Hail

Im Leben von Daniel P. Jones regnet es nicht. Es hagelt.

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Manchmal, ganz selten, findet jemand ein Bild, wie es zuvor noch keines gegeben hat. Eines, das frisch und komplett unverbraucht ist, das im Kopf hängen bleibt. Amiel Courtin-Wilson hat ein solches Bild gefunden: Ein Pferd fällt vom Himmel. Wie aus einem Flugzeug abgeworfen, rauscht sein Leib unaufhaltsam der Erde entgegen und wird vom Wind hin und her gerissen. Dieses Bild lässt sich nicht adäquat in Worte fassen – man muss es gesehen haben, um seine Kraft zu spüren. Es öffnet sich auch keinem rationalen Verständnis. Sicher, man könnte es sich interpretatorisch so zurechtbiegen, als sei es in symbolischer Form mit den Geschehnissen der Erzählung verbunden. Doch eigentlich ist es einfach nur es selbst: ein nacktes Bild, das keiner Umhüllung durch einen narrativen Kontext bedarf. Es ist so schön und so verstörend, dass es ganz allein stehen kann.

Dieses Bild stammt aus Hail (2011) – einem australischen Drama, dessen Protagonist, Hauptdarsteller und Inspirationsquelle Daniel P. Jones ist. Das Drehbuch beruht auf seinen Aufzeichnungen aus dem eigenen Leben, die Nebenfiguren entstammen seinem tatsächlichen sozialen Umfeld. Im Leben mancher Menschen regnet es ständig. Im Leben von Daniel P. Jones regnet es nicht. Es hagelt. Dieses Schicksal ist ihm ins Gesicht gezeichnet – in sein verwittertes, verbrauchtes, eingefallenes Gesicht.

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Zu Beginn kommt Daniel aus dem Gefängnis, seine Frau Leanne (Jones’ reale Lebensgefährtin Leanne Campbell) empfängt ihn mit kindlicher Freude. Der von inneren Dämonen getriebene Hüne wird in ihren Armen ganz sanft. Zärtlich lieben sich die beiden – und wie in großen Teilen dieses fiktionalen Films muss dafür kaum etwas gestellt werden. Die zwei „spielen“ einfach nur sich selbst, die Grenze zwischen Dokumentation und Inszenierung wird unscharf. Die daraus resultierende Authentizität (und Intimität) hat sich Regisseur Courtin-Wilson verdient, indem er durch jahrelangen Kontakt zu Jones dessen Vertrauen erworben hat.

Daniel will nichts lieber, als sich zu resozialisieren und mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen. Zunächst scheint der Neustart in ein besseres Leben zu klappen: Daniel findet Arbeit, erlangt langsam das Vertrauen seiner Kollegen und kann sich, wenn ihn die alten Reflexe doch einmal anfechten, stets in das Sicherheitsnetz fallen lassen, das Leanne für ihn darstellt. Doch Daniel stellt nach einer Weile fest, dass ihm das Stigma des Ex-Knackis anhaftet und er stets ein gesellschaftlicher Außenseiter bleibt, der immer wieder Demütigungen über sich ergehen lassen muss. Als dann noch ein tragischer Unfall hinzukommt, sieht Daniel rot.

Hail ist ein erstaunliches, wenn auch nicht immer überzeugendes Spielfilmdebüt. Der Umschwung von Ruhe zur Rage wird nicht ausreichend glaubhaft gemacht und geschieht zu schnell. Der Plot weist mitunter recht deutliche Parallelen zu thematisch ähnlichen Filmen auf – insbesondere zu Gaspar Noés Menschenfeind (Seul contre tous, 1998). Und Courtin-Wilson fällt nach erzählerisch und formal sehr anspruchsvollen Abschnitten im letzten Drittel auf relativ einfache Genremuster zurück.

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Dass dieses Rachedrama dennoch stets sehenswert bleibt, liegt – neben Daniel P. Jones – vor allem an seiner ungewöhnlichen Form. Denn Courtin-Wilson kombiniert sozialrealistische Elemente mit den Mitteln des Experimentalfilms. Wenn die Kamera Daniels Physiognomie geduldig abtastet, einzelne Körperteile (einen schreienden Mund, verdrehte Augäpfel, wehende Haare) in detaillierten Nahaufnahmen zeigt und dabei immer wieder mit unscharfen Einstellungen spielt, erinnert das an die haptischen Avantgardefilme von Philippe Grandrieux (dem wir ein Special gewidmet haben).

Mehrfarbiges Licht und extreme Zeitlupen setzt Hail genauso geschickt ein wie den zunehmend dissonant-verzerrten Soundtrack. Mit Bildern von Wasser in verschiedenen Aggregatzuständen visualisiert der Film den flüssigen, sich beständig verändernden emotionalen Zustand seines Protagonisten. Und wenn dieser sich seinem Hass und seiner Wut hingibt, wird aus den Bildern ein wildes, amorphes Rauschen. Die Verstörung von Daniels Geist überträgt sich in einen experimentell-abstrakten stream of consciousness, der uns das Innenleben der Hauptfigur erfahren lässt.

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Dass die Visualisierung dieser seelischen Metamorphosen schließlich zugunsten des Plots wieder aufgegeben wird, ist fast ein wenig schade angesichts der stilistischen und atmosphärischen Brillanz der Experimentalabschnitte. Doch auf dem Weg zurück aus dem Kopf in die Welt wird eines klar: Den Kampf gegen den äußeren Widersacher mag Daniel gewinnen – aber die Schlacht gegen den inneren Feind dauert fort.

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