Happy Christmas

Thirtysomething versus Twentysomething: Joe Swanberg inszeniert eine Kollision der Lebensentwürfe auf engem Raum.

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Die Liste von Filmen mit Männerfiguren, die sich beharrlich dem Erwachsenwerden widersetzen, ist ziemlich lang. Weibliche Pendants zu diesen man-children finden sich im Kino-Kosmos deutlich seltener. In Happy Christmas verkörpert Anna Kendrick ein solches Exemplar: Jenny ist 27 Jahre alt – und wirkt ein bisschen ambitionslos. Sie hat sich gerade, kurz vor Weihnachten, von ihrem Freund getrennt und zieht nun – natürlich nur vorübergehend – in den geräumigen Keller ihres älteren Bruders Jeff (Joe Swanberg). Dieser lebt mit seiner Frau Kelly (Melanie Lynskey) und seinem zweijährigen Sohn Jude (Jude Swanberg) in Chicago; er ist im Filmgeschäft tätig, während Kelly ihre schriftstellerische Karriere für Haus und Kind vorerst zurückgestellt hat. Die angereiste Jenny wird von der Kleinfamilie herzlich empfangen, alsbald treten jedoch erste Konflikte zutage. So begibt sich Jenny schon am ersten Abend mit ihrer Freundin Carson (Lena Dunham) auf eine Hausparty – und hat dort nach reichlichem Alkoholgenuss, selbstbezüglichem Smalltalk und einer kurzen Badezimmerknutscherei einen totalen Blackout. Ihren Babysitterpflichten kann sie daher am folgenden Tag leider nicht nachkommen.

Ungeschönt anstrengend und unangenehm

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Die Dialoge in Happy Christmas wurden vollständig improvisiert, sodass die Ausgestaltung der Rollen zu einem nicht unerheblichen Teil bei den Akteuren lag. Anna Kendrick legt es hierbei nicht darauf an, in ihrem Part vom Zuschauer durchweg als sympathisch empfunden zu werden. In einigen Passagen entfaltet sie als schlagfertiger Twen zwar einen bezwingenden Charme, sie spielt aber auch die für das Umfeld recht anstrengenden, unangenehmen Facetten der Figur lustvoll aus – etwa wenn sich Jenny davonstiehlt und anderen die (Haus-)Arbeit überlässt, wenn sie in Unterhaltungen gar nicht merkt, dass sie sich nur um sich selbst dreht, wenn sie unverwandt auf ihren Laptop starrt, um einer nötigen Aussprache zu entgehen, oder wenn ihre Laune jäh von gut in schlecht umschlägt und so aus neckischem Spaß rasch ein großes Drama wird. Jennys Unbeständigkeit, ihr Unwille, Verantwortung zu übernehmen, und ihre Erfahrungsresistenz, mit der sie im letzten Drittel sowohl sich selbst als auch ihre Mitmenschen einer Gefahr aussetzt, werden überdies nicht mit jener antiheldischen Liebenswürdigkeit verknüpft, die das unreife Verhalten von vergleichbaren männlichen Filmfiguren (beispielsweise in Gestalt von Seth Rogen, Paul Rudd oder Jason Segel) stets ein wenig abmildert. Auf einen verschmitzten Man-kann-mir-einfach-nicht-böse-sein-Blick verzichtet Kendrick dankenswerterweise ebenso wie auf eine Ausschmückung der Figur mit exzentrisch-nerdigen Eigenschaften oder Vorlieben.

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Da Jennys Slackertum und Launenhaftigkeit kaum mit dem Familienleben von Jeff, Kelly und Jude zu vereinbaren sind, kommt es immer wieder zu peinlichen Momenten, die äußerst glaubwürdig umgesetzt werden. Als Jenny etwa am Tag nach ihrem ungeplanten Partyexzess erwacht und feststellen muss, dass ein Freund des Paares (Mark Webber) als Babysitter einspringen musste, wird die Kater-typische Scham am „Morgen danach“ von Kendrick sehr präzise und ungeschönt, ohne die überinszenierte Niedlichkeit einer (Romantic-)Comedy-Protagonistin gezeigt. Die Heimvideoästhetik der mit niedrigem Budget und kleiner Crew entstandenen Super-16-Produktion verstärkt dabei den Eindruck von Authentizität noch – während die Improvisationsmethode das Setzen von (allzu) eindeutigen Pointen im Dialog zu verhindern weiß.

Brücken bauen mit Fifty Shades of Grey

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Der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Jeff-Darsteller Joe Swanberg ist in Happy Christmas aber nicht nur an den Spannungen zwischen dem Ehe-/Elternpaar und der ungebundenen Jenny interessiert – sondern auch an Ansätzen der Verständigung in einem zurückhaltend-weihnachtlichen Ambiente. Dass Jeff und seine Schwester ihre innigsten Momente beim gemeinsamen Pot-Rauchen im Keller haben, ist ein recht abgenutztes Indiefilm-Klischee: „I’m kinda jealous you get to live in my basement“, meint Jeff zu Jenny – die es ihrerseits vermutlich für einigermaßen beneidenswert hält, ein Haus mit einem Keller zu besitzen, in dem eine weitere Person leben kann. Sowohl das „Angekommen-Sein“ als auch die (gemächliche) Suche nach dem richtigen Platz erscheinen als etwas Erstrebenswertes – und zugleich Furchteinflößendes, dem man manchmal entkommen möchte.

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Origineller als das drogenvernebelte Sich-näher-Kommen der Geschwister sind die Situationen, in denen Kelly und Jenny zueinanderfinden. Zunächst ist es ein Glas Bier, das die Stimmung lockert und Kelly gestehen lässt, zuweilen mit dem Dasein als Stay-at-Home-Mom zu hadern. Später glaubt Jenny, eine glänzende Idee zu haben, wie sich die finanziellen Probleme ihres Bruders und ihrer Schwägerin in kürzester Zeit lösen ließen: Kelly solle (mit ihrer fachlichen Unterstützung) einen kitschigen Erotikroman im Stil von Fifty Shades of Grey (2011) verfassen, mit dem man ganz schnell viel Geld verdienen könne. Wenn Lynskey, Kendrick und Dunham daraufhin in ihren Parts (mit deren entsprechenden Positionen) über Sex, Gender Roles und Literatur diskutieren und Kelly und Jenny dabei ihre Differenzen überwinden, erkennt man, dass die Popkultur immer wieder dazu in der Lage ist, Brücken zu schlagen.

Trailer zu „Happy Christmas“


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