdiven, deren Öffentlichkeitsbild exemplarisch durch den Publicity-Apparat Hollywoods, wie durch die unerbittliche Regenbogenpresse geprägt wurde, und die später sogar den Ghostwriter ihrer Autobiografie wegen Verbreitung von Unwahrheiten verklagte.

Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star

Dreh- und Angelpunkt von Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star ist die Verwertung eines TV-Interviews von 1970, das der Star, der 1949 mit Samson und Delilah (Samson and Delilah) einen letzten großen Erfolg verbuchen konnte, mit dem ORF auf Deutsch führte. In mehreren Ausschnitten verteilt sich das sehr persönliche Gespräch über die Spielzeit des Films und wird mit aktuellen Äußerungen von Zeitgenossen, Bekannten und Verwandten des Stars, wie auch denen eines Filmhistorikers verknüpft. Allein die s/w-Aufnahmen der einstigen Diva in ihrem privaten Umfeld vermitteln einen gespenstisch anmutenden Einblick in die Seele Lamarrs, die scheinbar stets mit sich selbst haderte und nun, in Folge von Schönheitsoperationen, mit weit aufgerissen Augen in die Kamera blickt, als wolle sie den Kontakt zum verlorenen Publikum suchen. Man fühlt sich unweigerlich an Wilders Boulevard der Dämmerung (Sunset Boulevard, 1950) erinnert, der mit der Stummfilmdiva Gloria Swanson die perfekte Besetzung für einen abgeschriebenen Star fand, der sich in eine Phantasiewelt flüchtete. In Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star vermögen vorrangig die Originalaufnahmen Lamarrs, das Bild einer Person zu zeichnen, die, auf der Grenze zwischen nostalgischen Träumereien und persönlichen Eingeständnissen balancierend, ihr Leben reüssiert.

Leider gelingt es Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star nur in Ansätzen, eine individuelle Perspektive auf das Phänomen des einstigen Leinwandstars zu entwickeln. So hat die Dokumentation über weite Strecken den plakativen Überschriften, die den Film nach den Lebensstationen des Stars gliedern und Titel wie „Forever Young“ oder „Last Exit New York“ tragen, meist nichts hinzufügen. Stattdessen verwässert der unentschlossene Mix aus aktuellen Interviewstücken den Fokus auf die Person Lamarrs. So kann der langjährige USA-Korrespondent der österreichischen Neue Kronen Zeitung, Hans Janitschek, zwar einige interessante Einblicke in die Korrespondenz zwischen ihm und dem Star bieten. Die Filmemacher Barbara Obermaier, Fosco und Donatello Dubini versäumen es jedoch, eine ausreichende Engführung vorzunehmen und lassen den mitteilungsfreudigen Janitschek neben dessen wiederholten Interpretationen der Persönlichkeit Lamarrs etwa auch ausschweifend über die Opferrolle Österreichs 1938 sinnieren.

Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star

Anfangs scheint es noch, als hätten die Filmemacher eine an sich interessante Herangehensweise gefunden, indem sie auf Talking Heads verzichten und die Interviewpartner in deren eigenem Umfeld in Bezug zu der Leinwandikone stellen. Wenn etwa der Filmhistoriker Jan-Christopher Horak aus seinem persönlichen Fundus von Publicityfotos die Wirkungsweise der Vermarktung Lamarrs als Filmstar erklärt, wird auch Horak selbst Teil des Porträts. Doch mangelt es an einer konsequenten Durchführung dieses filmischen Konzepts. Zu oft müssen die Interviewten herhalten, um lediglich intime Details mit vordergründigem Sensationswert aus dem Leben der Diva preiszugeben. Fast unerträglich ist die unreflektierte Ansammlung von Skurrilitäten, an denen sich der Film immer wieder ergötzt und diese zu einem Panoptikum des Banalen zusammenfügt: seien es Dreckränder in der Badewanne des New Yorker Appartements oder die versehentliche Zerstörung der Wachsfigur Lamarrs in einer Abstellkammer durch einen Triebtäter.

Dennoch sticht ein reflexiver Moment in dem Film heraus, der sich aus den Gesprächen mit James Loder speist. So stellt Loders Geschichte, der in dem Glauben aufwuchs, Hedy Lamarrs und John Loders Adoptivsohn zu sein, ein frappierendes Beispiel für die Spätfolgen der Vermarktungsweise der damaligen Filmstars dar, die mit weit reichenden Eingriffen in deren Persönlichkeitsrecht verbunden war. Lange nachdem es zwischen Lamarr und ihrem Sohn, noch in dessen Teenagerjahren, zum Bruch kam, erfuhr Loder, dass er ihr leibliches Kind ist. Die rigide Studiopolitik MGMs diktierte die Vertuschung der vorehelichen Schwangerschaft, die sich zu einer Lebenslüge Lamarrs entwickeln sollte. Durch die Verknüpfung der Interviews Lamarrs und der Schilderung dieser Familientragödie gelingt es Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star, den alten Aufnahmen des ORF eine neue Facette abzugewinnen. In Lamarrs Erscheinungsbild werden nun die Spuren, die von der schonungslosen Stilisierung zur Filmikone auf ihrer Seele hinterlassen wurden, deutlich sichtbar.

 

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