Hairspray

Anders als John Water’s Original ist Adam Shankmans Hairspray nicht mehr und nicht weniger als ein nahezu perfektes Sommermusical, mit Straßentanzszenen und viel Gesang.

Hairspray

Aficionados zucken wahrscheinlich schon beim Gedanken daran zusammen, dass Big-Budget-Hollywood sich einen Film von John Waters zum Zwecke eines Remakes einverleiben könnte. Nun ist mit Hairspray genau das geschehen, und Waters zuckt nicht nur nicht mit, sondern ist im Remake seines wunderbar ungeschliffenen Films aus dem Jahr 1988 auch noch in einem kurzen Gastauftritt zu sehen – als Exhibitionist, wie es dem Mann angemessen sein mag, der in seinem letzten Film, A Dirty Shame (2004), Selma Blair ein Paar riesiger Brüste verpasste und dessen Filme insgesamt so reich sind an nicht nur sexuell bizarren Charakteren.

Dass das neue Hairspray trotz eines solchen Cameo-Auftritts gänzlich jugendfrei ist, mag für Waters-Fans Ausdruck des Problems sein. Denn obwohl Adam Shankmans Neuinszenierung über ganze Strecken dem Original folgt, fehlen doch – vom Ausdrücken eines Pickels in Großaufnahme bis hin zu physischen Auseinandersetzungen auf der Straße, als eine Demonstration gegen Rassismus in einem Scharmützel mit der Polizei endet – allerhand Unreinheiten und schroffe Stellen, die Waters’ Hairspray so interessant machen.

Hairspray

Aber das ist vielleicht der anderen Form des Films sehr gemäß: Die Neuinszenierung ist ein Musical und basiert ihrerseits auf der Broadway-Adaption von Waters’ Film. Es wird von Anfang bis Ende viel gesungen und getanzt, mehr und flotter, auch eleganter inszeniert als in den achtziger Jahren, die in Waters’ Film in jeder Szene und in der gesamten Ausstattung durchschienen.

Die Handlung ist fast unverändert, allenfalls ein wenig gestrafft: Tracy Turnblad (Nikki Blonsky), übergewichtige Teenagertochter einer nicht weniger kräftigen Hausfrau (John Travolta) und eines Scherzartikelhändlers (Christopher Walken), ersehnt nichts mehr, als in der Corny-Collins-Show aufzutreten. Tracy und ihre Freundin Penny Pingleton (Amanda Bynes) tanzen vor dem Fernseher mit, wenn das Ensemble mit seiner Show beginnt, und sie zögern nicht lange, als Corny Collins (James Marsden) zu einem Vortanzen einlädt: da muss Tracy hin!

Hairspray

Die Handlung will es natürlich, dass Tracy künftig der neue Star der Show wird, so unwahrscheinlich dies für eine junge Frau ihres Körperformats auch immer sein mag, die Probleme fangen aber damit erst an. Denn nicht nur muss sich Tracy nun der Konkurrenz in der schlanken, blonden Form von Amber Von Tussle (Brittany Snow) und ihrer ehrgeizigen Mutter Velma (Michelle Pfeiffer) erwehren, sie wird auch erstmals ernsthaft mit der im Baltimore der frühen 1960er noch immer sehr sichtbaren Rassentrennung konfrontiert – was spätestens dann zu ihrem Problem wird, als sich Penny in ihren schwarzen Schulkameraden Seaweed (Elijah Kelley) verliebt.

Hairspray wirft also mit Rassismus und dem Schönheitsdiktat der audiovisuellen Medien ein paar ernste Themen in den Ring, die er auf durchaus elegante Weise umtanzt und behandelt. Man mag da von Waters’ Hairspray einiges an Ernsthaftigkeit vermissen, aber Shankmans Film gibt nie vor, mehr zu sein als er ist. So werden die Probleme der Zeit zwar nicht spielerisch abgetan, sondern immer wieder in der Inszenierung aufgenommen – bis hin zu den Ratten, die Baltimores Straßen mit bevölkern. Im großen Showfinale – das Gute obsiegt, wen wundert’s – werden die Sorgen aber mit Gesang und Tanz glorios verabschiedet. Anders als Dreamgirls (2006), das letztlich von zuviel Gedankenschwere nahezu erdrückt wird, spielt Hairspray so von der ersten bis zur letzten Minute alle Stärken des Musicalgenres aus.

Hairspray

Dass ihm das gelingt, liegt an der durchaus mitreißenden Musik, vor allem aber an dem sehr entspannt agierenden Ensemble. Hinter die jugendlichen Darsteller treten die erfahreneren zurück; insbesondere Blonsky trägt den Film mit ihrer Stimme und strahlt die Lebensfreude ihrer Figur in jedem Moment aus. Michelle Pfeiffer hinterlässt, sehr schön abgelebt und verzweifelt verrucht, den vielleicht interessantesten Eindruck, während Christopher Walken und John Travolta wohl das Traumpaar des Kinojahres sein werden.

Im Vorfeld wurde viel über die Besetzung der Edna Turnblad mit Travolta diskutiert, aber daran ist nichts verkehrt. Travolta gibt seiner Figur kein affektiertes Gehabe – wie das auch der große Transvestit Divine nicht tat, der die Rolle in Waters’ Film spielte – und verleiht ihr, insbesondere in der vielleicht zärtlichsten Tanzszene des Films, einem Duett mit Walken – eine zarte Eleganz, die seine massige Fatsuit vergessen lässt.

Hairspray hat in der neuen Fassung viel von seiner gesellschaftskritischen Kraft verloren – die Anspielungen etwa auf Alfred Kinsey und Nathaniel Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe (The Scarlet Letter) sind ausgetauscht durch ein fast rein popkulturelles Referenzsystem, das unter anderem über Cameo- und Gastauftritte auf andere Filme verweist. Nur gelegentlich rutscht da noch ein wenig Medienkritik durch, wenn die Wahl zur „Miss Teenage Hairspray“ am Schluss des Films einer Castingshow gleicht.

Stattdessen nutzt der Film seine Stärken als Musical voll und ganz aus und wird zu einem nahezu perfekten Feel-Good-Sommermusical, das ein paar politische Themen gut gelaunt mit besingt. Mehr kann man nicht, mehr muss man aber auch nicht erwarten.

Trailer zu „Hairspray“


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Kommentare


Tanja

Daanke für diesse kritik!
sie sagt das aus was ich denke!
nette seifenkopie,ausreichend für ein feelgood kinoabend aber das krude,aufgerissene john waters das was haisrsprasy eigentlich ausmacht--ist es nicht-kann ja auch gar nicht. frage nur wieso das ganze?


Thorsten B.

Was war das denn ?
Ich kenne den alten originalfilm,
und finde den echt klasse, aber
was ich in der neuverfilmung gesehen habe hat mir wirklich
die sprache verschlagen.
Ich kann nur sagen:
Dümmlicher Tanzfilm, der mit
dem original nichts mehr zu
tun hat.
Schande Schande Schande






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