Hay Road

Hay Road ist der erste Film, den ich in Karlovy Vary sehe, und schon jetzt habe ich den Verdacht, es könnte auch der beste bleiben.

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Ein Western, ein bisschen neo, aber nicht zu sehr. Bezaubernd entschleunigt ist er inszeniert, nur ganz minimal ins Selbstreflexive verschoben, wenn etwa überdeutlich die Bösen am Fenster den Plänen des Helden lauschen. Was diesen portugiesischen Film, hier im internationalen Wettbewerb, auszeichnet, ist, wie ernst ihm daran gelegen ist, von diesem Outlaw Alberto Carneiro (Vítor Correia) zu erzählen, der es mit Banditen und Königsmächten aufnimmt, um seinen Bruder zu rächen. Diese Ernsthaftigkeit signalisiert Hay Road (Estrada de Palha) auch durch unironisch platzierte Zitate aus Henry David Thoreaus Trakat Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (On the Duty of Civil Disobedience, ca. 1849).

Hay Road 2

Zunächst wirkt es etwas befremdlich und fast schon großkotzig, wenn in regelmäßigen Abständen die weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund dazu einlädt, unser Verhältnis zum Staat zu hinterfragen. Allerdings ist Hay Road ansonsten in jeder Hinsicht so schlicht und bescheiden gehalten, so klar und souverän, auch in den gar nicht wenigen komischen Momenten, dass sich Texttafeln und Geschichtseinheiten schließlich doch sehr schön gegenseitig ergänzen. Ein wenig enthebt der politische Aktivismus, den die Texte, aber auch der Kampf Albertos gegen die Autoritäten heraufbeschwören, den Film vom Verdacht eines postmodernen Zitierwerks. Klar schöpft Hay Road bildlich oft aus dem kollektiven Fundus des Western und gestaltet daraus ein eigenständiges, auch widerborstiges Werk, das sich unter keine Suspense-Logik zwängen lässt und ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt hat. Aber man täte Rodrigo Areias zweitem Spielfilm unrecht, wenn man ihn ins Korsett einer Genrerevision oder -reflexion zwänge. Der Western ist hier weniger Genre als Setting.

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Das gemächliche Tempo, das für heutige Verhältnisse geradezu wie aus der Zeit gefallen wirkt, nutzt der Film, um eine quijoteske, aber nicht hoffnungslose Dynamik entstehen zu lassen. Ihren Höhepunkt findet sie in dem großartigen Nebenstrang um einen schwarzen Mann, den Alberto im Gefängnis kennenlernt und mit dem er gemeinsam ausbricht. Kein Wort Portugiesisch spricht er, was ihn aber nicht davon abhält zu reden. Eine ganze Zeit lang folgt er Alberto, irgendwie gelingt den beiden die Kommunikation zwischen Außenseitern ganz gut, auch immer wieder zum Erstaunen Dritter, und irgendwann ist die gemeinsame Wegstrecke wieder vorbei, einfach so.

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Ähnlich unvermittelt ergibt sich einiges in dem Film, und manch einem wird womöglich hier und da ein psychologisches Motiv fehlen. Mir nicht. Denn die Figuren werden nicht unnötig mysteriös aufgeladen, ganz im Gegenteil sind sie mir sehr vertraut. Oftmals wirken sie wie von ihren Handlungszielen aufgesogen (Den König bekämpfen! Fremde erschießen!), um dann aber doch immer wieder zu überraschen. Sie sind mehr Mensch, als es das Drehbuch verlangen dürfte, wenn es hier um reine Effizienz ginge. Und doch drängen sie weniger von sich auf, als wenn das Drehbuch sich auf das Dramatische kaprizierte. In der Mitte entspringt etwas, das weder im Genre noch im Arthouse beheimatet ist und das vor allem sehr viel Vergnügen bereitet.

Dass sich Hay Road indes tatsächlich einer historischen Zeit verschreibt, wie es in begleitenden Texten zu lesen ist, nämlich dem Portugal 1908, kurz vor dem Ende der Monarchie, das spielte für mich eine sehr nachgelagerte Rolle, so allgemein-allegorisch wirkt und hallt der Film nach.

„Under a government which imprisons any unjustly, the true place for a just man is also a prison.“

Trailer zu „Hay Road“


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