Hana, Dul, Sed

Im total(itär)en Abseits: Die Doku von Brigitte Weich und Karin Macher folgt vier Fußballnationalspielerinnen. Da sie aus dem Team Nordkoreas stammen, wird der Sport zur Nebensache.

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Wenn im Juni 2011 die Fußball-WM der Frauen in Deutschland beginnt, wird auch das nordkoreanische Team mit dabei sein, das – anders als die Herren-Mannschaft – seit Jahren zur Weltspitze zählt. Die Wiener Regisseurinnen Brigitte Weich und Karin Macher haben diese Nationalmannschaft über fünf Jahre hinweg immer wieder hautnah begleiten dürfen, auch im abgeschotteten Nordkorea. Dadurch ist Hana, Dul, Sed (koreanisch für „Eins, zwei, drei“) nicht nur zu einem Film über Frauenfußball geworden, sondern auch zu einem raren Einblick in die nordkoreanische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Kinder gebückt den Platz vor jenem Kim-Il-Sung-Denkmal fegen, vor dem sich auch jeder ausländische Gast bei seiner Ankunft verbeugen muss. Eine Gesellschaft, deren radikale Isolation gemeinsam mit der desaströsen Wirtschaftspolitik zu Hungerkatastrophen geführt hat, bei denen in den letzten 20 Jahren eine bis drei Millionen der insgesamt 22 Millionen Einwohner starben. Hana, Dul, Sed zeigt ein Land, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts stehen geblieben zu sein scheint mit seinem stalinistischen Regierungssystem, den martialischen Propaganda-Postern oder auch dem quasi-religiösen Personenkult um den „Großen Führer“ Kim Il-Sung und seinen auf Atomwaffen vertrauenden Sohn Kim Jong-Il, den „Lieben Führer“.

„Es war mir immer das Wichtigste, dem General [Kim Jong-Il] Freude zu bereiten“, erklärt eine der Spielerinnen ihre Motivation. Wie in jedem Zimmer, so hängen auch in ihrem die Porträts der Kim-Dynastie. Begriffe wie „Schlacht“ und „Ideologie“ fallen, wenn die Frauen vom Fußball reden. Vor der WM in den USA reiste das Team gemeinsam in ein Museum, das amerikanische Verbrechen aus dem Korea-Krieg thematisiert. Sinn der Reise war es, „feindliche Gefühle gegenüber den Amerikanern zu entwickeln“. Auch ein Satz wie „Selbst wenn es mein Leben kostet, muss ich gegen Japan gewinnen“ zeugt nicht eben von friedlicher Völkerverständigung, die internationale Sportereignisse ja gerade fördern sollen.

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Neben dem Selbstverständnis der nordkoreanischen Sportlerinnen unterscheidet sich auch ihr Körperbau von den Spielerinnen anderer Nationen. Alle tragen dieselbe Frisur, fast alle sind „mager und klein“, wie es eine der Protagonistinnen ausdrückt. Das ist kein Wunder angesichts der allgemeinen Unterernährung im Land – die sportlichen Aushängeschilder sind da sogar noch in einer privilegierten Position, ihre Rationen bei der staatlichen Lebensmittelausgabe sind größer als die anderer Bürger. Doch größer ist auch die Verantwortung, die ihnen aufgebürdet wird. Jede der Fußballerinnen ist eine Verkörperung des Staates, ein verstaatlichter Körper, der im Fall von Niederlagen nicht einfach nur verliert, sondern „versagt“ und damit das Volk und die Staatsführung enttäuscht.

Dass die vier näher beleuchteten Frauen nach der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele in Athen nicht mehr für die Nationalmannschaft nominiert wurden und sich in den alles andere als normalen nordkoreanischen Alltag integrieren mussten, stellt sich für die Filmemacherinnen als Glücksfall heraus. Statt Doppelpässen und Grätschen zeigt ihr Film ab diesem Zeitpunkt die Bemühungen der vier, sich ein Leben außerhalb des Spielfelds aufzubauen und dabei dem sehr konservativen Rollendenken der nordkoreanischen Gesellschaft gerecht zu werden. Ein Verbandsfunktionär berichtet, wie er die Spielerinnen schon während ihrer Karriere regelrechtem Hausfrauentraining aussetzte, um sie auf die unvermeidliche Zukunft mit Ehemann und Kindern vorzubereiten.

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Das unfreiwillige Karriere-Ende deprimiert die Fußballerinnen merklich. Statt auf orchestrierten Staatsempfängen wie nach dem Turniersieg bei der Asienmeisterschaft 2003 finden sie sich nun beim Studenten-Training auf behelfsmäßigen Ascheplätzen oder in unvertrauten Büros wieder. Ihre Protagonistinnen mit der Kamera begleitend, stoßen Brigitte Weich und Karin Macher auf die immer gleichen Szenarien, wie sie jeder Nordkorea-Besucher erlebt. Da Ausländer sich nicht frei bewegen oder gar mit Einheimischen sprechen dürfen, sondern unter ständiger Beobachtung eines Guides eine festgelegte Tour abarbeiten, sind es fast immer die brachialen Denkmäler, die protzigen U-Bahn-Stationen samt den aus Ost-Berlin importieren Waggons und die völlig leeren Straßen mit sinnfrei tänzelnden Verkehrspolizistinnen, die Touristen besonders auffallen.

Etwas subtiler sind die Fassaden des Wohlstands und die Inszenierung von Normalität und Zufriedenheit, die das Regime jedem Besucher demonstriert. In Hana, Dul, Sed tauchen verdächtig oft große Autos und Computer auf, dabei herrscht im Land großer Benzinmangel, und Internetzugang gibt es nur in den Palästen der Macht. Aufgrund der rigorosen Überwachung von ausländischen Journalisten und Künstlern sieht Nordkorea im Film stets besser aus als in der Realität, zu der aufgrund der Hungersnot sogar vereinzelte Fälle von Kannibalismus gehören. Bilder des tatsächlichen Nordkorea können nur unter Lebensgefahr aufgenommen und außer Landes gebracht werden, wie es der Doku Children of the Secret State (2001) gelang. Durch diese Restriktionen setzt Hana, Dul, Sed ein gewisses Basiswissen über Nordkorea voraus, ohne das so manchem Zuschauer das Land zwar etwas merkwürdig, nicht jedoch totalitär und bitterarm erscheinen dürfte.

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Fußball und Politik sind in diesem Staat unauflöslich miteinander verbunden. Dies erfuhren die Spieler der Herren-Nationalmannschaft nach der WM 1966, als das Team – wie auch 2010 in Südafrika – gegen Portugal verlor. Damals mussten die Sportler zur Strafe ins Arbeitslager, wie die BBC-Doku The Game of Their Lives (2002) zeigt. Mit dem frühen Karriere-Ende sind die vier Frauen aus Hana, Dul, Sed also vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Trailer zu „Hana, Dul, Sed“


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