Es ist schwer, ein Gott zu sein

Schwer, ein Gott zu sein in einer Welt ohne Gott. Alexei German verabschiedet sich mit einem schwer verdaulichen Testament.

Von Staub zu Staub

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Eliminiert man den Sprecher, dann steht in der Genesis so etwas wie die Kurzformel für den absoluten Materialismus. Nach der Eberfelder Übersetzung donnert es da nämlich himmelseits zum sündig gewordenen Manne: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du gekommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!“ Der letzte Satz hat es ja zu einiger Berühmtheit gebracht, wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil Gott darin seine Kreatur mit der Horrorvorstellung der eigenen Absenz gruselt. Von Staub zu Staub, dazwischen nichts als Schweiß; kein Eden, kein Himmel, kein Gott?

Wer sich jetzt wundert, was denn nun diese alttestamentarischen Verweise motivieren könnte, der hat den letzten Film von Alexei German noch nicht gesehen – vollendet nach dem letztjährigen Tod des hierzulande eher wenig beachteten russischen Meisters. Mehr als zehn Jahre hatte er jedoch bis dahin an der Filmadaption des Strugazki-Romans Es ist schwer, ein Gott zu sein gearbeitet (es gibt eine ältere von Peter Fleischmann aus dem Jahr 1990), fertiggestellt wurde der Film dann von Sohn und Ehefrau. Zurück bleibt ein Vermächtnis, das in seiner existenziellen Wüstheit und puren physischen Wucht vollkommen ohne Vergleich ist.

Inventar schleimiger Flüssigkeiten

Doch auch wenn als einziger erkennbarer CGI-Effekt ab und zu schwarze Ascheflocken wie der göttliche Staub durchs Bild wehen: In der anarcho-materialistischen Welt von Es ist schwer, ein Gott zu sein vollbringt die Entropie ihr Werk an allem Fleischlichen eher durch Rückverwandlung in feuchte Materie. „Aus Lehm bist du, und zu Lehm wirst du zurückkehren!“ Wahrlich: Derart schmutzige Kulissen und Kostüme habe ich noch nie gesehen. Man möchte einen Katalog der verschiedenen hier verwendeten Formen feuchter, weicher Materie anlegen: Schlamm, Matsch, Morast; bröckelig, faserig, klebrig.

Ihrer Umwelt entsprechend gebärden sich auch die Menschen, keine Konversation, kein Kontakt ohne Ausscheidung verschiedenster Körpersekrete: Kotze, Rotze, Kot, Urin; stückig, schmierig, samtig, flüssig. Der Plot erzählt von interstellaren Wissenschaftlern mit Herkunft Erde, die auf einem dem unseren ähnelnden Planeten die dortige Zivilisation untersuchen. Deren Entwicklung hat sich von unserer Geschichte allerdings an einem einschneidenden Punkt entfernt: Auf das Spätmittelalter folgte nicht die geistige Öffnung der Renaissance, sondern das Abschlachten aller gebildeten Personen. So haben sich die Verhaltensweisen zurückentwickelt, man prügelt, mordet, brüllt. Damit kommt die letzte Körperflüssigkeit zu ihren wiederum sehr ausdifferenzierten Leinwandaufritten, das Blut: dickflüssig gluckernd, vital sprudelnd, träge verlaufend.

Schläge auf die Iris

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Gespräche folgen keiner erkennbaren Logik, sondern nur den Schwankungen rohester Gefühle. Auch die Sinnhierarchie hat sich umgekehrt, es wird berührt, nicht auf Distanz gehalten, man schaut nicht, sondern schnüffelt aneinander. Dementsprechend verhält sich die Kamera, die ununterbrochen auf Kollisionskurs mit Dutzenden Körpern und allerlei von den Decken baumelndem Tand wie Tauen, Leichen, Würsten etc. ist. Dem Sehsinn wird die räumliche Herrschaft genommen, er stolpert durch vollgepropfte Karambolage-Bahnen. Die synästhetischen Effekte dieser Regiestrategie sind erstaunlich: Das Abstoßende der Welt wird manifest, man schaut Es ist schwer, ein Gott zu sein, als würde einem unablässig gegen den Augapfel geschlagen.

