Hans - Ein Junge aus Deutschland

Von der Volksgemeinschaft zur Mehrheitsgesellschaft: In seiner Verfilmung eines Romans von Hans Frick seziert Saless die deutsche Realität zwischen 1944 und 1945 – und findet weit und breit keine Stunde Null.

„Überall dort, wo man eine bestimmte Art des militanten und exzessiven Nationalismus predigt, wird der Antisemitismus gleichsam automatisch mitgeliefert. Er hat sich in solchen Bewegungen bewährt als das Mittel, das die sonst sehr divergierenden Kräfte eines jeden Rechtsradikalismus auf die gemeinsame Formel zu bringen geeignet ist.“ Theodor W. Adorno: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute

Wahn der Kleinbürger

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Spätestens seit Empfänger unbekannt zieht sich die Frage nach einer Verbindung zwischen Nationalsozialismus, Judenmord und dem Rassismus der BRD durch die Filme von Sohrab Shahid Saless. Dieser Film evoziert die historische Dimension durch Archivmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Katalog der NGBK zur Ausstellung von Werken Renzo Vespignanis zum Faschismus und Nationalsozialismus von 1976. Etwa zeitgleich mit Empfänger unbekannt entsteht Hans – Ein Junge in Deutschland, wird jedoch erst 1985 mit deutlicher Verzögerung fertiggestellt. Der Film erzählt von einer Jugend als Kind einer deutschen Fabrikarbeiterin und eines abwesenden jüdischen Vaters inmitten der deutschen Gesellschaft des Nationalsozialismus. Hans lebt gemeinsam mit seiner Mutter und seiner kranken Großmutter in einer kleinen Wohnung in Frankfurt am Main. Mutter und Sohn sind fortwährenden Schmähungen durch die im antisemitischen Wahn verbundenen Kleinbürger ausgesetzt. Fast schmerzlich macht Saless’ Film die alltägliche Sorge begreiflich, das nächste Mal könnte sich die allgegenwärtige Gewalt der enthemmten Volksgemeinschaft gegen Hans oder seine Mutter richten.

Vom Morden zum Tuscheln

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Hans – ein Junge in Deutschland ist eine Adaption des autobiografischen Romans Die blaue Stunde von Hans Frick. Frick ist – wie andere schwer verortbare Kritiker des Umgangs mit der Vergangenheit in der BRD (Falk Harnack, Victor Vicas) – heute nahezu vollständig vergessen. Immerhin fünfzehn Jahre hatte Frick zwischen seinem Debütroman Breinitzer oder Die andere Schuld von 1965 und seinem letzten Werk Die Flucht nach Casablanca durchgehalten. Am Ende war er schwer alkoholkrank und halbtot. Frick gab das Schreiben auf, zog nach Spanien, wo er 2003 gestorben ist. Saless’ Verfilmung nun versammelt auf dem engen Raum einer Straße die ganze Bandbreite an Handlungsoptionen von Deutschen im Nationalsozialismus: von der Verfolgung und der Angst vor der Verfolgung über die mordenden Täter, ihre geifernden Helfer bis zu jenen, die versuchen, sich abseits zu halten und sich durch kleine Gesten des Anstands vor der vollkommenen Selbstverleugnung zu bewahren.

Ein Stein fliegt zu Beginn des Films durch das Fenster in das Zimmer von Hans’ Großmutter. Die vom Ballspiel gestörte Nachbarin ruft Hans zu: „Eines Tages bring ich dich schon noch dahin, wo du hingehörst!“ Der Nachbarschaftsnazi Martin Weiß treibt mit anderen Mördern eine Gruppe Zwangsarbeiter durch die Straße. Hans schaut verstört zu, der Besitzer des kleinen Ladens an der Ecke steckt den Zwangsarbeitern Lebensmittel zu. Als einer von ihnen flieht, wird er von einer Nachbarin denunziert, die Nazimörder zerren ihn auf die Straße, und Weiß erschießt ihn. Wenig später flieht Hans, als er zwei Gestapomänner vor seiner Wohnung sieht. Die letzten Monate des Krieges irrt er durch die Umgebung von Frankfurt. Auf einem Bahnhof bittet ihn ein ausgemergelter Mann auf Polnisch aus einem Frachtwagon heraus um Wasser. Ein Wachmann ertappt Hans mit einem Eimer in der Hand, lässt ihn aber laufen.

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Kurz darauf befreien die Amerikaner Frankfurt. Ein Jeep und ein LKW fahren durch die Straßen, ein wenig Übergangschaos, bevor die deutsche Ordnung der scheelen Blicke und des Tuschelns gegenüber Hans und seiner Mutter wieder einsetzt. Nur die offen antisemitischen Beschimpfungen sind aus dem Vokabular der nun bundesdeutschen „Volksgenossen“ schlagartig verschwunden. Weit und breit keine Stunde Null.

Volksgemeinschaft und Mehrheitsgesellschaft

In Hans – Ein Junge in Deutschland finden sich viele Elemente, die die Filme von Sohrab Shahid Saless prägen. Die beinahe erbarmungslose Sezierung der Realität, die Wortkargheit, die Isolation der Figuren. Zwei Szenen stechen heraus: In der ersten verteidigt Hans’ Mutter eine russische Zwangsarbeiterin gegen ihren Vorarbeiter. In der zweiten umarmen sich Mutter und Sohn nach Kriegsende, als Hans vom Tod der Großmutter erfährt. Ein kurzer Moment der Verbundenheit.

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Hans – Ein Junge in Deutschland ist der filmisch gelungenste Versuch von Saless, gesellschaftliche Exklusion im Film sichtbar zu machen. Wie in Utopia (1983) und Empfänger unbekannt setzt Saless gesellschaftliche Funktion in ein Spannungsverhältnis zu Individualität, ohne dass das eine im anderen aufginge. Empfänger unbekannt und Hans sind Saless’ Versuch, den strukturellen Ähnlichkeiten der Selbstkonstruktion der Deutschen in „Volksgemeinschaft“ und “Mehrheitsgesellschaft“ sowie ihrem jeweiligen Exklusionsbedürfnis nachzugehen.

Nachsatz

Imke Barnstedt spielt in zwei Filmen von Sohrab Shahid Saless eine Hauptrolle. In Utopia spielt sie Renate, die in einer sadomasochistischen Beziehung mit ihrem Zuhälter Heinz lebt. In Hans – Ein Junge in Deutschland spielt sie Hans’ Mutter. Ab dem Ende der 1980er Jahre spielte Barnstedt vor allem in Fernseharbeiten. 2003 schloss sie sich der Aktion Horst Mahlers an und zeigte sich selbst wegen der Verbreitung volksverhetzender Schriften an, um den Straftatbestand der Volksverhetzung zu diskreditieren. Barnstedt war Mitglied in mehreren rechtsextremen Organisationen. Nichts davon hat ihre Tätigkeit im deutschen Fernsehen beeinträchtigt.

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