Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Wo die Reise von der Heimat träumt, ist die Suche nur die Quittung für das immer schon Gefundene.

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Es gibt zwei Gangarten durch London: Eine katzbucklige, den knatschigen Blick auf den Boden richtende und eine glücklich grinsende, diesen Blick begrüßend in die Welt schleudernde. Diese zwei Arten der Welt zu begegnen rahmen Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück (Hector and the Search for Happiness) und als diese hilflos debilen Pole des Seins sind sie auch positiver nicht zu bestimmen denn als didaktisches Korsett, das vom Anfang und vom Ende her die Erzählung über einen melancholischen Glücksschnüffler schraubstockartig in die Mangel nimmt. Der depressive Psychiater Hector (Simon Pegg) ist seinen Patienten ein miserabler Beisteher, wo er doch vom Glück nicht die geringste Kenntnis hat. Sein stilvolles Designer-Loft mit Blick auf die Themse wirkt steril wie eine Intensivstation, seine um Lichtjahre hübschere Frau (Rosamunde Pike) büßt jeden Eros ein, sobald sie mit mütterlicher Akkuratesse seine Socken rubriziert. So kann es freilich nicht weitergehen. Hector muss sich mal austoben, muss verreisen: Gralsjagd nach dem Glück.

Zwei Stunden Tafelanschrift

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Die Prämisse einer solchen Forschungsreise ist – klar – nichts anderes als die Infantilisierung des Selbst. Genauer: Autovertrottelung bis zu dem Punkt, an dem man mit säuglingshafter Ungeschicklichkeit allererst die Welt ertastet. Im Flieger nach Shanghai wird Hector ein Champagnerglas gereicht, welches faszinierender Weise unzerbrechlich ist. Wieder und wieder also muss der Safaritourist mit idiotischem Schlapphut, seinem kindlichen Erkenntnistrieb gemäß, dieses Glas umschmeißen, bis sich endlich, nach dem dritten Versuch es zu zerbersten, die finale epistemische Setzung aufstellen lässt: Dieses Champagnerglas ist wahrhaft unzerbrechlich. Nun lässt sich über Humor bekanntlich streiten und auch „gelungener“ Slapstick funktioniert nicht selten über die naive und auf ewig zum Scheitern verurteilte Wiederholung als Instrument des Erkenntnisgewinns. Hectors Reise aber – und selbst der friedvolle Wunsch, darüber hinwegsehen zu dürfen, will sich, zumindest für mich, nicht erfüllen lassen – ist von Kopf bis Fuß durchsäuert von der Penetranz unterrichtskundlicher Zeigestab-Erziehung. In ein kleines Notizbuch kritzelt Hector seine Thesen vom Glück. Diese Annahmen werden stetig am unteren Leinwandrand in pädagogischer Tafelschönschrift affirmativ nachgepinselt. Ja, zum Mitschreiben, schlimmer noch: zum Auswendig lernen. Und auswendig zu lernen gilt: „Happiness could be the freedom to love more than one woman at the same time.“

