Hai-Alarm am Müggelsee

Kein Katastrophenfilm, aber was sonst? Irgendwo zwischen den Fixpunkten Bully Herbig und Helge Schneider geht dem Regiegespann Leander Haußmann und Sven Regener der rote Faden verloren.

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Es ist so eine Sache mit Insider-Humor im Film. Er kann eine befreiende Wirkung auf die Beteiligten und die Zuschauer haben, weil er die Konventionen des Mainstreams, die er natürlich genauestens kennt, subversiv oder anarchisch zu wenden weiß. Mit dem Wissen um dieses Spannungsfeld wird auch das Publikum zum Verbündeten der Filmemacher, der im besten Fall den Witz aus dem Kinosaal mit in die Welt hinausnimmt und weiterträgt.

Schwieriger wird das, wenn dem Zuschauer die Bezugspunkte fehlen, wenn sich der Witz eigentlich nur den Machern selbst erschließen kann, da sie ihre Assoziationen und Bedeutungsebenen vollkommen losgelöst von gängigen (pop-)kulturellen Referenzsystemen definieren.

Ein gutes Beispiel für die erste Form sind Michael „Bully“ Herbigs Blockbuster Der Schuh des Manitu (2001) und (T)Raumschiff Surprise – Periode 1 (2004). Hier werden populäre Film-Stereotypen mit Hilfe von Imitation, Parodie, Verkleidung und Umdeutung eigenwillig, aber in nachvollziehbarer Weise humoristisch dekonstruiert.

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Dagegen stehen die Anti-Filme Helge Schneiders, die sich ausschließlich im instabilen Kosmos des Entertainers bewegen und dadurch auch ein weitaus kleineres Publikum ansprechen, sich aber dafür einen treuen Fankreis erarbeitet haben. Gemeinsam haben beide Regisseure, dass ihr Insider-Humor bereits vor der Leinwandadaption bekannt und erfolgreich war, sodass sie von dem Verständnis des Zielpublikums ausgehen konnten.

Daran, dass es sich bei Hai-Alarm am Müggelsee um einen Insiderfilm handelt, lassen Leander Haußmann und Sven Regener keinen Zweifel. Schon das eingeblendete „Müggelfilm“-Logo mit den Konterfeis der beiden Regisseure, ein von ihnen schief-eingesungenes Jingle sowie der scheinbar aus Unachtsamkeit nicht herausgekürzte Kommentar Regeners zum gelungenen Take verweisen auf einen ausdrücklich zur Schau gestellten Dilettantismus. Als musikalisches Duo liefern sie zudem nicht nur die Titelmusik, sondern werden selbst zum Teil der Handlung, indem sie als kommentierende Sänger/Musiker auftreten. Dass es Haußmann nach seinem aufwändigen und von der Kritik gelobten, an den Kinokassen aber gefloppten Hotel Lux (2011) zu einem kleinen, persönlichen Filmprojekt gezogen hat, das er zusammen mit seinem Freund, dem Element-of-Crime-Sänger und Herr Lehmann-Autor Regener, umsetzen konnte, untermauert diesen Insider-Status.

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Der Titel verweist indes auf ein erstes erwartbares Referenzsystem, nämlich das des „Trashfilms“. In Deutschland hat besonders der Fernsehsender RTL mit ähnlich gelagerten Filmtiteln einen zweifelhaften Ruf durch kuriose „Event-Movies“ wie Bermuda-Dreieck Nordsee, Die Bademeister – Weiber, saufen, Leben retten oder eben Hai-Alarm auf Mallorca erlangt. So macht Hai-Alarm am Müggelsee zunächst einmal neugierig, weil es eben keine vorhersehbare deutsche „Asi“-Komödie mit Atze Schröder ist, sondern eine Produktion von X-Filme, die so neben aufwändig produzierten, international ausgezeichneten Werken von Tom Tykwer, Michael Haneke und Wolfgang Becker steht.

Dass postmoderne Pulp-/Trash-Zitatefilme funktionieren und erfolgreich sein können, zeigte im Kino zuletzt die finnische Nazi-Science-Fiction-Komödie Iron Sky (2012). In Deutschland tun sich Produktionen abseits von klar definierten Sujets, wie in Herbigs Filmen oder in der Edgar-Wallace-Hommage Der Wixxer (2004), eher schwer.

Der durch den Erfolg von Knockin’ On Heavens Door (1997) verwöhnte Thomas Jahn bekam nach seinem Flop Kai Rabe gegen die Vatikankiller (1998) im Kino beispielsweise keinen Fuß mehr auf den Boden.

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Das Gespann Haußmann/Regener hat nur leider überhaupt kein Interesse an einer Reflexion über oder ein selbstreferenzielles Spiel mit dem Trash- oder gar Genrekino. Zwar liefern sie mit dem Setting (provinzielle Kleinstadt bzw. in diesem Fall der verschlafene Berliner Ortsteil Friedrichshagen), dem Plot (gefährliche und plötzliche Bedrohung durch einen Eindringling) sowie dem Figurenarsenal (der prestigegeile Lokalpolitiker, die sinnlich-naive Blondine, der einzelgängerische Hai-Jäger, der Wissenschaftler) die notwendigen Zutaten, fangen aber nichts damit an. Vielmehr entwickelt sich Hai-Alarm am Müggelsee zu einer Art Provinzposse in einer Kulisse, die wirkt, als hätten sie Lars von Triers Dogville (2003) mit Hilfe des Augsburger-Puppenkiste-Inventars zu inszenieren versucht.