Ein offensichtlicher Bezugspunkt für Germans extrem komplexe, extrem lange Plansequenzen sowie sein desperates Universum ist sicherlich Belá Tarr, vor allem Sátántangó von 1994 (dessen dörfliche Sets ähnlich verschlammt sind) und The Turin Horse von 2011 (dessen gottverlassene Leere hier nachhallt). Auch mit Tarkowskis Stalker (1979) verbindet German mehr als nur die gemeinsame literarische Quelle der Strugazki-Brüder. Lange Fahrten am Boden über die verwesenden Überreste verschütteter Zivilisationen, unerklärliche, isolierte Geräusche aus unbekannten Quellen finden sich auch hier zuhauf. Wo jedoch in Tarkowskis Klassiker die Gespräche zwischen dem „spirituellen“ Stalker, dem Philosophen und dem Wissenschaftler noch komplexe gedankliche Diskurse eröffnen, sind den Menschen in Es ist schwer, ein Gott zu sein jegliche Sinnhorizonte abhanden gekommen. Die aus der weiter entwickelten Erde angereisten Forscher beschränken ihre Einsichten auf historische Angaben, die eine müde Männerstimme zu Beginn aus dem Off aufzählt. Die Zivilisation auf dem erforschten Planeten selbst ist vollkommen undurchschaubar: Es gibt zwar Mönchsorden, aber keine frommen Praktiken, es gibt zwar Fehden um Herrschaft, aber keine politischen Visionen. Es bleibt nur Labern und Schlachten.

Diese Bestandsaufnahme, verknüpft mit dem ständig wiederholten Verweis auf die ausgebliebene Renaissance, bietet einen der wenigen Punkte, an denen eine Interpretation ansetzen könnte: Egal ob Vernunft oder Gott, einen geistigen Überbau irgendeiner Art braucht der Mensch, um sich in der Welt zu verorten. Derart gewendet, zieht Es ist schwer, ein Gott zu sein gerade nicht den Glauben und seine zugegebenermaßen stets unbefriedigenden Erklärungsanstrengungen in Zweifel, sondern treibt im Gegenteil den philosophischen Materialismus zum äußersten Punkt seiner Selbstdemontage, dem Punkt, an dem es wieder besser wäre, einen Gott zu haben und geblendet zu sein, als keinen zu haben und ohne Sinn zu sein. Vielleicht – aber diese Schlussfolgerung ist keineswegs zwingend – wollte German warnen und aufzeigen, dass die Erdenforscher auf dem fremden Planeten keine alternative Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft bereisten.

Von Carroll zu Beckett

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Ganze drei Stunden dauert dieser Ausflug in eine radikal fremde Paralleldimension, in der keine Handlung ihr erklärtes Ziel findet, sich stattdessen in jeder Sekunde ohne erkennbare Motivation verkehren oder gänzlich ermüden kann. Die Personen stoßen aufeinander wie Billardkugeln, nur sind Aufprallwinkel und Bewegungsbahnen niemals vorhersehbar. Der nächste Vergleich für diese absurden, oft derb-humorigen Geschehnisse wäre wohl Lewis Carrolls Alice-Universum, wo auch alle Gesetze der Logik suspendiert sind.

Es gibt auch eine Herz-Königin in Es ist schwer, ein Gott zu sein: Don Rumata (Leonid Yarmolink), einen der irdenen Wissenschaftler, der sich vollkommen in der fremden Welt verloren hat. Wie die unbeherrschte Herrscherin bei Carroll droht er ständig, seine Vasallen umzubringen, wird aber stets vor der Tat abgelenkt. Er wütet durch beinahe jede Szene, versucht mit einem unerschöpflichen Vorrat an weißen Taschentüchern vergeblich, etwas Sauberkeit zu schaffen, und rotzt und furzt ansonsten ebenso wie alle um ihn herum. Er ist es auch, der die titelgebenden Worte ausspricht: Von den Untergebenen um ihn her als Gott angesehen, fühlt er sich mit der absoluten Macht- und Folgelosigkeit aller seiner Handlungen konfrontiert.

Und so ist er die gestrandete, die tragische Figur hier, ausgeliefert an eine auf reine Materie reduzierte Welt, mit langsam verglimmendem Wissen verflucht, ein Gott ohne göttliche Attribute, ein wandelnder Widerspruch. Wenn am Ende ein schief in der Luft hängender Menschenkörper entleibt wird und die schleimigen Gedärme in den Morast platschen, wenn man da ganz drastisch sieht, dass es drinnen genau so schmutzig und glibbrig ausschaut wie draußen, dann bleibt einem nichts als zu lachen. Aber es ist ein schauderndes Lachen, ein pfeifendes Lachen im Dunkeln. Ein Beckett-Lachen.

Trailer zu „Es ist schwer, ein Gott zu sein“


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Kommentare


lemfan

Von dem Film erfährt hier man fast gar nichts, es fehlen auch vergleiche zu dem sehr guten Film von 1989.






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