Lektionen über den Konjunktiv

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Der Konjunktiv formuliert allerdings niemals die Möglichkeit, er formuliert einzig einen Ausschluss. Die Formel: Topf + Deckel = Glück ist der letztgültige semantische Gehalt dieser Weisheit, und deshalb wird der Glücksritter nach einem keuschen Küsschen auch schon friedlich schnarchen, wenn sich seine studentische Verführerin nackt zu ihm ins Bett schmuggelt. Dass der gesamte Film in dieser konjunktivischen Struktur gehalten ist, ist noch schlimmer als die entsetzliche Geistlosigkeit seiner Zufriedenheitshypothesen – „Happiness is to be loved for exactly who you are“; Gewissheiten wie diese entstammen mit derselben Schamlosigkeit der Werberhetorik einer kundenbezirzenden Versicherungsfirma wie der Augenkitsch der filmischen Bildwelt aus den ikonischen Datenbankmotiven von Pauschalreiseanbietern. Tatsächlich aber geht es einzig darum, das Glück ex negativo zu bestimmen, es geht darum, ihm Schritt für Schritt mit Zweifel zu begegnen, auszuschließen, was es nicht ist. Dieser nahezu cartesianische Move, das seelische Hochgefühl zu begreifen, nein, es vernünftig zu beweisen, einer der Welt, nein, der Heimat bereits loyalen Vernunft entsprechend, funktioniert dabei so kategorisch wie eine algebraische Gesetzmäßigkeit. Das Glück kann niemals dort gefunden werden, wo sich Freiheit, Liminalität oder Autonomie denken lassen, es kann – und das ist eben nicht nur eine Option – nur dort auftauchen, wo es sich nach einer farbenprächtigen Freilufthochzeit notariell bescheinigen lässt: ein Kinderglück; eines, das von der Vorstellung, es könne auch wieder anders werden, befreit ist.

Im Mutterschoß der bürgerlichen Glücksphilosophie

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Eben das ist das Motiv der Reise: wieder mit ihrem Ausgangspunkt zu verschmelzen, zurückzukehren mit der letzten Gewissheit über die eigene Zugehörigkeit; standhaft geblieben zu sein gegenüber all der teuflisch rohen Sinnlichkeit, die einem begegnet ist. Und nichts anderes verrät die Reise ins eigene Kind-Ich, die Großaufnahme eines dümmlich faszinierten Gesichts über einen Wolkenkratzer in Shanghai. In ihr versteckt sich dieses abstruse Phantasma, man könne aus der Welt scheiden, sie von außen wahrnehmen, Erfahrung und Verstand abschatten mit einem albernen Schlapphut, nur um am Ende vollends – das heißt: mit letzter Gewissheit – auf ewig in ihr aufgegangen zu sein, im Mutterschoß der bürgerlichen Glücksphilosophie. Nicht die ideologische Gefahr, der Zuschauer könne mit so einem Machwerk – der durchsichtigen Gleichung von Dramaturgie und präziser Deduktion – die gesellschaftsstiftenden Theoreme der kapitalistischen Kultur passiv einstudieren ist derart erbärmlich, sondern der ästhetische Impuls, überhaupt noch einen solchen Zuschauer zu denken.

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Kommentare


Walter Heinrich

Habe den Film in einer Sneak gesehen und bin jetzt von der beißenden Kritik von Lukas Stern wirklich überrascht: Wie kann man diesen kleinen leichten Film so missverstehen? Bei dem Gedanken an die Mühe, die sich der Kritiker bei der Konstruktion seiner intellektuell verschwurbelten Sätze gegeben hat, muss man beinahe lachen - wenn das alles nicht so böse wäre. Dabei ist Hectors Reise eine romantische Komödie mit witzigen Dialogen und einigen gelungenen Slapstick-Einlagen, die die Suche nach dem Glück eben gerade nicht so ernst nimmt. Die zitierte Glücksthese: „Happiness could be the freedom to love more than one woman at the same time.“ entspringt einem erotischen Beinahe-Erlebnis mit einer Prostituierten, die Hector für eine Studentin hält - das ist Ironie, sogar ein Witz. Herr Stern will darin "Penetranz unterrichtskundlicher Zeigestab-Erziehung" erkennen - grotesk. Die angerissene Szene mit dem unzerbrechlichen Champagnerglas reicht für einen Lacher und gut. Herr Stern fühlt sich aber von diesem Witz derart provoziert, dass er über die Mechanik von Slapstick fabuliert - die nette Pointe will er dabei aber offenbar vergessen...

Für mich funktioniert der Film als Komödie, lässt den geneigten Betrachter hier und da tatsächlich kurz innehalten, um seinen eigenen Ideen vom Lebensglück nachzugehen und das wars dann auch: von mir 3 Sterne von Fünfen. Herrn Stern aber will man fragen, was ihm in seinem Leben fehlt, dass er diesen netten Film mit solcher Arroganz und Bösartigkeit verreißt - liegt's am Auftritt von der Ferres? Oder geht das tiefer? W.H.


