Havarie

Ein Plädoyer für filmische Zeitlichkeit: Philip Scheffner zerdehnt einen dreiminütigen Videoclip von einem Flüchtlingsboot - und ermöglicht auf der Tonspur, was im Bild unmöglich erscheint.

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Es tickt, es atmet. Tee wird aufgegossen, Verkehrsgeräusche. Ein normaler Tag? Was im Ohr harmlos zu beginnen scheint, bleibt für das Auge undeutlich. Zu sehen ist ein dunkler Fleck, umgeben von gekräuseltem Blau und schlierigen weißgrauen Fäden. Die Szenerie bewegt sich in extremer Langsamkeit, Bild für Bild verschiebt sich der Fleck in alle Richtungen, kommt näher, entfernt sich. Was hier zu sehen ist, wird erst im Abspann wirklich klar: Am 14. September 2012 filmte der Ire Terry Diamond von einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer aus ein kleines Boot mit Geflüchteten, das in Seenot geraten war. Das Video dauert 3 Minuten und 36 Sekunden und dokumentiert das hilflose Treiben des Boots auf dem Meer, bis zum Moment der Rettung. In Havarie streckt Philip Scheffner diese kurze Aufnahme auf Spielfilmlänge. Es gibt keinen Schnitt, kein anderes Bildmaterial. Das ist ein gewagtes Experiment - und ein geglücktes.

Keine Geste der Verweigerung

Denn die Tonspur, die sich mit der Zeit entfaltet, ist das Ergebnis einer minutiösen Recherche und Interviewarbeit. Scheffner ist an verschiedene Orte in ganz Europa und Nordafrika gereist. Er hat mit den Beteiligten des Vorfalls gesprochen: der Besatzung des Kreuzfahrtschiffs, den Rettungstrupps, dem Urheber des Videos und den Menschen auf dem Boot selbst. Sie legen ihre Sicht dar und erzählen: von sich selbst, ihren Träumen, ihren schmerzhaften Erinnerungen.

Ein Boot mit Geflüchteten im Mittelmeer, es ist ein Bild, das fast jedem bekannt ist. Scheffner greift ein schwieriges wie bedeutungsvolles Sujet auf. Doch Havarie ist ein eigenwilliges Statement, abseits der medialen Inszenierung der sogenannten Flüchtlingskrise. Obwohl sich das Bild nur Frame für Frame verschiebt und über ganze 90 Minuten kaum verändert, haftet dem Film keine Geste der Verweigerung oder der gewollten ästhetischen Radikalität an. Vielmehr mutet er wie ein Entgegenkommen, eine Positionsbestimmung an, die verschiedene Stimmen in einen Dialog mit dem Film bringt, der vorher kaum vorstellbar schien. Dadurch entsteht sowohl eine Rekonstruktion der Geschehnisse als auch ein Kommentar zur Migrationspolitik.

Scheinbare faits accomplis

Nicht erst seit Revision (2012) ist dieser Ansatz prägend für Scheffners Stil: die sorgsame Aufbereitung von scheinbaren faits accomplis, das Nachforschen und Nichtlockerlassen, bis zu dem Punkt, an dem ein wirkliches Bild, eine Aussage über die Wirklichkeit entstehen kann. Und auch das Akustische im Film ist ein besonderer Gegenstand für Scheffner. Schon in The Halfmoon Files (2006) trug er aus einem deutschen Archiv Stimmen von Kriegsgefangenen aus allen Teilen der Welt zusammen, die während des Ersten Weltkriegs aufgenommen worden waren, um anhand des Klangs der Stimme eine Typologie der Rassen zu erstellen.

Überall Kriegsschauplätze

Havarie bricht im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen auf, gerade indem der Film sie vergegenwärtigt: Schiff liegt neben Schiff, das riesige Kreuzfahrtschiff „Adventures of the Sea“ mit 4946 Personen an Bord, und eine schrottreife Barkasse mit 10 Personen. Eine Begegnung kommt nicht zustande, nur der Blick vom einen Schiff aufs andere. Gibt es ein treffenderes Bild für die Logik des Medienspektakels, das sich Tag für Tag auf den Bildschirmen in Europa abspielt? Havarie sprengt diese Scheinwelt subtil auf: Auf der Tonspur findet dann eben doch eine Begegnung statt, hier haben alle Stimmen ihren Platz, gleichberechtigt nebeneinander und unkommentiert. Plötzlich berichtet Terry Diamond von seiner Heimat Belfast in den 1990er Jahren. Damals herrschte in Nordirland Krieg, heute ist er auf Kreuzfahrt. Die ukrainische Besatzung hingegen sorgt sich um ihre Familien im Donbass - der Krieg mit Russland um die Region ist in vollem Gange. Die Kriegsschauplätze sind zahllos, es reicht aus, die Menschen erzählen zu lassen.

Plädoyer für die Zeitlichkeit

Chris Marker sagt in Sans Soleil (1983): „Curiously all of that makes me think of a past or future war: night trains, air raids, fallout shelters, small fragments of war enshrined in everyday life. He liked the fragility of those moments suspended in time.“ Havarie trifft genau einen dieser Momente und erschafft damit auch ein Plädoyer für die Zeitlichkeit des Mediums Film, das sich gegen die so präsenten wie kurzlebigen „Bilder von der Sache“ zur Wehr setzt. Die 90 Minuten Lauflänge entsprechen der realen Zeit, die von der Entdeckung des Bootes bis zu seiner Rettung vergangen sind und vermitteln ein Gefühl für die Dauer der Seenot und des Bangens um das eigene Leben. In dieser Zeit ermöglicht Havarie einen Blick von Angesicht zu Angesicht. Ohne dass es dazu nötig wäre, auch nur ein einziges Gesicht zu zeigen.

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