Im Herzen der See

Die Superhelden der Ölindustrie: Ron Howard macht den Ozean zur Wüste und entmythologisiert das Abenteuer des Walfangs.

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Im Lichtschein einer Tranöllampe sitzen sich die Männer gegenüber. Thomas Nickerson (Brendan Gleeson), der wie ein Kriegsversehrter in seinem Schaukelstuhl kauert, und der Mann, der seine Geschichte erzählen wird: Herman Melville (Ben Whishaw). Dass der Schriftsteller die erste Person ist, die Im Herzen der See (Heart of the Sea) zeigt, bekräftigt das Mantra von Ron Howards Film: Er ist keine Moby-Dick-Adaption. Die Geschichte der „Essex“, die Nickerson nur widerwillig erzählt, hält sich fern von biblischen Bezügen und Mythologisierungen.

Harmlose Machtspiele im CGI-Sturm

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Im Herzen der See ist eine säkulare Geschichte. Die „Essex“ ist im Gegensatz zur „Pequod“ aus Moby-Dick kein Mikrokosmos auf hoher See, in dem Quäker auf Götzenanbeter treffen. Die Mannschaft ist zwar bunt gemischt, doch diese Mischung ist kein Teil der Dramaturgie. Diese nährt sich zunächst einzig durch den Machtkampf zwischen Kapitän George Pollard (Benjamin Walker) und dem ersten Offizier Owen Chase (Chris Hemsworth). Der Kapitän bellt, ganz den Ratschlägen seiner Aristokratenverwandtschaft folgend, Kommandos und versucht mit Härte das Vertrauen der Männer zu gewinnen, während Chase sich selbst, unter den staunenden Blicken der Crew, hinauf Richtung Masttopp schwingt, um ein verklemmtes Segel loszuschneiden. Er ist der Mann, dem man gefälligst Respekt zollt. Er trägt die schönsten Narben und die edelsten Abzeichen, ist der Erste, der in das Beiboot stürmt und dem Wal seine Harpune nachschleudert.

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Zum ersten Test von Chases Furchtlosigkeit navigiert die „Essex“, ihrem historischen Werdegang, den Klischees der Blockbuster-Schifffahrt und der Inkompetenz ihres Kapitäns entsprechend, erst einmal in einen Sturm. Im Unwetter prallen der klassische und der moderne Hochsee-Film aufeinander. Howard lässt das Set fluten und die See in bombastischem CGI toben, während die „Essex“ unter der Last der Wassermassen ächzt und stöhnt. Die Crew krallt sich hilflos in die Takelage, die Kamera wird über und unter Wasser gespült, bis das Dröhnen des Sturms schließlich nachlässt und sie wieder das sanfte Wiegen des Seegangs emuliert. Zwischen den folgenden Reparatur- und Jagdvorbereitungssequenzen wirkt Howards Film ein wenig verloren. Der Machtkampf zwischen Kapitän Pollard und Steuermann Chase versandet, während die Crew des umhertreibenden Schiffes eine unbekannte Masse bleibt. Man vermisst die fanatische Kraft eines Ahab, die ideologischen Duelle mit seinem besonnenen Quäker-Steuermann Starbuck, die fremden und düsteren Harpuniere, die aus einer gemeinsamen Nacht geborene Freundschaft zwischen zwei Männern, die biblischen Prophezeiungen und die Weiße des Wals. Doch Im Herzen der See verweigert sich standhaft dieser Motive aus Melvilles Roman.

Rohstoff Wal

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Natürlich muss der Film letztlich doch das Versprechen des weißen Wals in Form eines Blockbuster-Spektakels einlösen. Doch das Tier ist kein symbolischer Fixpunkt dieser Erzählung, ist nicht mal ein Antagonist. Die spanischen Schiffbrüchigen, die den fürchterlichen Wal das erste Mal erwähnen, werden umgehend von den Offizieren der „Essex“ verspottet. Was Melville den großen Leviathan nannte, nennt man hier Pottwal. Als ein solcher endlich gesichtet wird, die Schiffsglocke erklingt und die Harpuniere von den Beibooten ihre Eisen in den Leib des Wals rammen, kommt das Abenteuer, hier in Form einer visuellen Hommage an John Hustons Moby Dick (1956), noch einmal kurz auf. Doch mit dem letzten Atemzug des Wals, der blutigen Fontäne, die aus seinem Atemloch schießt, verfliegt auch die Abenteuer-Romantik. Die letzten Reste werden wie der Leib des Pottwals Stück für Stück abgetragen. Das Abenteuer der Jagd endet mit einer schier unerschöpflichen Quelle aus Tran und Blut.

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Der junge Thomas Nickerson (Tom Holland) wird für seine Taufe als Walfänger in den Leib des Pottwals geschickt, um den letzten Walrat aus dem Kopf des Giganten zu schöpfen. Der würgende Schiffsjunge im ausgehöhlten Schädel des Tieres ist Howards eigentliches Sinnbild des Walfangs. Im Herzen der See liegt nicht das Abenteuer verborgen, sondern das Öl. „They found oil in the ground“, sagt der alte Thomas Nickerson, bevor er den jungen Melville verabschiedet. Die Implikationen sind zu diesem Zeitpunkt weder ihm noch seinem Gegenüber bewusst. In ihrem Lampen brennt noch der Tran, nicht fossil, sondern rezent, zu ernten aus dem Leib des größten Lebewesens der Erde. An Land gebracht von den ruhmreichen Walfängern, der Flotte der Nantucket-Industrie, deren Besatzung nur die Proletarier sind, die auf der Suche nach dem Rohstoff Wal, in der Wüste des Ozeans voll Pathos dahinsiechen.

Trailer zu „Im Herzen der See“


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