Lukas Stern

Lieber Walter Heinrich, vermutlich ist das hier der falsche Ort, um Ihnen mitzteilen, was mir in meinem Leben fehlt, nur eines vielleicht: Filme dieser Art bereichern es für meine Begriffe nicht. Weshalb das so ist, habe ich hier versucht auszuführen. Gewiss schlage ich eine Lesart vor, die nicht explizit nach dem Funktionieren eines Films als Komödie (wie Sie es hier andeuten lassen) fragt. Insofern bin ich nicht sicher, ob Ihre Vermutung, ich hätte "diesen kleinen leichten Film missverstanden", zutrifft. Ich müsste Sie an dieser Stelle gegenfragen, wie sie die Zuschreibungen "klein und leicht" verstehen, denn ich kann ihnen per se nichts (ästhetisches) abgewinnen. Ich verstehe Sie so, dass sie mit dem Wort "klein" auf eine Poetik des Alltags, im Sinne der kleinen Dinge im Leben, abzielen und mit dem Wort "leicht" auf gelungene Unterhaltung. Beide Zuschreibungen scheinen mir mit dem Film tatsächlich etwas zu tun zu haben und für mich stellt sich das Problem genau dort, wo man versucht diese Vorstellung vom Alltag und die Mechanismen der Unterhaltung mit der Idee von Glück und Freiheit, wie sie im Film angelegt ist, in Beziehung zu bringen. Ich persönlich - und das war das Anliegen dieses Textes - konnte da am Ende nur noch Unfreiheit und eine für meine Begriffe tatsächlich konservative Glücksauffassung feststellen (etwas gerafft: Glück wird territorialisiert in der Heimat und institutionalisiert in der Ehe - das herauszufinden ist die einzige Mission dieser Reise). Da kann ich jedenfalls nicht mehr lachen! Insofern: Mit Frau Ferres hat es nichts zu tun (ich verstehe auch nicht wie Sie darauf kommen) und ob das tiefer geht, will ich nicht entscheiden.


Anna

Tja, das Buch ist halt ebenso dämlich. Millionen von Lesern liebten ja das Buch, ich verabscheue Eric-Emmanuel Schmitt. Auf jeder Seite eines Buches von ihm wird mir übel. Der Film scheint eben genau das zu sein, was das Buch ist.


Walter Heinrich

@ Lukas Stern:
Vielen Dank für Ihre beinahe unangemessen freundliche Reaktion auf meinen unhöflichen Beitrag. Ihre Erläuterungen machen die Kritik verständlicher, nachvollziehen kann ich sie nicht: Was bitte ist eine konservative Glücksauffassung? Individuelles Glück hat doch nichts mit soziopolitischen Kategorien zu tun und wenn schon, dann müsste zumindest Hectors Freund, der Arzt in Afrika, genau die politisch korrekte Form von Glück leben, die Ihnen vorschwebt? Das soll jetzt aber reichen - mir ging es nur um die Feststellung, dass man diesen Film auch einfach als gefahrlose Unterhaltung erleben kann.

@ Anna
Interessant, dass Sie Bücher lesen von denen Ihnen übel wird. Was aber hat Eric-Emmanuel Schmitt mit diesem Film zu tun? Da zitiere ich doch mal Francois Lelord: Glück ist, wenn man der Meinung anderer Leute nicht zu viel Gewicht beimisst.

