Havanna Blues

Dass die Musikszene der kubanischen Hauptstadt Havanna nicht nur Mambo und Cha Cha Cha zu bieten hat, zeigt Benito Zambrano in Havanna Blues. Darüber hinaus übt der Film zurückhaltende Kritik am totalitären Castro-Regime.

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Wer in Kuba einen Film drehen möchte, muss stets mit rigiden Zensurmaßnahmen seitens staatlicher Behörden rechnen. Daher sind die sozialkritischen Untertöne in Benito Zambranos Havanna Blues durchaus erstaunlich. Dass das Leben unter der sozialistischen Diktatur von Fidel Castro alles andere als einfach ist, transportiert der Film nicht nur in den Worten und Handlungen seiner Figuren. So werden von offizieller Seite verpönte Underground-Musikgenres als künstlerische Gegenpole zu staatlicher Repression dargestellt. Insgesamt bleibt die Kritik am kubanischen Sozialismus in Havanna Blues zwar sehr allgemein und die politische Führungsschicht wird – natürlich – niemals direkt angegriffen, wogegen die Schattenseiten des westlichen Kapitalismus am Beispiel der Musikindustrie wesentlich unverblümter dargelegt werden. Dennoch ist dem Film deutlich anzusehen, dass sein Regisseur um eine differenzierte, authentische Darstellung des Lebens in Havanna bemüht war.

Die Protagonisten des Films sind die beiden Freunde Ruy (Alberto Yoel García Osorio) und Tito (Roberto Sanmartín), die sich mit ihrer Ska-Rock-Band einen Plattenvertrag erspielen wollen, um ihrem materiell bescheidenen Dasein in Kuba zu entfliehen. Ihr Ziel scheint in greifbare Nähe gerückt, als sie zwei spanische Talent Scouts kennen lernen. Die große Chance witternd, vernachlässigt Ruy seine Familie noch mehr als ohnehin schon, so dass seine Frau Caridad (Yailene Sierra) überlegt, mit den gemeinsamen Kindern nach Florida auszuwandern. Auch die Freundschaft von Ruy und Tito leidet, als sich der spanische Plattenvertrag nicht als das herausstellt, was sie sich davon versprochen hatten.

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Zambrano erzählt seine Geschichte mit handwerklich einfachen Mitteln. Die Konzentration auf seine Protagonisten, die häufig in Großaufnahmen gezeigt werden und im einfachen Schuss-Gegenschuss-Verfahren gegenübergestellt werden, wirkt auf Dauer monoton, vor allem weil die Ansiedlung in Havanna sich in den Bildern, selbst in den aneinandergereihten Musik-Montage-Sequenzen, nur selten wiederspiegelt: die Handlung hätte sich genauso gut in einer anderen lateinamerikanischen Großstadt abspielen können. Lediglich bei einer nächtlichen Cabriofahrt bekommt der Zuschauer ein wenig von Havanna selbst zu sehen. Die Darsteller wiederum sind größtenteils unbekannt und die meisten übernehmen in Havanna Blues ihre ersten Filmrollen oder haben eigens dafür ihre Instrumente erlernt. Daher sollte man weder schauspielerische noch musikalische Glanzleistungen erwarten, wenngleich die Akteure durchaus authentisch wirken.

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Interessant wird Havanna Blues vor allem durch den kulturellen Kontext, in den er eingebettet ist. Zum einen bietet er einen erfrischend andersartigen Blick auf die Musikszene der kubanischen Hauptstadt, die mehr zu bieten hat als traditionelle lateinamerikanische Klänge – im Film treten Vertreter solch unterschiedlicher Genres wie Hip-Hop, Reggae, Punkrock und Heavy Metal auf. Dass diese Underground-Musikgenres für ihre Anhänger ein wichtiges emotionales Refugium von der staatlichen Unterdrückung darstellen, ist in Havanna Blues ein wichtiges Motiv. Doch dass ein hart erarbeiteter Plattenvertrag keinesfalls ein Freifahrschein in ein besseres Leben sein muss, greift der Film ebenfalls auf: Die spanischen Talentsucher, die wiederum nur Handlanger für mächtige europäische Plattenkonzerne sind, offerieren den kubanischen Musikern Verträge, die diesen weder kreative Freiheit noch finanzielle Sicherheit bieten. Dadurch, dass der Film die Musikindustrie selbst als inherent repressiv darstellt, vermeidet er eine platte Schwarz-Weiß-Zeichung nach dem Prinzip „Kapitalismus gut, Sozialismus böse“.

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Die Armut, unter der der Großteil der kubanischen Bevölkerung leidet, wird im Film nicht ausgespart. Ruys Frau Caridad verkörpert in Havanna Blues den Durchschnittskubaner: Sie arbeitet hart, um den Familienunterhalt zu bestreiten, kommt aber finanziell kaum über die Runden. Die Auswirkungen der Armut werden an alltäglichen Handlungen veranschaulicht, etwa, wenn Caridad mit einem Fleischhändler um jeden Peso feilscht oder das Telefon ihrer Nachbarin benutzt, da sie sich kein eigenes leisten kann. Dennoch zeigt der Film die Einwohner Havannas in erster Linie als sehr lebensfrohe Menschen, die zwar finanzielle Probleme haben, sich aber davon nicht abhalten lassen, das Leben mit Familie und Freundeskreis nach besten Möglichkeiten zu genießen. Dass Caridad im Laufe des Films immer mehr in ihrem Entschluss bestärkt wird, mit ihren und Ruys Kindern nach Florida auszuwandern, ist daher nicht nur auf materielle Nöte, sondern auch auf den Egoismus ihres Mannes zurückzuführen, der sich vornehmlich mit seinen Karriereplänen beschäftigt.

