Hannah Arendt

Dem Denken beim Rauchen zuschauen. Mit Hannah Arendt hat sich Margarethe von Trotta viel vorgenommen.

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Jetzt, wo er da ist: War ein Spielfilm über eine der größten Intellektuellen des letzten Jahrhunderts nicht schon lange fällig? Als deutsche Jüdin, die zweimal – erst in Deutschland, dann in Frankreich – den Nazis entkam, ist Hannah Arendts Leben eng mit der NS-Geschichte verbunden. Als politische Theoretikerin hat sie sich mit Herrschaftssystemen, Gewaltausübung oder dem sogenannten Bösen beschäftigt. Das Denken bestimmte auch ihr Handeln, denn durchaus kämpferisch ist sie zeitlebens für ihre Werte eingetreten. Bereits vor Beginn der Massenvernichtungen forderte sie den Aufbau einer jüdischen Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland – was leider nie geschah. Sie unterstützte einzelne Verfolgte und zionistische Organisationen bei der Fluchthilfe nach Palästina. Immer wieder mischte sie sich in aktuelle Debatten ein, etwa wenn sie sich für ein binationales Palästina aussprach, wenn sie die Rassendiskriminierung in den USA oder den Vietnamkrieg verurteilte. Als weibliche Professorin war sie Ende der 1950er Jahre noch eine Seltenheit, doch bald wurde sie mit Ehrendoktorwürden und Preisen nur so überhäuft. Ihre berühmteste Schrift – Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963) – gilt bis heute als kontrovers, da sie verschiedene wunde Punkte beim Nachdenken über den Holocaust berührt. Kurz: Hannah Arendts Leben bietet viel Stoff für einen Spielfilm über eine einzelne Frau, über die Gewaltexzesse des letzten Jahrhunderts und über die Natur des Menschen an sich.

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Was also auswählen? Margarethe von Trotta und ihre Co-Autorin Pamela Katz lassen Hannah Arendt 1960 beginnen, mit der Entführung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst. Arendt (Barbara Sukowa) reist für die Zeitschrift „New Yorker“ nach Jerusalem, um über den Prozess gegen einen der Hauptorganisatoren des Ermordungsapparates zu berichten. Ihre Artikelserie und das daraus entstandene Buch lösen heftige Reaktionen aus, viele Kollegen und gute Freunde distanzieren sich. Denn Arendt beschreibt den hochrangigen NS-Täter nicht als Biest oder Psychopathen, sondern als charakterlosen, stark lächerlichen Bürokraten: „Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive.“ Zum Zweiten kommt im Buch wie damals im Prozess die tragische Rolle der von den Nationalsozialisten zwangsweise eingesetzten „Judenräte“ zur Sprache. In ihnen sollten die Opfer selbst administrative Aufgaben zu ihrer eigenen Vernichtung übernehmen - ein perfides System der Schuldübertragung. Im Zentrum von Hannah Arendt stehen also sehr komplexe Fragen zum Holocaust. Ihnen wirklich gerecht zu werden stellt eine echte Herausforderung dar.

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Margarethe von Trotta liebt Herausforderungen. Und sie liebt es, Filme über starke Frauen zu drehen (zuletzt: Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen, 2009). Leider sind das nicht automatisch starke Filme. Es gibt ein regionalsprachliches Wort, das gut zum Erscheinungsbild der Protagonistin und zur Ausstattung von Hannah Arendt passt: trutschig. Braune Strickjacken, gedeckte Herbsttöne, gediegenes Blaugrau und Beige. Vermutlich waren das die Kleiderfarben jener Zeit, aber hier haben sie den Effekt, dass optisch immer ein hausbackener Hauch durch den Film weht. Der gewisse biedere Eindruck verstärkt sich dadurch, dass die Paarbeziehung zwischen Arendt und ihrem Mann (Axel Milberg) breit ausgespielt ist, eine Ehe mit Kosenamen („Stubs“), Popoklaps und trockenen Küsschen. Diese privaten Momente sind zwischen die hitzigen Politdebatten gestreut, aus denen Hannah Arendt größtenteils besteht. Und natürlich wird geraucht: nonstop.

