Hamilton

Zwei Sommertage in einem Vorort von Baltimore. Matthew Porterfields Debütfilm ist der puristische Vorläufer zu seinem Festivalhit Putty Hill (2010).

Hamilton  1

Zuerst fallen die Geräusche auf, dann die Bewegungen. Insekten zirpen, Bäume rauschen, Wasser plätschert, Autos fahren. Straßen- und Naturgeräusche vermengen sich, und weil Sommer ist, hört man die Insekten auch noch sehr laut im Haus zirpen. Es wird Rad gefahren, Rasen gemäht, Trampolin gesprungen, geschaukelt und geschwommen. Die Hin- und Her-, Auf- und Ab-, Vorwärts- und Rückwärts-Bewegungen ähneln sich und verleihen der losen, undramatischen Erzählung einen Rhythmus.

Ursprünglich hatte sich Autor und Regisseur Matthew Porterfield (Putty Hill)  sein Debüt als Stummfilm vorgestellt. Es gibt nur wenige Dialoge, dafür aber manche vielsagende Geste. Hamilton ist Porterfields Heimatstadt in Baltimore, und durch Fußmärsche und Kirchgänge, Bus-, Auto- und Fahrradfahrten der Figuren erhält man verschiedene Eindrücke des Vorortes, sieht Naturabschnitte und Wohnviertel, ohne dass daraus das umfassende Porträt einer Stadt entstehen würde, in der eine Bar einfach „Bar“ heißt. Hamilton schildert zwei unspektakuläre Alltage zweier Jugendlicher, die kürzlich Eltern geworden sind, aber nicht miteinander leben, und die ihrer Familie und Freunde. Wie sie bei der Arbeit Brot backen oder sich zu Hause das Gesicht waschen, auf der Veranda sitzen oder am Pool liegen. An der Oberfläche ereignet sich wenig, aber unter der schwerelosen sommerlichen Stimmung, die der Film einfängt, deuten sich Probleme an, fallen die abwesenden oder desinteressierten Väter auf, eine Unterhaltung wirkt eher wie ein Monolog, eine Zärtlichkeit wird nicht erwidert.

Hamilton  2

Dass Joe (Chris Myers) der Vater von Lenas (Stephanie Vizzi) Baby ist, lässt sich nur an dessen rotem Haar erkennen. In einer Szene sitzt er neben seiner kleinen Tochter in der Kirche und wirkt von ihrem Glucksen und Schreien gänzlich unberührt. Ein anderes Mal blickt er direkt in die Kamera, ebenfalls ohne ein Gefühl preiszugeben. Als er mit Lena im Bett liegt, schaltet er nachts das Licht an und widmet sich lieber einem Videospiel statt ihr. Dass er sie damit aufweckt, scheint ihm egal zu sein, auf ihre Küsse und Umarmungen reagiert er nicht. Zugleich nimmt sich Porterfield ausgiebig Zeit, in einer langen Einstellung eine freundschaftliche Begrüßung festzuhalten oder Lena dabei zu filmen, wie sie einer Arbeitskollegin Urlaubs- und Familienfotos zeigt. Wie in seinem zweiten Film Putty Hill thematisiert der Regisseur auch in seinem Debüt die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren, Entfremdung und Zuwendung nah beieinander liegen, Gelassenheit und Anspannung aufeinander folgen.

Anders als der dramaturgisch konventionellere Putty Hill mit seinen expliziteren Gefühlsoffenbarungen und vereinzelten -ausbrüchen setzt Hamilton vor allem auf das Andeuten von Beziehungen. Konflikte werden weder zugespitzt noch aufgelöst und nur selten ausgesprochen. In einer zunächst ruhigen Sequenz, in der Joe durch ein Waldgebiet über eine Brücke zu einer Hauptstraße läuft und dort in den Wagen seiner Mutter einsteigt, wird ohne Worte, allein durch den Einsatz von Rapmusik im Radio, den lauten Sirenen eines Polizeiwagens und den zunehmend nervösen Gesten der Figuren eine angespannte Atmosphäre kreiert. Das Verhältnis der Charaktere zueinander muss man als Zuschauer langsam entschlüsseln. Von manchen Personen ist bis zum Schluss nicht klar, wer sie eigentlich sind. Dass Joes jüngere Schwestern einen schwarzen (abwesenden) Vater haben, ist hier selbstverständlich und findet keine Erwähnung.

Im Gegensatz zum „Beerdigungsfilm“ Putty Hill, in dem viele Szenen bei Nacht oder in lichtarmen Räumen spielen, dominieren im „Sommerfilm“ Hamilton helle Außenaufnahmen die Ästhetik. Meist ist die Kamera statisch, Szenen werden lange ausgespielt, Einstellungen von Straßen, Türrahmen und Treppen lassen eine Reihe von Bildern symmetrisch erscheinen. Dass die Inszenierung trotzdem offen, nicht streng oder monoton wirkt, verdankt sie nicht zuletzt ihrer lebhaften Tonspur. Einige Geräusche lassen sich nicht genau einordnen und bilden dadurch einen spannenden, mitunter mysteriösen Kontrast zum schlichten, unaufgeregten Alltagsgeschehen.

Beide Filme von Matthew Porterfield enden mit einer Autofahrt, vermitteln mit ihr jedoch ganz unterschiedliche Stimmungen. In Putty Hill findet sie nachts statt, ist aus der Sicht des Fahrers gefilmt, und zu den verschwommenen Bildern eines Highways erklingt das unheimliche, undefinierte Grummeln und Stöhnen eines Mannes. In Hamilton sitzt Lena tagsüber auf der Ladefläche eines fahrenden Trucks. Zunächst schaut sie nachdenklich und etwas melancholisch in die Gegend, doch dann scheinen Fahrtwind und Sonne ihre trüben Gedanken zu vertreiben. Sie schließt die Augen und genießt den Sommer. 

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