Hedis Hochzeit

Mohamed Ben Attia bricht eine an sich selbst zweifelnde tunesische Gesellschaft entlang der Geschichte einer ersten Liebe auf.

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Hedi (Majd Mastoura) ist das perfekte Abziehbild des kleinen Bruders: Ein verhätschelter Spätentwickler und Tagträumer in der tunesischen Provinz, der nur den Eltern zuliebe etwas gelernt hat und nun ziemlich desinteressiert Autos für einen Großhändler verkauft. Mohamed Ben Attia verpasst seinem Protagonisten vom ersten Moment an etwas Schwaches, Passives – als Spielball seiner Umgebung gleitet die Geschäftigkeit der anderen über ihn hinweg. Seine Wünsche, seine Vorlieben, über all das können wir anfangs nur rätselraten. Traditionsgemäß soll Hedi verheiratet werden, seine Verlobte Khedija (Omnia Ben Ghali) allerdings kennt er kaum und kann sie nur nachts heimlich treffen. Vor allem Hedis Mutter Baya (Sabah Bouzouita) treibt die Familienplanung voran, nach dem Tod des Vaters soll alles wieder möglichst normal werden. Doch bei allem oberflächlich gelebtem Konservatismus eilt die Realität voraus: Hedis Bruder lebt längst sein eigenes Leben in Frankreich und lässt Frau und Kinder dort, damit diese vom rückständigen Kleinstadtleben und der tunesischen Verwandtschaft nicht zu viel mitbekommen. In die familiäre Inszenierung von Hedis Zwangsheirat allerdings fügt auch er sich aber mucksmäuschenstill ein. Diese Doppeldeutigkeit findet sich in vielem, was die Menschen in Hedis Hochzeit sagen oder tun.

Die Erziehung des Herzens

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Langsam beginnt auch die politische und wirtschaftliche Lage des Landes in den Gesprächen und Gesten durchzuscheinen: Hedi bereist die entlegensten Winkel Tunesiens, in der Hoffnung, doch noch irgendwo einen neuen Peugeot loszuwerden. Aber er steht vor verschlossenen Toren und verlassenen Betrieben. In einem Hotel lernt er schließlich die Tänzerin Rim (Rym Ben Messaoud) kennen. Sie wirft sich jeden Abend in tropische Dresses, um die verstreuten deutschen Familien im Ressort zu bespaßen – der Tourismus als letzte lukrative Bastion in der wirtschaftlichen Misere. Aus den Boxen schallt deutscher Schlager: „Mein Schatz, ich liebe dich!“. Hedi schaut der absurden Vorstellung kontemplativ rauchend zu. Seine Zwangsheirat indes rückt immer näher, und mit der impulsiven und offenen Rim beginnt Hals über Kopf eine amour fou, die für den zaghaften Hedi zu einem fast religiösen Erweckungserlebnis wird. Er beginnt, an den Wert seiner eigenen Entscheidungen und Gefühle zu glauben und setzt den Familienfrieden aufs Spiel. Aber die education sentimentale beginnt zu wirken und auf einmal sehen wir fast nur noch Großaufnahmen der Liebenden, pure und ehrliche Affektion fegt den familiären Moraltand visuell beiseite.

Revolution wie ein Festival

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Doch die unvermeidliche Frage rückt immer näher: Was tun? Wer es sich leisten kann, ein Visum bekommt und gut genug Französisch spricht, versucht sein Glück jenseits des Mittelmeers. An dieser elitär-kolonialen Aufstiegslogik hat sich scheinbar nichts geändert. Die Versprechungen der Revolution von 2011 wirken dabei wie eine Art Festival, an das man sich nostalgisch zurückerinnert: „Weißt du, damals hatte ich für drei Tage das Gefühl, dass alle Leute sich irgendwie lieb hatten“, sagt Hedi zu Rim. Das Politische wird auf einmal privat: Der Geist der politischen Revolution verbindet sich unmittelbar mit dem persönlichen Aufbruch der Liebenden. Es sind diese Momente, in denen auf einmal alles möglich scheint – die Hoffnung auf ihre Kraft ist in Hedis Hochzeit spürbar. Als Hedi nach etwa der Hälfte des Films zum ersten Mal überhaupt lächelt, ist das ein wunderschöner Akt der Befreiung und des Selbstvertrauens.

Das Leben ein Spiel?

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Doch allzu revolutionstrunken wird es nicht: Das wirklich Spannende an Hedis Hochzeit ist, dass die persönliche Emanzipation des Protagonisten gar nicht unbedingt auf ein – in welcher Form auch immer – freieres Leben hinausläuft. Mitten in jenem Liebestaumel mit Rim, der seine gesamte Existenz in Frage stellt, entfährt ihm plötzlich folgender Satz: „Man muss auch einmal zur Ruhe kommen, sonst wird das Leben zu einem Spiel.“ Die Sehnsucht nach Eigenständigkeit bricht sich an Hedis bis dato gezwungenem, aber befriedetem Leben im Schoße der Familie, dessen Gewohnheiten ihn trotz allem nicht loslassen. Persönliche Freiheit gibt es nur auf Widerruf, auf Zeit und mit der Gefahr, auch mit dem Leid eines selbstverantwortlichen Lebens klarkommen zu müssen. Diese notwendige Ungewissheit formt Attia zu einem schillernd-zweifelnden Porträt einer sich verändernden Gesellschaft. Die wahre Revolution, sie beginnt bekanntlich erst nach der Revolution.

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