Haywire

Frau vs. Männer, oder: alte Bilder vs. neue Bilder.

Haywire

Mit Haywire hat der routinierte Genre-Wilderer Steven Soderbergh den simpelsten und oberflächlichsten Actionfilm der letzten Jahre gedreht. Und, neben Nicolas Winding Refns Drive (2011), einen der mit Abstand besten. Beide eint, dass sie mit den hypernervösen Handkamera- und Special-Effects-Orgien brechen, das Tempo drosseln, um stattdessen durch ruhige Fahrten, Schwenks und gleitende Steadicam dem Genre eine neue Souveränität zu verleihen. Wo allerdings Drive bis nahe an den Herzstillstand herunterbremst und dabei fast zum Metafilm wird, will Haywire nur echte, geradlinige Action. Hier geht es nicht um Ästhetik als Selbstzweck, sondern um ästhetisches Handwerk. So wuchtig, physisch, grob und präzise hat Unterhaltungskino schon lange nicht mehr sein wollen.

Wie wichtig Soderbergh glaubwürdige Kinetik ist, verrät schon seine Besetzung. Hauptdarstellerin Gina Carano war American Gladiators- und Mixed Martial Arts Champion, nebenbei auch mal Schauspielerin für Paraderollen wie die kommunistische Kampfbraut Natasha aus dem Computerspiel Command & Conquer: Red Alert 3. Doch Soderbergh führt Carano fantastisch, ihr Spiel setzt sich essenziell aus einer Kombination von Mundbewegungen und stoischen Gesichtsausdrücken zusammen. Damit dominiert sie jede Großaufnahme, und alle weiteren Einstellungsgrößen sind ohnehin in der Gewalt ihrer physischen Präsenz. Wie einst bei Van Damme ist es eine Freude, diesem unendlich trainierten Körper beim Bewegen zuzusehen, sei es im Abendkleid oder in Cargo-Pants.

Haywire 1

In einem Martial-Arts-Actionfilm ist Kämpfen eine vollwertige Form von Kommunikation. Deswegen sind die guten Prügler ja auch so rar. Jeder Schienbeinkick ist auch ein Vorwurf, jeder Würgegriff eine intensiv geführte Diskussion. Während die klassischen Martial-Arts-Helden quasi „einsprachig“ waren (Bruce Lee mit Kung Fu, Van Damme mit Kickboxen/Taekwondo, Steven Seagal mit Aikido), ist Gina Carano dank ihres Mixed Martial Arts-Hintergrundes gewissermaßen polyglott. Auch wenn im Gefolge des Films Ong-Bak (2003) derzeit Muay Thai als härteste und unvorhersehbarste Technik Disziplin der Stunde ist, wechselt Carano davon spielend in Jiu-Jitsu-Bodenkämpfe oder Judo-Würfe.

Alles hier wirkt handgemacht. Da sich Soderbergh weigert, die Fights durch Reißschwenks und Montagestakkatos zu zerstückeln, muss jede Bewegung sitzen. Und das tun sie. R.A. Rondells Choreografien sind virtuos konzipiert und perfekt mit Soderberghs wechselnden Inszenierungsstilen abgestimmt. Ob es sich um eine fast ausschließlich mit statischen Einstellungen und aus schrägen Winkeln gefilmte Hotelzimmerschlägerei zwischen Carano und Michael Fassbender handelt oder um ein romantisches Prügeln am Strand mit Ewan McGregor, bei dem die Montage ständig von Großaufnahmen in Totalen springt: Kamera und Faustschlag sind hier zwei Seiten einer Bewegung.

Haywire 2

Soderbergh und Autor Lem Dobbs haben das Drehbuch so weit wie möglich von störenden außerfilmischen Bezügen befreit. Haywire spielt in einer vergessen geglaubten, fast schon kindlich unschuldigen Welt, in der amerikanische Regierungsbehörden, der britische MI6 und allerlei undurchsichtige europäische Einzelspieler miteinander Räuber und Gendarm spielen. Prinzipiell geht es um Betrug und um einen als Aufklärungsmission getarnten Rachefeldzug. Carano prügelt sich von Mann zu Mann, oder man könnte auch sagen: von Star zu Star. Fassbender, McGregor, Antonio Banderas, Mathieu Kassovitz, Michael Douglas. Dass Soderbergh wie kein anderer vernetzt ist und ohne Probleme einen A-List-Cast zusammenstellen kann, weiß man ja. Aber dass er sie fast alle zu Sandsäcken einer bis dato nahezu unbekannten Ex-Profikämpferin degradiert, ist schon ein gelungener Jux.

Atmosphärisch schlägt Soderbergh wieder in die etablierte Ocean’s-Kerbe, das heißt: viel Big-Band-Jazz, viele Montagesequenzen, viele minutiös geplante und nicht minder minutiös exerzierte Kommandoaktionen, viel monochromatische Lichtsetzung und vor allem: viel Augenzwinkern. Dass dieser Stil, wenn er denn jemals wirklich cool war, in seiner Coolness etwas altväterlich daherkommt, ist der einzige wirkliche Wermutstropfen des Films. Aber die Sequenzen im Ocean’s-Stil füllen ohnehin nur die Lücken zwischen den Kämpfen, weshalb man sie, wie visuellen Easy-Listening-Jazz, einfach an sich abperlen lassen und auf das nächste Krachen warten kann.

Haywire 3

Und was das Krachen angeht: Hier verrät Soderbergh seine profunde Kenntnis filmischer Wirkungstechniken. Er weiß, wenn man die Konventionen genau an den Stellen bricht, an denen der Zuschauer zugleich die Erwartung und den Bruch empfindet, knackt es am lautesten. In seinen Brüchen mit dem Etablierten hat Haywire seine stärksten Momente, hier zielt der Film, mit den eigenen Mitteln, über sich hinaus. In einer Szene verdrischt Carano zwei Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei. Man kennt die schwarzen Gestalten mit Helm, Kevlarweste und Heckler & Koch aus Counter-Strike oder aus Filmen, in denen viel geschossen wird. Aber in Haywire fällt da kein Schuss. Stattdessen zeigen uns Carano und Soderbergh, wie man einen Elitecop mit seinem eigenen Material krankenhausreif prügeln kann. Hier werden verschiedene Formen der Inszenierung miteinander konfrontiert, ein Kampf von alten Bildern gegen neue. Soderbergh stellt eine Form der Machtrepräsentation bloß, die sich eigentlich als Unangreifbarkeit inszeniert. Doch Carano macht es sehr greifbar, und sehr persönlich.

Mehr zu „Haywire“

Kommentare


rrho

Vielen Dank. Was für eine präzise Kritik.


sk

Ich schließe mich rrho an. Ein wunderbarer Film, sehr genau beobachtet und beschrieben.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.