Hallam Foe
Nach dem eher enttäuschenden Asylum (2005) zeigt sich der schottische Filmemacher David Mackenzie wieder in Form.
Seine Mutter starb auf dem Grund eines tiefen Sees. Vielleicht zieht es ihn deshalb immer wieder hoch hinaus. In seine Wolkenkuckucksheime. Etwa in ein Baumhaus, seinen eigenen kindlichen Schutzbunker gegen die Unwägbarkeiten des Erwachsenwerdens. Oder auf das Dach des heimischen Schlosses, wo er allen Dingen enthoben scheint. Und ist er seiner verstorbenen Mutter hier oben, unter dem freien Himmel, nicht am nahesten? Seit ihrem Tod lebt der 17-jährige Hallam (Jamie Bell) in seiner eigenen Welt – oder besser gesagt: er versucht es. Denn notgedrungen muss er sich dann und wann in die Niederungen des Familienlebens herab begeben. Vor allem Verity (Claire Forlani), die neue Frau an der Seite seines Vaters, ist ihm ein Dorn im Auge. Sie macht er für das tödliche Bootsunglück seiner Mutter verantwortlich und bezichtigt sie des Mordes. Als die Spannungen zwischen den Familienangehörigen zu groß werden, flüchtet Hallam aus dem ländlichen Herrenhaus nach Edinburgh. Während er in den Straßen der Großstadt seinen Mann stehen muss, begegnet er der schönen Kate (Sophia Myles). Er verfolgt sie, er verfällt ihr, er schläft mit ihr. Problematisch nur, dass sie das Ebenbild seiner toten Mutter ist.
So handelt Hallam Foe denn von einem, der seine sicheren Anhöhen daheim verlassen und „aus dem Nest raus“ muss, um nach und nach eine Abwärtsbewegung zu vollziehen, nach unten, in die Straßen, unter die Menschen, hinein ins pralle Leben – wo es heißt Abschied zu nehmen, von der schützenden Figur der Mutter und den geborgenen Tagen der Kindheit, um seine Selbständigkeit unter Beweis zu stellen. Eine klassische Coming of Age-Geschichte also, mit viel Verve von dem schottischen Filmemacher David Mackenzie erzählt. Einer der großen Leistungen seines Films besteht darin, wie gekonnt er Genres und Gefühle vermischt, um das emotionale Tohuwabohu des Heranwachsens auf die Leinwand zu zaubern. Tragik, Thrill, Romantik, Sex und vor allem ein guter Schuss Komik verdichten sich zu einem energiegeladenen Jugenddrama, das gekonnt die Schnittstelle zwischen Kindheit und Erwachsensein auslotet.
Sein Titelheld erinnert stark an den rebellierenden Harold aus dem Adoleszenz-Klassiker Harold and Maude (1971). Verschroben und „creepy“ sind sie beide. Verwirrte Jugendliche mit einer ordentlichen Portion Todessehnsucht, die nur eine Angst vor dem Leben ist. So wie Harold seine Umwelt schon einmal gern mit seinen scheinbaren Selbstmorden schockte, erschreckt Hallam vorzugsweise Liebespärchen in animalischer Kostümierung oder trägt die Kleider seiner toten Mutter auf. Provokationen in Richtung einer Umwelt, die für sie keinen Platz bereithält. Ganz sicher auch Hilfeschreie von Verlorenen. Für die Darstellung des schrulligen angry young man erweist sich Jamie Bell als Glücksfall. Leichtfüßig changiert er zwischen Ekelpaket und Sympathikus. Von todtrauriger Betrübtheit bis zu roher Aggression demonstriert er das ganze Gefühlschaos einer verqueren Teenagerseele.
Außer zu Harold and Maude stellt Mackenzie noch zahllose Bezüge zu anderen filmischen oder literarischen Werken her. Von Hamlet bis Hitchcock wimmelt es vor Zitaten. Und so scheint es als seien die geistigen Väter unserer Kulturgeschichte in diesem Film ebenso allgegenwärtig und bestimmend wie die verlorene Mutter in Hallams Welt. Bilder unseres kollektiven medialen Gedächtnisses finden sich hier inszeniert und revitalisiert, die eine Atmosphäre des Erinnerns und Nicht-Loslassen-Könnens anstimmen. Der innere Tumult der Hauptfigur und deren Unvermögen mit Vergangenem abzuschließen werden somit quasi auf die filmstilistische Ebene projiziert.
