Have a Nice Day

Wenn der Kapitalismus der Religion aufs Gesicht pisst: Der chinesische Regisseur Liu Jian hatte offenbar viel Spaß mit seinem neuen Animationsfilm. Auf den Zuschauer überträgt sich der eher selten. 

Hava a Nice Day

Am Anfang gönnt man sich erstmal großherrisch Tolstoi: Liu Jian eröffnet seinen Film mit einem Zitat, das den Einzug des Frühlings in die von Menschen unkenntlich gemachte Natur feiert. Vor dem städtischen Raum irgendwo in China, den der Regisseur in Have a Nice Day (Hao ji le) entwirft, macht der Frühling dann aber doch angeekelt Halt. Müsste man diesen Animationsfilm auf einen Ort verdichten, müsste das wohl ein Frittierbuden-Hinterhof sein. Have a Nice Day spielt in einer versmogten Aneinanderreihung – Stapelung trifft es eher – von ranzigen Imbissen, Internet-Cafés und Bahnhofhotels. Leuchtreklame blinkt penetrant, als gälte es, all das unentwegt zu bewerben. Derweil gibt sich alles in seltsamer Harmonie seinem unausweichlichen Zerfall hin: Der Putz bröckelt, die Straßen sind von Schlaglöchern zerfressen, und auch die Gesichter sind pockennarbig und wächsern, offenbar bekommt ihnen die Stadtluft von Liu Jian nicht. Man kommt erstmal ins Grübeln bei der zeitlichen Verortung dieses aus der Zeit gefallenen Dekors; da trifft es sich gut, dass irgendwann im Autoradio Donald Trump seine Rivalin zum Wahlkampf beglückwünscht und man einander davon abrät, im Vereinigten Königreich zu studieren, die sind ja neuerdings raus.

Wahnsinnige und eine Million

Have A Nice Day 3

Im Zentrum von Have a Nice Day steht eine gestohlene Tasche mit einer Million Yuan, die die dem Rhythmus des Films zuträgliche Eigenschaft hat, nie sehr lange beim selben Besitzer zu bleiben. Es hat etwas von einer infernalen Verschachtelung: Diebe bestehlen Diebe, die Diebe bestohlen haben… Das beschert Have a Nice Day einerseits einen nie abreißenden und mäßig interessanten Strom von Umschlagpunkten, andererseits aber auch Einblicke in die Motivationen all dieser Diebe, die der Film mit sichtlicher Freude verschleißt. Die Welt gehört den Wahnsinnigen und den Idioten, gibt einer der Beteiligten priesterlich zum Besten, und man hat den unangenehmen Verdacht, dass der Film hiermit in eben diesem priesterlichen Modus seine Losung liefert; denn die Idioten, heißt es weiter, sind zufrieden mit dem, was sie haben, und die Wahnsinnigen legen sich, ungeachtet der Gefahr, ins Zeug, um zu bekommen, was sie wollen.

Have A Nice Day 4

Zweifellos wäre in diesem Film weniger Blut geflossen, hätten sich alle damit begnügt, Idioten zu sein. Aber die Menschen in Have a Nice Day haben nun mal Ambitionen, und seien sie noch so idiotisch. Der Film nimmt sie allesamt auf die Schippe: vom dümmlichen Teenager, der seiner von einer ersten Schönheits-OP entstellten Freundin eine zweite Schönheits-OP in Südkorea finanzieren möchte, zum ambitionierten Gadgetfreak, der ein Geschäft aufmachen will. In einer aberwitzigen Szene fügt der Regisseur ein geldgieriges Paar, das es auch auf die Million abgesehen hat, zu quiekendem Pop-Sound in die Ästhetik kommunistischer Bilder ein: sie als Bäuerin, er als Arbeiter, beide entschlossen in die Ferne schauend, bereit, diese bessere Zukunft zu bestreiten, ja das ganze Universum zu erobern. Warum es hierfür nochmal der gestohlenen Million bedarf, versteht man eher nicht, aber das ist irrelevant, denn in dieser Geschichte ist die Million nur Impuls, setzt Kräfte frei, die Have a Nice Day in die Hände klatschend aufeinander loslassen kann.

Back to nothing

Have A Nice Day 5

Das sehr enthusiastische und etwas billige Farbengewusel des Video-Clips sticht heraus in diesem Film der fahlen Bildtableaus. Have a Nice Day geht gemächlich, ruht in Totalen, in denen man selten hastet; der Rauch der Zigarette steigt schneller zum Himmel empor als die Menschen Schritte gehen. Warum der Film ausgerechnet immer dann ausflippen muss, wenn es um früher geht, bleibt rätselhaft; er hat in der Haltung etwas vom schulterzuckenden Stillstand, den er zeigt. „Wer hat das nochmal gesagt, Buddha, Jack Ma, Steve Jobs?“, heißt es, als irgendwann ein Kalenderspruch fällt, irgendwas mit Herz und Träume. In Have a Nice Day ist der Konsum eine Religion neben anderen („Online-Shopping ist des Menschen höchste Freiheit“), und die Religion verkommt zum Konsumgut, wird derselben Nützlichkeitsanalyse unterworfen („Welcher Gott bringt mehr?“). Das ist freilich alles nichts Neues, der Film findet dafür aber ein schönes Bild in der Gestalt eines auf dem Dach einer Kirche wie Leuchtreklame blinkendes Kreuz. Dass der Kapitalismus hier der Religion aufs Gesicht pisst, ist überdeutlich; wer wem außerdem noch ins Gesicht pisst, bleibt dem Zuschauer überlassen. Am Ende ist die Million wieder beim ersten Dieb und der Regeln prasselt auf die mit Maos Gesicht gezierten Scheine ein. Sieg der Wahnsinnigen?

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