Half of a Yellow Sun

Biafras gescheiterte Freiheit als Familiengeschichte. Eine nigerianisch-britische Produktion wagt sich an Chimamanda Ngozi Adichies großen Roman Die Hälfte der Sonne.

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„Biafra-Kinder“: Dieser eigentümliche Ausdruck geisterte noch in den 1970er Jahren und darüber hinaus als Synonym des Schreckens durchs postkoloniale europäische Unterbewusste, wann immer afrikanische Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Abendnachrichten auftauchten – selbst wenn sie gar nichts mehr mit dem von 1967 bis 1970 dauernden Biafra-Krieg zu tun hatten. Die Aufnahmen von in die Kamera blickenden unterernährten Kindern wurden ikonisch und machten einen scheiternden Unabhängigkeitskampf zum Medienereignis. Damals setzte die nigerianische Zentralregierung (unter anderem unterstützt durch die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien) eine Hungerblockade als Waffe gegen die Ethnie der Igbo ein, die mit Biafra einen selbständigen Staat erringen wollte. Die folgende Hungerkatastrophe mit hunderttausenden Toten veranlasste das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, Biafra als schwersten Notfall seit dem Zweiten Weltkrieg zu bezeichnen. Und sie bewegte eine Handvoll französischer Ärzte zur Gründung der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Jungen Europäern ist Biafra oft gar kein Begriff mehr. Auch wenn es, wie so oft, Europas Kolonialvergangenheit war, die den Konflikt mit geschürt hatte.

Das kleine Schicksal im großen

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2006 veröffentlichte die seit Americanah (2013) auch hierzulande gefeierte Autorin Chimamanda Ngozi Adichie ihren Roman Die Hälfte der Sonne. Das Buch, das den Biafra-Krieg aus persönlicher Perspektive verschiedener Figuren behandelt, wurde jetzt fürs Kino adaptiert. Ngozi Adichie stellte an die Umsetzung nur eine einzige Bedingung: Der Film sollte in Nigeria gedreht werden. Dies übernahm der Autor Biyi Bandele, selbst Nigerianer und Sohn von Yoruba aus dem Norden. Half of a Yellow Sun, Bandeles erste Regiearbeit, versammelt eine ganze Reihe internationaler Darsteller, darunter viele aus Nigeria stammende britische Schauspieler und Nollywood-Stars wie Onyeka Onwenu. Dabei steht die Verfilmung vor der schwierigen Aufgabe, der 600-Seiten-Vorlage gerecht zu werden – und nicht als Gute-Absichten-Film die komplexen Vorgänge im privaten Melodram zu verlieren.

Das kurzzeitige Glück der Mittelschicht

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Half of a Yellow Sun setzt im Nigeria der 1960er Jahre ein. Die Fesseln der britischen Kolonialmacht sind (vermeintlich) abgeworfen. Im Vorspann glitzert das schöne Leben der Unabhängigkeit wie eine Discokugel. Die Zwillingsschwestern Olanna (Thandie Newton) und Kainene (Anika Noni Rose), Töchter eines reichen Unternehmers in Lagos mit direkten Beziehungen in Regierungskreise, sind an Elite-Universitäten ausgebildet, sprechen mit britischem Akzent und haben wenig Interesse, den Vorstellungen ihrer Eltern zu folgen. Kainene lacht über den protzigen Vater, steigt aber trotzdem ins Familienunternehmen ein und arbeitet als Geschäftsfrau. An ihrer Seite: Richard, melancholischer Schriftsteller aus London (mit wässrigen Augen: Joseph Mawle). Olanna, Soziologin, verlässt die Lichter der aufstrebenden Hauptstadt Lagos und folgt einem Lehrauftrag in die Universitätsstadt Nsukka. Dort lebt sie mit dem Uni-Dozenten Odenigbo (Chiwetel Ejiofor, 12 Years a Slave, 2013), von ihrer Schwester spöttisch „dein revolutionärer Ehemann“ genannt.