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Hannah Arendt ist ein Redefilm, dessen Themen an sich spannend sind, auch wenn die eher behäbige Inszenierung nicht unbedingt mitreißt und die Nebenfiguren in ihrem Spiel oft künstlich überzogen wirken. Das größere Problem: Als Historienfilm bleibt er dem Kenntnisstand der damaligen Zeit verhaftet und hat dem nichts hinzuzufügen. Denn Eichmann war zwar kein pathologischer Fall, das hat Arendt erkannt. Aber er war überzeugter Antisemit, hatte also sehr wohl ein Motiv, wie später unter anderem durch die mit dem ehemaligen SS-Kriegsberichterstatter Willem Sassen geführten Interviews bekannt wurde. Auch die Rolle des reinen „Schreibtischtäters“ war Verteidigungsstrategie, hatte Eichmann die Vernichtungsstätten doch selbst bereist, um seine Arbeit optimieren zu können. Arendt ist Eichmanns Selbstdarstellung vor Gericht aufgesessen. Aber wieso verlässt Margarethe von Trotta hier das Erkenntnisinteresse? Sollte nicht ein heutiger Film mit dem heutigen Wissen Arendts Gedanken weiterdenken? Oder zumindest auf die Lücken im Denken hinweisen – und sei es als Notlösung im Abspann?

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Der Antisemitismus fehlt also. Gleichzeitig zeigt Hannah Arendt, wie sehr die Publizistin in den USA und Israel von anderen jüdischen Intellektuellen für ihre Schrift angegriffen, beschimpft und ausgegrenzt wurde. Sogar der Mossad bedroht sie – in einer Szene, die so inszeniert ist, dass zumindest ich erst geglaubt habe, die Gestapo ist gemeint. Arendts Kritiker wollen nicht wahrhaben – und es ist auch zu schmerzhaft –, dass das Böse nicht unbedingt ein Motiv braucht, dass es einfältig und lächerlich aussehen kann. In Hannah Arendt wirken sie dadurch hysterisch, und der Mörder bleibt schlicht Bürokrat. Die Realität ist ja meist komplizierter, wie auch Eichmann komplizierter war und ebenso die Rolle der „Judenräte“, die der Film anreißt, ohne auch hier in die Tiefe zu gehen. Die Aufgabe war von Anfang an schwierig, und leider ist Hannah Arendt ihr nicht gewachsen. In Erinnerung bleibt der Zigarettenrauch.

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Kommentare


Proeller

Eine komplexe und facettenreiche Materie. Die Dialoge stimmen. Viele Themen sind angerissen. Noch mehr Tiefe würde das Format sprengen. Wer will, kann sich in die Thematik hineinarbeiten. Und dazu regt der Film an. Der "Zigarettenrauch" vergeht- dieser Film bleibt!


Berthold Schwarz

Mutter Beimer beim Weltanschauungsunterricht.

Die Rezensentin nennt es "trutschig", man kann es auch als bieder bezeichnen. Die Kameraarbeit ist leider auch keine Offenbarung. Dabei ist Barbara Sukowa keine schlechte Besetzung, hat einge sehr gute Szenen, doch die Inszenierung lässt sie allein.
Das Anreissen der Themen ist als Strategie verfehlt, wenn es nicht schafft wenigstens neugierig zu machen oder den Zuschauer nicht mit mehr Unverständnis zu entlassen als er gekommen ist.
Schade um einen Film über eine der größten deutschsprachigen Denkerin des 20 Jahrhunderts.


Bernd Metzner

Interessanter Film . Ohne große Vorbereitung , hatte erwartet mehr über H.A. zu erfahren . Ok , Eichmann-Prozeß natürlich wichtig ; Original-Einblendungen wichtig für Verständnis des Filmes . Film : zu viele Längen ; zu viel Zigarretten . Die historischen Personen waren manchmal zu wenig erkennbar . Hat Hannah A. nicht anders ausgesehen ? Wenn Heidegger so oft ins Spiel gebracht ; warum nicht auch Jaspers ? H.A. vielleicht zu viel nur auf dieses Filmthema gebracht ; den Filmtitel hätte man doch vielleicht präziser abfassen sollen . Beim Titel : Hannah Arendt könnte man doch eine umfassendere Darstellung erwarten .






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