Das wäre sicher ebenfalls ein legitimer Ansatz gewesen und böte vor allem im Lichte der allgegenwärtigen Aufregung um den Bau des Berliner Flughafens so manche Möglichkeit zu bissiger Satire. Doch außer ihrem ausgiebigen Spott zum Instrument des Stadtmarketings haben die Filmemacher keine große Lust auf Systemkritik.

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Ihr derber Witz orientiert sich da wiederum eher an der Anarchie und am Nonsens Helge Schneiders oder den Zucker-Abrahams-Zucker-Produktionen. Aber auch auf dieser Ebene zeigen sie sich selten konsequent, erreichen weder die Radikalität Schneiders noch das Timing und den Ideenreichtum des absurden ZAZ-Slapsticks. Einzig Henry Hübchen als Bürgermeister Müller erweist sich den Figuren Leslie Nielsens als potenziell durchaus ebenbürtig – wenn er denn die Möglichkeit dazu bekommt. Das ist leider zu selten der Fall.

Haußmann/Regener haben mit Hai-Alarm am Müggelsee ein reines persönliches Spaß-Projekt umgesetzt. Ein egoistisches Unterfangen, das starken Selbsttherapie-Charakter aufweist. Keine Frage, so sind schon Meisterwerke entstanden – aber auch viel wirres Zeug. Eine helfende Hand bei Einordnung des Müggelsee-Universums können die Zuschauer von den beiden Filmemachern nicht erwarten, eher einen ausgestreckten Mittelfinger in alle Richtungen. Ein Insider in seiner reinsten Form also, der es schwer haben wird, sein Publikum zu finden.

Trailer zu „Hai-Alarm am Müggelsee“


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Kommentare


Held

Sehe ich das richtig? Dem Film wird vorgeworfen eben nicht der 100. "postmoderne Pulp-/Trash-Zitatefilm" zu sein?
Anderseits ist doch gerade die Filmklamotte ein fast deutsches "Genre" mit Tradition über alle Jahrzehnte hinweg. Habe den Film noch nicht gesehen, aber der Trailer scheint sich da nahtlos einzureihen, ohne das ich für die Lesart Hilfe von den Regisseuren oder "Filmwissenschaftlern" brauche.


Jens Mayer

Hallo Held,
vorgeworfen wird gar nichts, maximal festgestellt. Zudem habe ich neben dem "postmodernen Trash"-Ansatz, auf den es durchaus ein paar Hinweise gibt, ja auch noch weitere Ansätze aufgezeigt. Mit der Bezeichnung des Films als "Klamotte" kommt man m.E. genauso weit/kurz, das ändert nichts an der Einordnung (zudem der Hinweis auf die Zucker-Abrahams-Zucker-Filme ja in eine solche Richtung geht). Nachdem mich der Film recht ratlos hinterlassen hat, mit dem Gefühl, dass zwar die Mitwirkenden bei der Herstellung großen Spaß gehabt zu haben scheinen, ihr Humor sich aber in weiten Teilen des Films dem Zuschauer nicht erschließt (um nicht zu sagen: nicht lustig ist), habe ich versucht zu schauen, wo das Problem liegen könnte. Natürlich hätte ich auch schreiben können: Der Film ist einfach nicht lustig. Doch das scheint mir als Filmkritik wenig zielführend.


Held

Das ZAZ-Team lebt aber bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls von Referenzen. Mit "Klamotte" meinte ich eher, dass mir der Trailer vorkam, als müsste man nur einige Darsteller mit Heinz Erhardt und einem singenden Roy Black austauschen. Und in den 80er Jahren evtl. mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk. Fertig ist die deutsche Filmklamotte. Ob das Humor hat oder nicht, darüber möchte ich nicht entscheiden. Tatsache aber, es hat in Deutschland Tradition. Im Gegensatz zu Bully, der sich eher am ZAZ Team orientiert.


amelie

wunderbarer Film, großartige Schauspieler, Monthy Python ähnlicher Plot, ein Film voller Poesie, Komik, Absurdität und Fantasie...- die Kritik ist ein Beweis dafür, daß viele Menschen sich nicht auf Neues und /oder Eigenständiges einlassen können...dieser Film will nichts und gibt dafür alles: Gesellschaftskritk, Spaß und indirekte Tragik...da stehen Autoren wir Beckett, Ionesco und Achternbusch eher dahinter als hilflose Versuche, ihn mit deutschen Mainstreamkomödien zu vergleichen...


Michael

Wir haben uns gestern im halbgefüllten Kinosaal (Kulturbauerei Berlin) Hai Alarm angesehen. Warum nicht mal eine Klamotte?! Bis zur Hälfte des Films war der Nonsens witzig. Danach war das Publikum echt bemüh, aber es gab gar nichts mehr zu Lachen. Null Ideen, null Witz, wir fandens lagweilig und waren enttäuscht.






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