Happy Hour

Alte Jungs bringen’s nicht: Regisseur Franz Müller zeigt einen Irlandurlaub zwischen Lausbubenstreich und Midlife-Crisis und belauscht ein Grundrauschen enttäuschter Erwartungen.

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Das raue Wetter der irischen Küste, sanft-malziger Whiskey, morgendliche Wanderungen und Abende vor dem Kaminfeuer – soweit die spontan von Mittvierziger Wolfgang (Simon Licht) geborene Fantasie eines Männerurlaubs. Flugangst, Heuschnupfen, in der Stube hocken und eine Dose Bohneneintopf auf dem Gasherd kochen – soweit die Realität des Männertrips, in die Franz Müllers Happy Hour uns führt. Die Fantasie scheitert bereits im Prolog, der, noch in Deutschland spielend, die Ausgangslage schildert: HC (Alexander Hörbe), dessen Frau jahrelang ihre Happy Hour im Bett eines anderen Mannes verbracht hat, bekommt von seinen Freunden Wolfgang und Nic (Mehdi Nebbou) einen Therapieurlaub in Irland verschrieben.

Zusammen durch die Midlife-Crisis

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Doch die als Therapeuten angedachten Freunde entpuppen sich als ebenso pflegebedürftige Männer, deren Lebensentwürfe gleichermaßen am Bröckeln sind. Der konservative Anti-Aging-Spießer Wolfgang – der Gruppenanführer, in dessen Ferienhaus sich die „Kur“ abspielt – und der nonchalante Halbfranzose Nic kommen zwar ohne regelmäßige Tränenausbrüche aus, doch während der eine den Urlaub benutzt, um vor einer Ehefrau zu fliehen, die für ihn zur familiären Verpflichtung ohne einen Gedanken an Sex geworden ist, versucht der andere seinen Mittzwanzigertraum von Freiheit und Verantwortungslosigkeit auszuleben, den ihm seine Rolle als Wochenendvater erlaubt. Das Gegenmittel für die Midlife-Crisis wächst auf dem Nährboden der Lasterhaftigkeit, den die Männerfreundschaft bietet. Happy Hour bedient sich der bekannten Formel der Buddy-Komödie, deren Protagonisten in alkoholgetränkten Eskapaden dem Alltag zu entfliehen versuchen. Die klassische „Männer unter sich“-Grundkonstellation leben die Herren der Schöpfung, ihrem Alter entsprechend, in Form von braven Herrentags-Späßen aus: Wer sich entschuldigt, zahlt in die Mannschaftskasse, an der untreuen Ehefrau wird mit nächtlichem Telefonstreich Rache verübt, und als Beweis der gegenseitigen Loyalität wird das Holzhacken gemeinsam nackt zelebriert.

Bei einem der zahlreichen Pub-Ausflüge treffen die Freunde dann auf die irischen Frauen, deren Sirenengesang wie ein Auslöser für die Charakterschwächen des Trios wirkt. Nic tingelt, dem Ruf folgend, fortan durch die Betten irischer Frauen. Wolfgang, für den One-Night-Stands als Betrug der Ehefrau nicht infrage kommen, macht die Irin Kat (Susan Swanton) gleich zum Mittelpunkt seiner Fantasie eines neuen Lebens in Irland, während HC an den Rand der Geschichte gedrängt wird, wo er wahlweise dem Schachbrett oder zahlreichen Büchern seine Aufmerksamkeit widmet. Aus der Solidaritätsreise wird eine Bestandsaufnahme dreier Mittlebenskrisen.

Grundrauschen der Freundschaft

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Die alkoholgetränkten Highlights des Männerurlaubs wirken in der Folge wie der verzweifelte Versuch, doch noch einen vergnüglichen Urlaub heraufzubeschwören. Doch den Freunden vergeht allmählich die Lust an der permanenten gegenseitigen Bespaßung. Mit dem Ende der Happy Hour mischt sich Resignation in die Reise. So beobachten wir die Männer meist im Umfeld des Ferienhauses dabei, wie sie in allen erdenklichen Konstellationen der Dreisamkeit die Zeit totschlagen. Happy Hour ist dort am interessantesten, wo die Idee des Urlaubs scheitert und die Persönlichkeiten der Protagonisten ungebremst aufeinandertreffen. Regisseur und Autor Müller beleuchtet hier die Zwischenräume dreier Lebensläufe, die seit der Jugend durch eine Freundschaft verbunden sind. Dabei liegen biedere Inszenierung und das erzählerische Potenzial alltäglicher Situationen oft nah beieinander. So pragmatisch sich die Kamera oft der Aufteilung des Raumes unterwerfen muss, so präzise wirkt Müllers konservative Regie bei der Schauspielführung. Das Dreier-Ensemble trumpft dort auf, wo die meiste Zeit eines Urlaubs stattfindet: in den vier Wänden und auf dem Grundstück des Ferienhauses. Hier entsteht aus scheinbar statischen Grundsituationen Spannung.

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Es sind die Szenen, in denen kleine Sticheleien den Freunden ein aufrechtes Lachen entlocken und gleichzeitig einen wunden Punkt treffen, die Happy Hour auszeichnen. Man verletzt einander, ohne es überhaupt zu ahnen. Am Frühstückstisch oder beim gemeinsamen Wohnzimmeraufenthalt entsteht ein Grundrauschen enttäuschter Erwartungen, das die Gespräche, in Form von kleinen Gesten und Sprachnuancen, untergräbt und die Verbitterung mehr und mehr hinter dem Schabernack hervorholt. Intime Details und Zerwürfnisse aus der Vergangenheit lassen das Rauschen anschwellen wie eine Dose über offener Flamme. Und wer im ersten Akt eine Dose Bohneneintopf auf den Gasherd stellt, muss sie spätestens im dritten Akt in die Luft gehen lassen. Zu sehen gibt es die unvermeidliche Explosion jedoch nicht. Gezeigt wird nur das Nachspiel: eine mit Eintopfresten verschmierte Küchenwand. Nicht weiter tragisch, aber irgendwie auch nicht komisch.

Trailer zu „Happy Hour“


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