Harmony Lessons

Balance der Schikanen: Emir Baigazins Harmony Lessons ist ein Film, der seine eigenen formalen Heilsversprechen hintergründig pervertiert.

Harmony Lessons 01

Die Idee einer „Prästabilierten Harmonie“ wurde von Leibniz gegen die Bedrohungen eines für den Menschen unüberblickbaren Chaos errichtet. Wir schauen auf die Welt und verstehen ihre Läufe nicht, wir horchen in uns hinein und fühlen uns eingeschlossen und abgetrennt von der Wirrnis um uns herum. Der Körper macht das eine, die Seele will das andere: Wie sollen sie in Einklang kommen? Keine Angst, sagt uns Leibniz, auch wenn die Teile nicht zueinander finden, so sind sie doch innig aufeinander abgestimmt. Und auch wenn wir den Graben selbst nicht zu überbrücken vermögen, so trägt eine höhere Instanz (d.h. Gott) schon dafür Sorge, dass die beiden Uhren von Geist und Körper verlässlich im Gleichtakt ticken.

Harmony Lessons (Uroki Garmonii), der Debütfilm des Kasachen Emir Baigazin, verspricht schon im Titel eine Lehrstunde in Sachen harmonische Einrichtung der Welt. Aber es ist eine bittere Lektion, die uns Zuschauern da erteilt wird, nicht nur weil es schmerzhaft sein kann, nach friedvoller Ausgeglichenheit zu streben, sondern weil der so positiv besetzte Begriff der Harmonie einen dunklen Zwillingsbruder hat, der selbst Stabilisator sein und Gleichheit nur zu eigenen Bedingungen stiften möchte.

Harmony Lessons 03

Die Sache mit der Körper-Geist-Spaltung ist der Grund, warum Aslan (Timur Aidarbekov) überhaupt Lektionen in Harmonisierung bedarf. Bei einem Gesundheits-Check-up an der Schule kann der Wille sich anstrengen, so sehr er will: Zur hübschen Sprechstundengehilfin verhält sich der jugendliche Penis auf eigensinnige, sehr körperliche Art und Weise. Zwecks kühlender Beruhigung stellt der Arzt ein Wasserglas bereit, das alle Jungen nacheinander im Sinne des Erfinders benutzen. Nur Aslan nicht, der, als Letzter in der Reihe, die dutzendfach penetrierte Flüssigkeit in einem Zug leert. Das macht den ohnehin verschüchterten Physiknerd endgültig zum Opfer seiner Mitschüler, die rund um den brutalen Schutzgelderpresser Bolat gerade zu vollgültigen Machos erblühen.

Harmony Lessons 02

In einem ungenannten kasachischen Dorf ist Gewalt das Plasma dieser Schulgesellschaft, die Harmony Lessons in durcharrangierten Tableaus sehr beispielhaft in Richtung universaler Beobachtung auslegt. Gewalt, und wie sie von stark zu schwach zu am schwächsten sickert. Auch wenn in den maliziös durchkomponierten Mobbing-Aktionen manchmal so etwas wie Pennälerwitz durchschimmert, so dehnt Baigazin die Gewaltstrukturen unablässig weiter aus, bis nichts mehr lustig ist. Bolat, der ganz mafiapatenhaft für seine „Beschützten“ Audienz hält, ist selbst nur Mittelglied in einer Kette, die über höhere Klassenstufen und Ex-Schüler bis in die Gefängnisse reicht. Aslan wiederum vergeht sich seinerseits an solchen, die sich nicht wehren können: Gleich am Anfang  schlitzt er einem Schaf die Kehle auf und foltert Kakerlaken auf selbstgebauten elektrischen Stühlen. Dieses Gleichgewicht der Schikane kristallisiert sich in zwei rotschopfigen Zwillingsbrüdern, die in symmetrischen Bildgefügen als Sunnyboys from Hell auftreten.

Symmetrie ist das formale Mittel, über das Harmony Lessons Aslans Versuche, mit der brutalen Welt in Einklang zu kommen, anschaulich macht. Visuell ist das Gros der Einstellungen statisch, flach gestaffelt und genau ausgemessen, sodass ein umgeknickter Telegrafenmast direkt mit dem vermuteten Innern des scheuen Jungen in Beziehung zu treten scheint. Zu Hause zeichnet Aslan geometrische Formen, die genau ineinander passen, sucht das Zentrum eines ornamentalen Teppichmusters, berührt, die Augen geschlossen, mit der Finger- die Nasenspitze. Auch motivisch verstreut Harmony Lessons über seine Laufzeit vieles, was miteinander zu kommunizieren beginnt: Die gefolterten Kakerlaken kriechen später frei und froh über Gefängnismauern, in der Schule wird erst über Gandhi, dann über Darwin referiert, und das tote Schaf hat eine späte Wiederauferstehung.

Harmony Lessons 04

Wenn man Harmony Lessons, mit dem Baigazin als versierter Bildarrangeur und eigensinniger Erzähler auftritt, etwas vorwerfen kann, dann ist es sein Hang zur Überdeutlichkeit. Eine gewisse Poetik des Unmissverständlichen herrscht hier vor, die Brillanz der Inszenierung geht zulasten der Ambivalenz von Bezügen, alles ist fast steril in seiner perfekten Stimmigkeit. Aber andererseits liegt das natürlich vollkommen in der Fluchtlinie der Filminhalte: Aslans Verlangen nach Harmonie nimmt, für den Zuschauer anfänglich unbemerkt, zunehmend wahnhafte Züge an, bis er, Kants kategorischen Imperativ wie viele zuvor brutal missverstehend, sich nicht mehr harmonisch in die ungerechte Welt einzufügen versucht, sondern die Welt selbst auf noch ungerechtere Weise nach den eigenen Harmoniebedürfnissen umgestaltet. Wenn hier, so bleibt zu konstatieren, jemand prästabilisierend eingegriffen hat, so war es ein sadistischer Gott. Aber auch solches Werk kann man genussvoll schauen.

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