Hara-Kiri: Tod eines Samurai

Blut und Ehre. Takashi Miike rechnet mit dem Verhaltenskodex der Samurais ab.

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Wer von Ehre spricht, führt meist nichts Gutes im Schilde. Man denke nur an die Blut-und-Ehre-Parole der Hitlerjugend oder aktueller an Ehremorde. Aus einem einfachen Wort kann schnell ein sozialer Zwang entstehen, der Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Auch in der traditionellen japanischen Kultur spielt der Begriff eine wichtige Rolle. Ehrenmorde haben Samurais etwa vor allem an sich selbst verübt. Anders als im Westen, wo Selbstmord überwiegend als feige Handlung gesehen wird, bietet der Seppuku - hierzulande als Harakiri bekannt - die Möglichkeit, das Gesicht zu wahren. Sich den Bauch aufzuschneiden, kann nicht nur der letzte Ausweg sein, sondern auch ein Privileg.

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Nicht wenige Filme, die im Milieu der Samurais angesiedelt sind, verklären diesen fragwürdigen Ehrenkodex durch die nostalgische Brille. Hara-Kiri: Tod eines Samurai (Ichimei, 2011) geht es dagegen darum, wie unsinnig dieses ideologische Konzept ist. Angesiedelt im feudalistischen Japan des 17. Jahrhunderts wird von einer gespaltenen Gesellschaft erzählt. Der so eben beendete Krieg bringt keineswegs Frieden für die einstigen Soldaten. Auf der einen Seite gibt es immer noch Samurais, die sich in wirtschaftlicher Sicherheit wiegen, auf der anderen aber auch zahlreiche Rōnin - jene herrenlosen Krieger, die zu einem Leben in Armut verdammt sind. Ein scheinbar harmloser Betrug soll für die Benachteiligten Abhilfe schaffen: Ein Rōnin spricht im Haus eines Fürsten vor, bittet ihn in seinem Hof Seppuku begehen zu dürfen und spekuliert dabei nur darauf, mit einer kleinen Geldspende abgewimmelt zu werden.

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Hara-Kiri beginnt mit so einem Gesuch, das ein undurchsichtiger Samurai (Takenaka Naoto) in einem angesehenen Adelshaus stellt. Um den Besucher los zu werden, erzählt der Fürst (Kōji Yakusho) eine grausame Geschichte: Ein junger Mann namens Motome (Eita), der vor einiger Zeit dasselbe Anliegen hatte, erwies sich als Betrüger. Doch statt ihn laufen zu lassen, sollte an ihm ein Exempel statuiert werden. Umringt von Samurais soll der verzweifelte Motome sich mit einem Holzschwert selbst entleiben. Eine Szene, die so dicht und schonungslos ist, dass sie auch für den Zuschauer eine höchst unangenehme Prozedur darstellt.

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In seinen besten Momenten erreicht der Film eine ungemeine Intensität. Mit streng symmetrischen Einstellungen und kaum Bewegung entspinnt sich hier ein psychologisches Kammerspiel, das seine Spannung vor allem aus Blicken, Dialogen und unklaren Beziehungsverhältnissen zwischen den Figuren speist. Erst mit der Zeit entwickelt sich daraus ein in Rückblenden verschachteltes Familiendrama, das die wahren Motive des geheimnisvollen Protagonisten enthüllt.

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Es ist teilweise schwer zu glauben, dass es sich hier um einen Film von Takashi Miike (Big Bang Love, Juvenile A, 2006) handelt, jenem Regisseur, der für seine inszenatorische Maßlosigkeit und grotesk überzeichneten Gewaltexzesse bekannt ist. Aber Vielfilmer Miike ist eben auch ein flexibler Handwerker, der mit Leichtigkeit unter verschiedenen Produktionsbedingungen und in unterschiedlichen Genres arbeitet. Nach 13 Assassins (Jûsan-nin no shikaku, 2010) handelt es sich bei Hara-Kiri bereits um den zweiten, mit britischer Kofinanzierung gedrehten Samuraifilm in Folge. Wieder handelt es sich um ein Remake - diesmal von Kobayashi Masakis Harakiri (Seppuku, 1962) - und noch mehr als zuvor um einen für Miikes Verhältnisse ausgesprochen klassisch erzählten Film. Verrücktheiten oder Gemetzel sucht man hier vergeblich und selbst auf die einzige Kampfszene des Films muss man bis zum Schluss warten. Selten wirkte der Regisseur so gezügelt. Wer jetzt allerdings glaubt, Miike hätte sich zum Puristen gewandelt, irrt. Bei seinem gerade in Cannes uraufgeführten The Legend of Love and Sincerity (Ai to makoto) handelt es sich beispielsweise wieder um ein High-School-Musical der anderen Art.

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Bei aller inszenatorischer Disziplin gelingt es Miike nicht, die Intensität seines Films durchweg zu halten. Als problematisch erweist sich dabei besonders eine fast einstündige Rückblende, die der Vorgeschichte des Protagonisten unnötig viel Aufmerksamkeit schenkt. Inhaltlich ist sie allein schon deshalb wichtig, weil sie das Verhältnis zwischen den Charakteren klärt und einen kausalen Zusammenhang zwischen vorgetäuschten Selbstmorden und den prekären Lebensverhältnissen der Rōnin herstellt. Wenn sich Miike aber teilweise in melodramatischen Momenten verliert, die das Leid der Figuren auf fast absurde Weise verdichten, raubt er dem Film etwas von seiner Schlagkraft. Um ihm wirklich zu schaden, sind die entschleunigten Genremomente aber letztlich zu stark.

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Ohne die engen räumlichen Grenzen des Hofes auszuweiten, kommt es schließlich zur Schlacht zwischen Ehre und Vernunft. Dabei zeigt Miike zwar noch immer, dass er körperliche Auseinandersetzungen in Szene zu setzen weißt, der Schwerpunkt verlagert sich aber vom kämpferischen Exzess auf eine symbolische Ebene. Sobald alle Karten auf dem Tisch liegen und sich die Situation zwischen vermeintlichem Selbstmörder und den gar nicht so edlen Samurais zugespitzt hat, beginnt es plötzlich zu schneien. Um ein gutes Omen handelt es sich dabei keineswegs, denn Weiß ist in Japan nicht nur die Farbe des Schnees, sondern auch die Farbe des Todes.

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Kommentare


Berthold Schwarz

Wie fremd uns Westeuropäern das Konzept der Ehre geworden ist zeigt sich wohl auch an dieser Rezension. Denn Takashi Miike rechnet mitnichten mit dem Ehrekonzept ab. Vielmehr bringt er das Problem aller Kodizes auf den Punkt, in der Form zu erstarren und darüber den Inhalt zu verlieren. Dies ist auch der Symbolgehalt des doppelten Holzschwerts, das im Film eine tragende Rolle spielt.

Es wird also nicht das Konzept der Ehre kritisiert, sondern die zur leeren Geste erstarrte Ehrbezeugung. Im gestenreichen Japan durchaus ein Hinweis auf aktuelle Entwicklungen. Und die abendländische "Würde des Menschen" ist nicht identisch mit Ehre, aber verwandt.






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