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Havanna Blues stärkstes politisches Statement ist die Thematisierung der sowohl von kubanischer als auch US-amerikanischer Seite illegalisierten Emigration nach Florida, denn die „Boat People“ riskieren auf überfüllten, unsicheren Booten oft ihr Leben, nur um dem beschwerlichen Dasein in Kuba zu entfliehen. Umso ärgerlicher ist, dass der Film zum Schluss hin seine differenzierte Haltung aufgibt und den Inselstaat doch noch in einem übertrieben positiven Licht darstellt, indem ausgerechnet die Hauptfigur Ruy, die anfangs fleißig am Exodus nach Spanien werkelt, ohne ersichtlichen Grund ihre starke Bindung zu Kuba entdeckt. Die wichtigen sozialkritischen Ansätze des Films, die ihn von platten Feelgood-Movies à la Dirty Dancing: Havana Nights (2004) unterscheiden, verlieren durch diese finale Schönmalerei etwas an Bedeutung.

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Kommentare


hbogart

Genau das, was Johannes Wiedemann kritisiert, dass bei Protagonist Tito am Ende die Liebe zu seinem Land stärker ist als der Wille, sich einem "Sklavernvertrag" zu unterwerfen, macht die Stärke und Differenziertheit des Filmes aus: Kein platter Antisozialismus, keine Kuba-Nostalgie, sondern eine profunde Darstellung der Schwierigkeiten, eine vom Scheitern bedrohte große Idee einzutauschen gegen die Freiheit, sich ausbeuten zu lassen. Das, was viele ehemalige DDR-Bürger erst 10 Jahre nach Niedergang des Sozialismus begriffen und heute in vielen seichten deutschen Filmen von "Good by Lenin" bis "Stumpis" Nostalgieshows zum Thema wird, ist in Kuba anscheinend jetzt schon Thema. Deswegen waren die kubanischen Kritiker von diesem Film so begeistert - abgesehen davon, dass der Film auch viel gute Musik bietet.


kakafuate

Die Bindung zu seinem Lande die Ruy (nicht Tito) am Ende des Filmes eingefunden hat finde ich nicht so dramatisch, das kommt einfach mal vor, und muss nicht unbedingt eine Neigung zum "System" darstellen. Nicht alle finden Ihren Weg zur gleichen Zeit raus und überhaupt gibt es immer Leute die nicht bereit sind auszureisen.

Was ich dramatisch finde ist mehr die Tatsache das die Drogenthematik komplett aus dem Film rausgestrichen wurde, gerade in einem Mileau wo der Drogenkonsum sehr hoch ist, das macht den Film unglaubwürdig.

Obwohl der Film in Kuba verboten wurde hat die Staatssicherheit dafür gesorgt das nach Aussen hin mindestens diese Szenen nicht ausgestrahlt werden. In der Haut von Benito Zambrano möchte ich nicht stecken.


kakafuate

In dem Film sollen einige Texte der Musikgruppe geändert werden damit sie im
spanischen Markt besser verstanden werden, so sagen die spanischen
Talentsucher in der Szene, womit einige nicht einvestanden sind aber so weit
so gut. Benito Zambrano hat aber in der Wirklichkeit die (Haupt) Rolle des
Ruy’s jemand anderen zugesprochen, nähmlich den Sänger der Musikgruppe
Orishas, Yotuel. Im letzten Moment aber, hat der Regisseur den Sänger die
Hauptrolle doch nicht zugeteilt mit der Begründung: „Yotuel wäre ZU BEKANNT
in Spanien, und er hätte doch so gerne unbekannte Schauspieler dabei“
(könnte verständlich sein) Die Frage an Benito Zambrano lautet:
War das ein Unfall oder eine Parodie an das, was im Film selber vorkommt?
Yotuel selbst sagte dazu: (von mir ins Deutsche frei übersetzt) auf die
Frage:
Hallo Yotuel. Seit langen hörte ich von Habana Blues, das Zambrano Leute aus
Kuba gesucht hat die singen konnten, im ersten Moment habe ich an dich
gedacht. Hast du dich endlich beim Casting vorgestellt?
Yotuel: Ich möchte lieber nicht über das Thema reden. Das ist eine Frage was
mich in schlechte Laune versetzt. Ich kann dir nur dazu sagen das die
Hauptrolle mir zugesprochen wurde, das ich das ganze Drehbuch oder Teile von
ihm, dem Regisseur ins Ohr geflüstert habe, und das am Ende ich nicht die
Hauptrolle gespielt habe weil ich in Spanien zu bekannt war. Schweinereien.
Verstehst du? In Kuba sind die Darsteller viel billiger, mit 20.000 € kannst
du 100 unter Vertrag nehmen. Ich sage nichts mehr. Ich danke dir das du mich
als ein gutes Kandidat für die Filmrolle gesehen hast.






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