Heart of a Dog – Kritik

Selbstgespräch über all die großen Dinge: Laurie Andersons filmisches Porträt einer Hündin ist ein eifrig gewürztes Bildragout, das aber doch der Sprache ergeben bleibt.

Heart of a Dog 02

Die Aufgabe des Filmkritikers ist der des Haustiers nicht unähnlich: Beide sollen Impulse aussenden, an Leser und Frauchen oder Herrchen, von beiden wird zumeist erwartet, inspirierend zu sein. Der Kritiker spiegelt sich also im Haustier, dessen Sterblichkeit den Film befeuert. Wo, so fragt sich Laurie Andersons Film Heart of a Dog (2015), befindet sich die Schnittstelle zwischen Menschenschein und Tiersein? „The purpose of death is the release of love“, raunt die Stimme der Filmemacherin ergriffen, und gerade eben so realisiert der Kritiker: Gemeint ist – so scheint es, wieder einmal – die Zeit, und alles, was ihr gemeinhin unterworfen ist. Die ewige Metapher für Zeit, hier und anderswo im Kino: Wasser, das an Fensterscheiben herunterrinnt. Wasser, das in Wellen über einen Strand spült. Wasser, das sich in Wolken akkumuliert. Wasser, das als Schnee fällt. Selbstverständnis: Wer den Klassiker nicht ehrt, ist das Experiment nicht wert.

Experimente

Heart of a Dog 05

Dem Experiment wiederum stellen Filmemacherin und Kritiker in 76 Minuten Heart of a Dog eifrig, aber mit wenig Erfolg nach. Die Filmemacherin setzt dabei ein Bildragout an, das keine Würze missen möchte. Sie erinnert, sehnt sich, prahlt, staunt, hofft, fürchtet und preist. Sie skizziert, radiert, zeichnet, fotografiert, überlagert und eignet sich an, was sie in fremden Kameras findet. All das ist zweifellos erst einmal richtig. Die adäquate filmische Grammatik, die Zusammenhänge zwischen Bildern von Privathistorie und Zeitgeschehen formulieren kann, will auch erst einmal gefunden und persönlicher Verlust – des Haustiers, des Ehemanns, der eigenen Sicherheit – verwunden sein. Heart of a Dog ist deshalb mit gutem Recht eine mess. Es wurzelt alles im gleichen Verstand. Der Filmkritiker hingegen sucht das Experiment, weil er sich nicht nur gegen melancholische Streicher-Klangteppiche sträubt, die mit Untersichten kahler Baumkronen eine problematische Allianz eingehen, sondern auch gegen das, was die bemerkenswert homogene Orchestrierung von Videomaterial und Klangcollagen ihm fortlaufend suggeriert: Es gibt eine ganz spezifische Hermeneutik für diesen Film. Nutze sie!

Heart of a Dog 04

So verfolgt er, letztlich: ein Porträt. Filmporträt einer Hündin, die nie Film-Protagonistin werden kann und soll, denn es ist ja alles doch größer und wichtiger als ein Hundeleben: 9/11, Vorratsdatenspeicherung, tibetanisches Totenbuch. Das Haustier, überführt in den popkulturellen Verwertungskreislauf, as per wish of its owner, wie der Film selbst: Lolabelle, die Hündin, ratlos zwischen Kabeln in einem Aufnahmestudio, stark für eine Hündin, aber doch zu schwach. Alltägliche Einsamkeit, eine Krankheit des Haustiers, eine Krankheit des Kritikers. Was kein Kritiker für sich beanspruchen kann, die Terrier-Hündin aber wohl: die Gnade der Niedlichkeit, von deren Missbrauch der Film nicht gänzlich lassen kann. Auch das darf er. Immerhin überprüft die Filmemacherin das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, spekuliert auf deren Sprunghaftigkeit. Ob eine Idee an eine andere anknüpfen kann oder in Isolation verweilt, ob sie banal bleibt oder eine Assoziationskette anstößt, scheint der Film als gutartigen Zufall aufzufassen. Fair enough.

Der Unterschied zwischen Sprechen und Schreiben

Heart of a Dog 03

Heart of a Dog ist ein Selbstgespräch über all die großen Dinge, über Leben, Liebe und Tod, über Verlust, Begehren und Gewinn, über Erinnerung und Erfahrung, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alles streng subjektiv und oft esoterisch; auch das ist vollkommen richtig so, macht den Film angreifbar, nahbar und verletzlich. Heart of a Dog ist indes ein Film, der der Sprache und ihren Möglichkeiten in frommer Ergebenheit vertraut. Keine dankbare Aufgabe für den Kritiker, mit den Mitteln der Sprache einem Film zu Leibe zu rücken, der selbst schon im stetigen Akt des Schreibens begriffen ist. Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem Aussprechen und dem Ausschreiben einer Frage. Einer Frage wie: Könnte des Menschen Denken gegen die von Technik, Kultur und Ethos so unberührte, tierische Wahrnehmung unterliegen, oder: Wie klug ist die Naivität dieses Sehens? Wie spricht man sich in die Gedankenwelt eines Tieres hinein?

Heart of a Dog 06

Die social awkwardness, die Haustierbesitzer in ihrer Liebe oft verströmen, liegt immer wie eine Kraterlandschaft unter dem Film, der hin und wieder in einen dieser Krater einbricht. Die Filmemacherin ist allerdings bescheiden und geständig; zu Beginn des Films fabuliert sie, wie sie, unter großen Mühen, Lolabelle in ihren Bauch einnähen ließ, um sie zu gebären wie ein Kind. Der Film hat eine seiner offenkundigsten Herausforderungen vor sich ausgebreitet; er will sich darauf begreiflicherweise keinesfalls festnageln lassen, und das muss er auch nicht. Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem Aussprechen und dem Ausschreiben einer Frage: quod erat demonstrandum.

Trailer zu „Heart of a Dog“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.