Zu den Höhepunkten des Films gehören jene Szenen, in denen Hallam und Kate sich sexuell nahe kommen. Wenn er mit jener Frau, die seiner Mutter äußerlich so sehr ähnelt, ins Bett steigt, dann nicht nur, um eine bloße physische Befriedigung zu finden, sondern vor allem eine seelische. Auf äußerst konsequente Art versucht er, seine Sehnsucht nach einer Rückkehr in den Mutterschoß zu stillen, die absolute Geborgenheit zu finden. Und so besitzt dieser Akt zugleich etwas pervers Inzestuöses als auch etwas Reines, Naives und Unschuldiges. Mackenzie versteht es, der Sexualität unverbrauchte Seiten abzuringen und beschreibt weit mehr als nur einen biologischen Prozess oder eine romantische Situation – diese Fähigkeit hatte er schon eindrucksvoll in Young Adam (2003) unter Beweis gestellt. Hier nun zeigt sich ein weiteres Mal sein sicheres Gespür für die Inszenierung von physischer, wie emotionaler Intimität.
Auch findet man den düster-existentialistischen Touch, den Mackenzies bisheriges Werk auszeichnet, in Hallam Foe wieder. Doch diesmal gesellt sich ein neuer Ton hinzu. Hinter der rauen realistischen Oberfläche seines Films ist Märchenhaftes zu spüren. Schließlich geht es um einen, den seine böse Stiefmutter verstieß und der daraufhin auszog, das Leben zu lernen. Indem Mackenzie seinen Film stilistisch zwischen krudem Realismus und Märchenhaftem positioniert, reflektiert er die Grundbefindlichkeit seines Helden. Weder Kind noch Erwachsener, irrt dieser in einem hybriden Raum umher, der zwar noch naiven Fantasien verhaftet ist, doch zugleich von der Wirklichkeit eingeholt wird.
Ein zuweilen surreales Setting und eine poetische Bildsprache tun ihr übriges, um eine märchengleiche Stimmung zu schaffen. Neben aller Melancholie gewinnt der Film dadurch an Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Und ein kraftvoller Britpop-Soundtrack, der bei den diesjährigen Filmfestspielen von Berlin mit dem „Silbernen Bären für die Beste Filmmusik“ ausgezeichnet wurde, sorgt zusätzlich für genügend frischen Wind, um einige der dunklen Wolken aus Mackenzies für gewöhnlich trübem Universum zu jagen. Somit dürfte Hallam Foe dessen bis dato unterhaltsamster und zugänglichster Film sein.
Filmkritik von Welf Lindner
Veröffentlicht am 29.08.2007
Kommentare zu Hallam Foe
Martin Z. 19.03.2009 14:01
Wenn es das Wesen einer Groteske ist, nur halbe Sachen zu machen, dann ist das eine ganz tolles Beispiel. Die Hauptfigur ist ein Spanner und Außenseiter, der im höchsten Maße ödipiert. Er versucht die verhasste Stiefmutter umzubringen – holt sie aber wieder aus dem Wasser. Er verliebt sich in die seiner Mutter ähnliche, bindungsunfähige Personalchefin. Als das schief, geht sagt sie „Komm doch in fünf Jahren wieder mal vorbei.“ Das Boot als corpus delicti hat ein Leck, er macht es überflüssigerweise einfach nur größer. Das alles wird in düsteren, zwischen äußerst dunklen bis unerkennbaren Bildern geschildert. Keineswegs langweilig, aber halt grotesk.waldes
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Hallam Foe
Großbritannien 2007
Laufzeit: 96 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: David Mackenzie
Drehbuch: Ed Whitmore, David Mackenzie
Produktion: Gillian Berrie, Matthew Justice
Bildgestaltung: Giles Nuttgens
Montage: Colin Monie
Darsteller: Jamie Bell, Sophia Myles, Claire Forlani, Ciarán Hinds, Jamie Sives
Kinostart: 30.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Hallam Foe
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 92 Minuten
Extras: B-Roll; Soundbites; Original-Kinotrailer
Verleih ab: 06.03.2008
Verkauf ab: 06.03.2008
Copyright Hallam Foe
Fotos: © PROKINO
BERLINALE 2012

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