Nächtelang diskutiert Olannas linksintellektueller Freundeskreis über die postkoloniale Zukunft des Kontinents, die Bedeutung von ethnischer Zugehörigkeit, über den „weißen Mann“ und Jollof-Reis. Die Intelligenzia des Landes trinkt Bordeaux, spielt Tennis und ist in mancher Beziehung London näher als den Dörfern der Schwiegereltern und der Houseboys. Und doch – wer will schon nach London? Es gilt, das Land mit aufzubauen. „Ich bleibe hier!“, wird zum patriotischen Ausruf der Schwestern. Nur die Eltern haben Flugtickets gebucht, um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, als die politische Lage instabil wird, und die Gewalt zu eskalieren droht: „There has been a coup“. Das ist das Setting.

Kampf um die halbe Sonne

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Zwischen den Erzählsträngen vom Liebes- und Familienleben wird die Gründung und der Untergang Biafras erzählt. Die Entwicklungen des Krieges, den Filmfiguren via Radio übermittelt, sind mit Hilfe von schwarz-weißem Originalmaterial eingearbeitet. Den berühmten Bildklischees – wie eben jene zur Chiffre gewordenen Hungerbäuche – folgt der Film nicht. Denn die Figuren leben lange Zeit in privilegierten Verhältnissen. Ihr Alltag geht zunächst weiter, auch wenn den Vertriebenen langsam das Kerosin knapp wird. Doch der Hunger wird schließlich zum Auslöser des dramatischen wie leisen Endes von Half of a Yellow Sun.

Subtil ist der Film nicht: Es wird kräftig geschrien, geschwitzt und geweint. Geliebt, fremd gegangen und betrogen. Gefeiert und gesoffen und verziehen. Bomben fallen dann, wenn die Klinge gerade die Hochzeitstorte zerschneiden soll. Und doch wird auch der mitunter beeindruckende Pragmatismus Sub-Sahara-Afrikas sichtbar: Da wird das Seitensprung-Baby eben als das eigene adoptiert. In einem der Erzählstränge geht es um Hexerei – wobei sich Ugwu (John Boyega) und sein „Master“ Odenigbo des Zauberwerks sicher sind, während Olanna nur darüber lachen kann. Nur ein Beispiel dafür, wie Regisseur Bandele Ngozi Adichies gekonnte Verwebung der polyphonen lokalen Diskurse umsetzt.

Starke Rollen – starke Effekte

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Erfrischend ist der Fokus auf starke Frauenrollen und starke schwarze Hauptrollen. Doch trotz des sehenswerten Spiels von Thandie Newton und Chiwetel Ejiofor ist die Ambivalenz der Protagonisten deutlich weniger ausgeprägt als im Roman. Auch Figuren wie der zum Kriegsdienst gezwungene houseboy Ugwu bleiben im Film recht eindimensional. Und die soziale und politische Komplexität des Geschehens wird eher angedeutet als durchgearbeitet, wenn sie nicht gar in der pathetischen Musikuntermalung untergeht.

Dennoch wäre Half of a Yellow Sun ein wichtiger Schritt, ein in der umtriebigen Vielfalt des nigerianischen Kinos entstandenes Werk auch in westliche Sehhorizonte zu holen. Wo afrikanische Filme längst hingehören. Hingehören sollten. Damit afrikanische Geschichte(n), schwarze Geschichte(n) nicht nur als US-amerikanisch dominierte Koproduktionen  wahrgenommen werden (Hotel Ruanda, 2004; Der letzte König von Schottland, 2006; Mandela: Der lange Weg zur Freiheit, 2013). Bislang hat der Film jedoch noch keinen deutschen Verleih gefunden. Zu sehen ist er derzeit auf dem Afrikamera-Festival im Berliner Kino Arsenal. 

Trailer zu „Half of a Yellow Sun“


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