W.H.


ule

Lieber Lukas Stern, vielen Dank für diese wunderbare Gift und Galle Kritik eines schmierigen Films . Ich verstehe den Ekel , den Sie empfunden haben müssen und Gucker wie Walter Heinrich eben nicht, der schreibt..." lässt den geneigten Betrachter hier und da tatsächlich kurz innehalten, um seinen eigenen Ideen vom Lebensglück nachzugehen" - tja, genau dieses opportune "geneigt sein" ist ja das widerliche an solchen und anderen Machwerken. Ich jedenfalls bin nicht im geringsten "geneigt" auch nur den Ansatz Ihrer "Idee vom Lebensglück" anzudenken, lieber Walter Heinrich . Diese Art Margot - Käßmann-Philosophie hielte ich nur im Suff aus oder in der Kirche. Beides lehne ich in diesen Zusammenhängen ab.


carpe diem

Lieber Lukas Stern, besser spät als nie: Sie sprechen mir mit ihrer klugen Kritik in ästhetischen wie soziopolitischen - ja natürlich auch die, wozu sonst ist denn Kino? - Kategorien aus ganzem Herzen! Satz für Satz. Genau das hatte ich auch empfunden. Danke.
Ich würde Zuschauer auch lieber vor solchem banalen Wohlfühlblödsinn warnen als zur Verschwendung ihrer ansonsten sicher glückbringenderen Lebenszeit durch derart "leichte" und dämliche Kost animieren. Aber natürlich ist das auch allzu didaktisch von mir gedacht. Ich verspreche es auch nicht auf Leinwand zu schreiben und empfehle umso mehr die herzvolle und lebensleichte Doku YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN.
Möge also jeder auf seine Art glücklich werden - und Sie bitte weiter Kritiken für mich schreiben.


Martin Zopick

Die erste Stunde ergeht sich in lärmendem Prollgeschrei mit einem nur ansatzweise ernstzunehmenden Plot. Doch dann - mit der Gewaltszenerie im finstersten Afrika - entwickelt sich ein immer besser werdender Abenteuer- und Liebesfilm auf der Suche nach dem Glück. Wir erhalten viele Versionen, was das denn sei, dieses Glück. (z.B. ist es nicht die Vermeidung von Unglück oder Glück ist, wenn man so geliebt wird, wie man ist). Das tolle an einem durchdachten Drehbuch ist die Tatsache, dass alle drei Gefühlselemente, die später sichtbar gemacht werden, in diesem ersten Teil vorkommen: Angst, Glück, Trauer. Das wird unterstützt durch vier längere Cameos: Stellan Skarsgard als Multimillionär, Jean Reno als Gangsterboss, Toni Collette als Jugendfreundin Hectors (Simon Pegg), die die intellektuelle Aufarbeitung übernimmt und grandios meistert und Christopher Plummer als Professor, der Gemütszustände sichtbar machen kann. Er ist die Krönung von Hectors Suche. Und diese vier sind die Stufen zum gereiften Hector, der am Ende sogar frei nach Goethe weinen darf (‘Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder.‘) Da tropft dann zwar mal ganz kurz ein wenig der Schmalz, aber nur ein wenig, wenn Hector mit Freundin Clara (Rosamund Pike) telefoniert, die die Nutznießerin dieses Erwachsenwerdens ist. Viele kleine, feine Fäden ziehen sich durch die Handlung und gewinnen später erneut an Bedeutung: z.B. ein Foto oder ein Kugelschreiber. Und natürlich der fotogene Mops. Die Szenen mit seinem ersten Auftritt/Abgang erinnert in ihrer Heftigkeit an manchen Bond-Beginn.
Heiter, spannend, herzerwärmend. Und nachdem man den Film gesehen hat, kann man zumindest erahnen was ‘Glück‘ ist.


Wilfried Reckert

Dem herrlichen Kommentar von Lukas Stern ist nichts hinzuzufügen. Natürlich wäre es schön, wenn es sich im "Schoße des bürgerlichen Familienidylls" glücklich leben ließe. Und vielleicht hat Glück auch mehr mit einem selbstgenügsamem Alltag als mit Exzessen zu tun. Aber dass es in dieser spießbürgerlichen Fassung den Farbenrausch der Hirnareale bewirkt, wers glaubt und wems so geht...






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