Hamburger Lektionen

In ihrer zweiten filmischen Texterkundung nach dem Himmler-Projekt (2000) gewähren Romuald Karmakar und Manfred Zapatka Einblick in das Weltbild eines Islamisten. Ein minimalistisches Experiment und ein Beitrag zur Aufklärung.

Hamburger Lektionen

Kurz vor ihrem Kinostart haben die bereits 2006 fertiggestellten Hamburger Lektionen noch einmal an Aktualität gewonnen. Anfang September konnte sich die Boulevardpresse kaum einkriegen vor Erstaunen darüber, dass zwei der in Oberschledorn festgenommenen Terrorverdächtigen waschechte Deutsche waren. Nun führt Karmakars Film vor, wie gut islamistische Indoktrination in deutscher Sprache funktioniert. Manfred Zapatka trägt zwei aus dem Arabischen übersetzte Lektionen vor, die der Imam Muhammad Fazazi 2000 in der Hamburger Al-Quds-Moschee gehalten hat und die als Video in der hauseigenen Buchhandlung erhältlich waren. Drei der Attentäter vom 11. 9.2001, darunter Mohammed Atta, gehörten zu seinen regelmäßigen Zuhörern. Die jüngsten Ereignisse machen es leicht, sich ihre Glaubensbrüder aus dem Sauerland an ihrer Seite vorzustellen. Was im Sinne des Regisseurs sein dürfte, der nach eigenen Worten vor allem zeigen wollte, dass die Texte ein Dokument aus Deutschland, ein Produkt dieser Gesellschaft sind.

 Es geht in Hamburger Lektionen also nicht darum, mit einer Mischung aus Grausen und Faszination „das Andere“ zu betrachten. Stattdessen erhält man die Chance, sich selbst zum Adressat der Reden zu machen, ihre Überzeugungskraft zu prüfen – ohne jede Ablenkung. Wie in Karmakars früherem Film Das Himmler-Projekt (2000) sitzt Zapatka vor dunklem Hintergrund und liest den Text ab, nichts weiter. Damals war Himmlers „Posener Rede“ von 1943 zu hören, eines der wenigen Textdokumente, in denen eine Nazigröße selbst den Judenmord unverhüllt zur Sprache gebracht hat. In Lektionen beantwortet der Redner Fragen der Gläubigen zu spirituellen und praktischen Problemen. Wie betet man richtig? Darf eine Frau alleine reisen? Darf man mit gefälschtem Pass pilgern? Wie wird der Ramadan korrekt datiert? Einige der Themen scheinen für sich genommen langweilig oder harmlos obskur, über allen aber steht das totalitäre Credo, dass der Islam, wie Fazazi betont, ausnahmslos alle Bereiche des Lebens durchdringt.

Hamburger Lektionen

Das Wort „Hassprediger“ ist völlig verfehlt. Es lässt an einen Gift und Galle spuckenden Verrückten denken; beängstigend an Fazazis Ausführungen ist jedoch gerade, wie kühl kalkuliert und in sich schlüssig sie sind. Ganz nüchtern erklärt er den Gläubigen, welches Handeln notwendig und vernünftig ist. Exemplarisch hierfür seine Beantwortung der Frage, ob es Muslimen erlaubt sei, Ungläubige zu bestehlen: Nein, sagt er, das sei nicht erlaubt. Allerdings gebe es unter den Ungläubigen den Sonderfall des Kriegers, der dem Islam feindlich gesinnt sei. Dessen Besitz sei antastbar, ihm etwas wegzunehmen kein Diebstahl – zumal wenn sich Muslime nur zurückholten, was ihnen der Westen genommen habe. In westlichen Demokratien – Volksherrschaften – wiederum seien letztlich alle Staatsbürger Krieger, deshalb dürfe man ihnen auch den Besitz nehmen. Und sie töten, wie Fazazi in einem kleinen Exkurs ergänzt. Mit ganz ähnlicher Logik hatte Himmler Vernichtungskrieg und Massenmord als unvermeidbare Unannehmlichkeiten dargestellt.

Trotz des extremen Minimalismus ist der Film mehr als nur eine abgefilmte Lesung. Der Kinosaal als Rezeptionsort und Suggestionsraum ist unverzichtbarer Teil des Projekts. Dort, wo man für gewöhnlich visuell überwältigt wird, übersetzt man einen Text in andere Bilder als bei einem Live-Vortrag. Karmakar weiß schon, warum er Zapatka nicht einfach auf eine Lesereise geschickt hat. Zu Beginn beider Lektionen zeigt er eine Außenansicht der Moschee, ein unscheinbares Gebäude in einer Hamburger Straße – und lokalisiert damit den Schauplatz des Films als „unerkannt mitten unter uns“ . Diese eigentümliche Mischung aus Nähe und Distanz bestimmt das Verhältnis des Zuschauers zum Geschehen. Über die Stimmung im Saal, über Lachen und Zwischenrufe, halten uns knappe Zwischentitel auf dem Laufenden. Zapatka spricht meist ruhig und sachlich, umso eindrücklicher wirkt es, wenn er bei Verboten leicht die Stimme hebt. Die Kamera bleibt statisch, doch die rhythmischen Einstellungswechsel– der Schauspieler ist abwechselnd halbnah und nah, im Profil und frontal zu sehen – lenken unweigerlich unsere Aufmerksamkeit. Das Erstaunliche an dieser Methode ist, dass sie zugleich suggestiv und analytisch ist. Sie ruft beklemmende Bilder hervor, und gleichzeitig untersucht sie Struktur und Wirkungsmechanismen von Fazazis Vortrag.

Hamburger Lektionen

Keineswegs ist der Film, wie vielerorts zu lesen ist, wertfrei. Schon den Stoff als Nachfolger des Films über die Posener Rede ausgewählt zu haben ist eine Wertung. Hamburger Lektionen wird so gleichsam zum zweiten Teil einer Reihe über Faschismusspielarten. Was den Umgang mit dem Islamismus betrifft, positioniert sich Karmakar schon dadurch, dass er einen nur für Eingeweihte gedachten Text zu einem öffentlichen Gegenstand macht: Er gestattet Fazazi nicht, seine reaktionären und antimodernen Thesen der Diskussion zu entziehen, redet aber auch nicht über ihn hinweg, sondern lässt uns hören, was er zu sagen hat. Und indem er sich auf den Text konzentriert, bar jeder visuellen Ausschmückung, hilft er, den Diskurs freizuhalten von rassistischen und ausländerfeindlichen Implikationen. Es geht um die Inhalte einer Ideologie, nicht um Sprache oder Herkunft ihrer Anhänger.

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